Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Archiv / Das ift in der... / 02.04.2004: Zivilcourage (Reutlinger General-Anzeiger)

02.04.2004: Zivilcourage (Reutlinger General-Anzeiger)

Zivilcourage - Wenn Rechtsempfinden und Wertegefühl verletzt sind: Der Mut, in heiklen Situationen einzuschreiten, lässt sich lernen. Ein neues Buch mit CD

Im Alltag den Mund aufmachen

TÜBINGEN (mwm). Am Anfang stand eine empirische Studie unter Berufsschülern in Tübingen und Reutlingen. Ihre Frage: Wie erleben die jungen Leute Zivilcourage im Alltag? Aus dem vom Institut für Politikwissenschaft der Uni Tübingen veranstalteten Projektseminar ging ein Buch hervor mit dem Titel »Normalerweise hätte da jemand eingreifen müssen«. Doch damit war erst ein kleiner Teil der Forschungslücke gestopft.

Aus dieser Arbeit ging ein noch umfassenderes und in seiner Art wohl einzigartiges Buch hervor - ein Gemeinschaftsprojekt der Uni Tübingen, der Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung sowie des Tübinger Instituts für Friedenspädagogik. »Zivilcourage lernen« heißt das neue, 450 Seiten starke Werk, das Gerd Meyer, Professor für politische Psychologie an der Uni, sowie Günther Gugel, Geschäftsführer des Tübinger Instituts für Friedenspädagogik, jetzt vorgestellt haben.

Das in vier Teile gegliederte Werk, zu dem auch eine speziell entwickelte CD-ROM gehört, vereint in einem Dreischritt (Zivilcourage verstehen, fördern und lernen) wissenschaftliche Forschungsergebnisse, gesellschaftliche Praxis, Lernmodelle sowie weiterführende Quellen und Adressen in einem Band.
»Der Begriff Zivilcourage hat Konjunktur«, erklärt Gerd Meyer, weshalb der Begriff bewusst sehr weit gefasst wurde. Das Feld, auf dem Zivilcourage erlebt oder häufig auch vermisst wird, ist weit: Rechtsextremismus, auf der Straße angepöbelte Ausländer, Gewalt an Schulen, in der Familie oder in Gruppen, Mobbing am Arbeitsplatz.

Wissen allein genügt nicht
Zivilcourage, bringt es Gerd Meyer auf den Punkt, verkörpert eine charakterliche Tugend im Alltag. In Situationen, in denen das eigene Rechtsempfinden und Wertegefühl spürbar verletzt werden, muss gehandelt werden.

Zwar werden, da sind sich die Herausgeber einig, die Voraussetzungen für Zivilcourage schon in der Kindheit und Jugend in der Erziehung gelegt. Sie ist aber auch - das ist die Grundthese des Buches - erlernbar. »Es geht darum«, sagt Meyer, »im Alltag den Mund aufzumachen, gegen den Strom zu schwimmen und auch mal Nachteile in Kauf zu nehmen.«

Zivilcourage zu lernen, verdeutlicht Günther Gugel, ist nicht gleichzusetzen mit dem bloßen Lernen des Wissens darüber: »Das setzt tiefer in der Persönlichkeit an. Es geht dabei um Selbstvergewisserung, um Reflexion.«

Das Buch und die mit einem ausgefeilten didaktischen Konzept entworfene CD-ROM sollen es Lehrern, Ausbildern sowie Engagierten in der Jugend-, Erwachsenen- oder Bildungsarbeit erleichtern, das Thema mit ihrer Zielgruppe zu erarbeiten. Auf der CD sind Filmsequenzen, zahlreiche Erläuterungen und 1 400 Seiten Hintergrundinformationen als Text.

Helfen und Einschreiten, heißt es dort, hat nichts mit falsch verstandenem Heldentum zu tun. So kann es in einigen Situationen ausreichen, die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen oder Hilfe zu holen. Das hört sich einfach an, doch eine traurige Erkenntnis zeigt: Je mehr Leute da sind, desto weniger wird geholfen. Die zentrale Forderung heißt deshalb: nicht wegschauen. Damit die Welt nicht »am Gehorsam der Bürger unterzugehen droht«.

Das Buch samt CD kann über das Tübinger Institut für Friedenspädagogik, die Bundeszentrale für politische Bildung oder den Buchhandel bezogen werden.

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School