Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Archiv / Das ift in der... / 09.04.1998: Punker sind nicht das Problem (Schwäbisches Tagblatt)

09.04.1998: Punker sind nicht das Problem (Schwäbisches Tagblatt)

Schüler drehen einen Dokumentarfilm über Gewalt in der Stadt

TÜBINGEN (kek). Mit einem professionellen Kameramann an ihrer Seite zogen sie los. Rund um die Stiftskirche, auf dem Depot-Gelände und in einer Privatwohnung filmten 22 Jugendliche der Albert-Schweitzer-Realschule in einem Projekt des Vereins für Friedenspädagogik das Leben der Punker. Interviews ­ auch Ladenbesitzer, die Polizei und ein Sozialarbeiter kommen zu Wort ­ bilden das Rückgrat des zwanzigminütigen Videofilms mit dem Titel "Treff-Punk(t) Holzmarkt".

Die jungen Filmemacher wollen keine Klischees aufrollen. Ihnen geht es nicht darum, einen Lebensstil zu verurteilen oder zu verteidigen. Nein, sie haben sich vorgenommen, auf ungeschminkte Weise Einblicke in das Leben und Umfeld der Punker in Tübingen zu vermitteln. "Das war gar nicht so einfach" berichtet der 14jährige Bastian Fritz. "Die meisten haben keine Lust, vor der Kamera zu reden." Nur mit Hilfe des Streetworkers Peter Hoffmann gelang es den zwei und dreiköpfigen Teams, ein paar Gesprächswillige zu finden.

Warum sie gerade die Punker für das Ausgangsthema Gewalt auswählten, erklärt Thomas. "Mit denen kommt es immer wieder zu Konflikten. Die sind auffällig." An andere Problemgruppen, wie etwa die Jugendgangs, kämen wir gar nicht ran, sagt Bernhard. "Und mit einer Kamera sowieso nicht." Wichtig ist den Schülern auch die eigene Sicht auf die Situation in der Stadt. Der 16jährige Lucian Gaitanaru spricht aus Erfahrung: "Wir Jugendlichen sind mittendrin in der Gewalt. Wir erleben ständig, wie sich andere schlagen und sehen mehr als Erwachsene." Der erste und einzige Drehtag am Montag vergangener Woche war zusammen mit dem Medienpädagogen und Journalisten Christian Hörburger vom Verein für Friedenspädagogik straff durchgeplant worden. Um neun Uhr morgens schauten die Schüler bei den auf dem Depot-Gelände lebenden Punks vorbei. Ein Dreh in den notdürftig eingerichteten Lagerhallen, ein gemeinsames Frühstück ­ die Filmer suchten ohne Berührungsängste den direkten Kontakt. Auch eine Ärztin und eine Krankenschwester, die zweimal pro Woche vom Gesundheitsamt aus in einem alten Bauwagen die Anwohner medizinisch betreuen, wurden interviewt. "Als ich die Frau fragte, ob die Leute hier Läuse haben, da reagierte sie fast ein bißchen sauer", erzählt Thomas Löffler. Im Laufe des Projekts aber sei ihm klar geworden, daß er Leute nicht aufgrund ihrer äußeren Erscheinung in Schubladen schieben dürfe.

Das Strickmuster des Films

Kein Kommentar, keine Wertung des Gesehenen und Gehörten. Die Collage als Stilmittel dient zur Kontrastierung der Aufnahmen. Drei über ein Rollband eingeblendete Leserbriefe aus dem SCHWÄBISCHEN TAGBLATT spiegeln den Haß und die offene Ablehnung einiger Bürger wider.

Während der Drehs und der Bearbeitung der 90 Minuten Rohmaterial in einem Profi-Studio haben sich die Jugendlichen immer wieder kritisch mit den Problemen der gesellschaftlichen Randgruppe auseinandergesetzt. Persönliche Kontakte veränderten die Sichtweise des 14jährigen Bernhard Dippelt: "Früher hatte ich meine Schwierigkeiten mit den Punks, aber wenn man sie näher kennenlernt, sind viele sehr nett." An aggressives Verhalten und Schnorren muß Bastian denken. Doch tatsächlich bedroht hat ihn und seine Mitschüler bisher noch keiner. Ganz anders sei das mit den rivalisierenden Jugendgruppen, so Bastian. Die Gangs scheuten sich nicht vor Schlägereien. Eine ganze Meute gegen einen ­ da werde kräftig verkloppt. Bernhard stimmt zu: "Eigentlich sind die Punks gar nicht das Problem. Wir gehen ganz anderen Leuten aus dem Weg."

Der Videofilm "Treff-Punk(t) Holzmarkt" kann beim Verein für Friedenspädagogik ausgeliehen, oder käuflich erworben werden.

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School