Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Archiv / Das ift in der... / 16.03.2007: Tübinger Institut trägt Ideen der zivilen Konfliktbearbeitung in Länder, wo Menschen sich bekriegen (Schwäbisches Tagblatt)

16.03.2007: Tübinger Institut trägt Ideen der zivilen Konfliktbearbeitung in Länder, wo Menschen sich bekriegen (Schwäbisches Tagblatt)

TÜBINGEN (upf). Kann man in Ländern, die seit Jahren und Jahrzehnten von gewaltförmigen Konflikten gezeichnet sind, Frieden säen? Den Versuch ist es allemal wert, sagte sich das Tübinger Institut für Friedenspädagogik und machte sich auf den Weg nach Sri Lanka.

Am Anfang des neuen Institutsprojekts steht „Peace Counts“, ein Werk von Journalisten und Fotografen, die an notorischen Brennpunkten der Welt Menschen und Beispiele sammelten und dokumentierten, die trotz allem friedliche Verständigung und Versöhnung voranbringen. „Peace Counts“, Friedensbilanz, statt „body counts“, der Totenzählung, einer Maßeinheit für Kriege. Aber der Begriff hat noch eine zweite Bedeutung: „Peace Counts“ lässt sich auch lesen als „Frieden zählt“.

Aber genügt es, dass diese Friedensbeispiele vor allem in friedlichen Gesellschaften mit ausgeprägten zivilen Regelungsmechanismen beachtet werden? „Man sollte diese Bilder und Reportagen in den Ländern verbreiten, aus denen sie kommen“, sagten sich Uli Jäger (Geschäftsführer) und andere Mitarbeiter des Tübinger Instituts. So entstand die Idee einer „Peace Counts on Tour“, einer friedenspädagogischen Reise in Konfliktregionen.

Die Idee fand Unterstützung beim Programm für zivile Konfliktbearbeitung (zivik) des Instituts für Auslandsbeziehungen, das vom Auswärtigen Amt finanziert wird. Und so reisten Uli Jäger und Ana Mijic vom Tübinger Friedenspädagogik-Institut in der Corrensstraße Ende Februar zusammen mit zwei Journalisten und einem Fotografen für zehn Tage in die Hauptstadt Sri Lankas, Colombo. (Die gebürtige Kroatin Ana Mijic ist Politologin und engagierte sich bisher unter anderem für das Projekt „Ferien vom Krieg“ im ehemaligen Jugoslawien.)

Sri Lanka bot sich als Pilotprojekt an, weil der Konflikt mit den militanten, nach Unabhängigkeit des Nordens strebenden tamilischen Rebellen (Tamil Tigers) in der letzten Zeit wieder aufgeflammt ist. Zugleich konnten die Friedenspädagogen dort auf gute lokale Kontakte aufbauen.

Als ein Land „zwischen Himmel und Hölle“ erschien Sri Lanka den beiden Besuchern aus Tübingen. Auf der einen Seite ein Land von großer Naturschönheit, in dem Angehörige verschiedenster Religionen friedlich zusammenleben. Auf der anderen Seite die „Spirale der Gewalt“, die von den Rebellen und der Armee unter Staatspräsident Mahinda Rajapakse wechselseitig in die Höhe geschraubt wird. Das Waffenstillstandsabkommen von 2002 gilt schon längst nichts mehr; allein seit dem Regierungsantritt von Rajapakse Ende 2005 wurden 4000 Bürgerkriegstote gezählt.

Eine Ausstellung in Colombo als „public event“, Workshops über die Chancen ziviler Konfliktregelung mit „Multiplikatoren“ von Nichtregierungsorganisationen, mit Lehrern, Jugendgruppen, Journalisten – das klingt zunächst nach einem sehr weichen Gegenprogramm angesichts der herrschenden Gewalt: Im Norden Sri Lankas sind Menschen ständig auf der Flucht zwischen Rebellen und der Armee; von beiden Seiten werden Kinder als Soldaten rekrutiert; ein Selbstmordattentäter sprengte erst kürzlich im Süden des Landes einen Bus in die Luft; ein Antiterror-Gesetz, das reaktiviert wurde, erlaubt willkürliche Verhaftungen.

Eindrücklich ist Uli Jäger in Erinnerung, wie eine Bildergeschichte, die von aggressiver Anmache handelt, von Workshop-Teilnehmern in Colombo fortgeschrieben wurde: Ein weißer Lieferwagen fuhr vorbei und entführte einen Jugendlichen – in den Tod, ins Gefängnis, in die Armee? „Das ist dort Alltag.“

Jäger und Mijic sind überzeugt, dass ihre Friedensreise etwas bewirkt hat: Sie erreichten immerhin rund 500 Menschen, es gab Medienberichte. In den Workshops ergab sich auch, dass die Menschen von Erfahrungen anderer Länder lernen, etwa an Beispielen aus Nordirland, oder von den Philippinen, wo Dörfer sich zu „Friedenszonen“ erklärten. „Das eigene Konfliktverständnis wird geöffnet.“

Und die Tübinger sind sicher, dass ihre Anwesenheit die friedensorientierten Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im Land gestärkt hat. Gegen diese unternimmt die Regierung nämlich derzeit eine regelrechte Diffamierungskampagne, indem sie die NGOs unter anderem bezichtigt, Tsunami-Gelder veruntreut zu haben.

Nicht zuletzt, sagt Ana Mijic, „wir lernen ganz viel daraus“. Die Tour de Paix hat keinen besserwisserischen Standpunkt. „Wir kommen, fragen und bieten eine Plattform“, sagt Jäger.

Sofern die Förderung über die Pilotphase hinaus reicht, haben die Friedenspädagogen bereits die nächsten beiden Projekt-Regionen im Auge: Mazedonien und Israel/Palästina.

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School