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17.04.2004: Auch im Anecken zeigt sich Zivilcourage (Schwarzwälder Bote)

Handbuch vermittelt, wie sich sozialer Mut zumindest theoretisch lernen lässt / Keine Garantie für den Ernstfall

Von Christoph Huhle

Eine junge Frau wird im Büro sexuell angemacht. Ihre Reaktion fällt - in Anwesenheit einer dritten Person - ziemlich defensiv aus.

Klickl Die gleiche Szene noch einmal - dargestellt von Schauspielern des Tübinger Landestheaters. Der Peiniger wird deutlicher, die Belästigte unmissverständlicher in ihrer Abwehr - es folgt eine Ohrfeige. Der junge Mann verlässt "geschlagen" den Raum, Klick auf der CDRoml Die dritte Person drückt mimisch Einverständnis mit der deutlichen Abwehr der Frau aus.

Mit Zivilcourage oder sozialem Mut - bei der Abwehr von Freindenfeindlichkeit, gegen Gewalt in Schulen und Mobbing am Arbeitsplatz, aber auch Hilfe bei Unfällen beschäftigt sich ein 450 Seiten starkes Buch, das die Bundeszentrale für politische Bildung, die Landeszentrale Baden-Württemberg, das Institut für Politikwissenschaft an der Universität Tübingen und das dortige Institut für Friedenspädagogik erarbeitet haben.

Die Herausgeber bieten neben einer theoretischen Einordnung und Beschreibung der Handlungsfelder vor allem Anschauungsmaterialen und Hilfestellungen in Text und Bild, wie man diese Tugend lernen kann. Hinschauen und Eingreifen werden aber nicht nur auf bedrohliche Situationen bezogen, für die der Begriff Zivilcourage fast schon Inflationär gebraucht wird, sondern auch auf den Alltag. Dort werden den Multipfikatoren in Schule, öffentlicher und Verbands-Jugendarbeit sowie (gewerkschaftlicher) Erwachsenenbildung riesige Materialmengen zur Verfügung gestellt - von Fragebogen zu Mobbing-Anfälligkeit und -Abwehr über polizeiliche Ratschläge für Notsituationen bis zu ausgearbeiteten Seminarstunden.

Der Politikwissenschaftler Gerd Meyer und der Pädagoge Günther Gugel vom Institut für Friedenspädagogik wiesen jetzt bei der Vorstellung des Buches in Tübingen darauf hin, dass es kein allgemeines Rezept für zivile Couragiertheit gebe. Die Persönlichkeitsprägung vor allem in der Kindheit dürfte eine förderliche Grundvoraussetzung sein; aufgestaufe Gefühle können nach dem Motto "Ich kann nicht anders" zum Handeln führen.

Das theoretische Erlernen von Zivilcourage allerdings gibt noch keine Garantie für die Praxis. Gugel zieht Parallelen zum Auto-Sicherheitstraining und zum Erste-Hilfe-Kurs. Sie schaffen Voraussetzungen, sagen aber nichts über das Verhalten im Ernstfall aus.

Meyer weist als Ergebnisse seiner Forschungen darauf hin, dass Zivilcourage am Arbeitsplatz am schwierigsten sei, weil dort die Meinungsfreiheit am stärksten eingeschränkt sei. Generell zeige sich eine »Diffusion der Verantwortung«: Je mehr Menschen anwesend seien, desto weniger werde den Opfern geholfen. Courage zeige sich im Umgang mit der eigenen Angst, dem Mundaufmachen und nicht Wegschauen, dem Anecken und der Bereitschaft, Nachteile in Kauf zu nehmen. Für Gugel hieße die grundsätzliche Lösung: Diskriminierung wird nicht geduldet. Die Tübinger Mitherausgeher Gugel und Meyer nennen den Band »Zivilcourage lernen« einmalig, weil sowohl Buch als auch CD-Rom und Intemetangebot (www.friedenspaedagogik.de) im Verbund als Bildungsmaterial vorliegen.

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