Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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27.03.2003: Ich denke immer an den blöden Krieg (Reutlinger General-Anzeiger)

Das Tübinger Institut für Friedenspädagogik bietet Eltern und Schulen Hilfen an, wie das Thema "Angst" bewältigt werden kann

Ulrich Kurz

Tübingen. (GEA) »Ich habe Angst, aber man kann nicht so richtig beschreiben, wie die Angst ist« oder »Ich habe große Angst, dass der Golfkrieg noch ein dritter Weltkrieg wird« - das sind die Stimmen nur von zwei Kindern, die mit ihrer Angst nicht allein gelassen werden sollen. »Kriegsangst heißt Zukunftsangst«, sagt der Tübinger Friedenspädagoge Günther Gugel. Und diese Angst tritt vor allem bei Kindern auf, die zwar durchaus im Bilde sind, »was gerade läuft«, die aber die Ereignisse nicht so recht einordnen können. »Ängste müssen Ernst genommen werden« rät der Pädagoge, »die Kinder müssen die Sicherheit haben, dass Erwachsene für sie da sind, sie müssen das Gefühl der Geborgenheit haben.«

Gugel rät davon ab, Kinder vor den täglichen Informationen abzuschotten. Freilich empfiehlt er keineswegs die gängigen Kanäle, schon gar nicht die bekannten Nachrichtensender. Es gibt aber einen extra Kindernachrichtensender, der die Themen exzellent aufarbeitet. Als praktische Ergänzung dazu rät er Eltern dazu, »im symbolischen Bereich« zu handeln, also der Opfer, auch der Kinder in dem vom Krieg überzogenen Land, zu gedenken und für die Opfer zu spenden. Eine der Erfahrungen während des Golfkriegs vor 13 Jahren war, weiß Gugel, dass Kinder, deren Eltern sich engagierten, »die Probleme besser in den Griff bekommen haben.«

Verstehen und verarbeiten

Im übrigen empfiehlt er das Kinderbuch von Irmela Wendt »Der Krieg und sein Bruder« zur Lektüre. Das Institut hat die Rechte erworben und das Buch, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde, ins Netz gestellt.
Bei Schulkindern kann die Latte höher gesetzt werden. Verstehen und Verarbeiten muss im Vordergrund stehen, »in jeden Fach, in jeder Klasse« rät Gugel. Dabei sollte eine Medienanalyse stattfinden, über die Kriegsrhetorik gesprochen werden, Grundfragen wie »Was ist ein gerechter Krieg?« oder »Was bedeutet Völkerrecht?« beantwortet werden.

Nicht dabei fehlen sollte auch die Möglichkeit, Emotionen loszuwerden, an Pinwänden zum Beispiel oder die stille Trauer bei einer Mahnwache, die nicht auf einige Wenige beschränkt bleiben sollte. »Das gemeinsame Denken ist wichtig«, sagt Gugel, »wir halten es auch für notwendig, dass die Opferperspektive stets eine Rolle bei der Verarbeitung der Informationen spielt.

Über Meinung streiten

Für wenig hilfreich hält der Tübinger Friedenspädagoge, wenn Lehrer immer noch glauben, sie müssten sich neutral verhalten. Solange sie begründen könnten, weshalb sie zum Beispiel den Golfkrieg und seine Folgen so und nicht anders beurteilten, kann niemand Anstoß daran nehmen. »Es muss ein inneres Anliegen sein, sich über eine Meinung zu streiten«, findet Gugel.

Dergleichen ist ihm erst Anfang dieser Woche widerfahren: Im Westdeutschen Rundfunk war am Montag eine Schulklasse zu Gast, die eben über den Irak-Krieg diskutierte. Da war nichts mit Versteckspiel, die jungen Leute wollten die Widersprüchlichkeit dieses Krieges herausarbeiten.

Seit Kriegsbeginn im Irak hat das Tübinger Institut für Friedenspädagogik »starke Zugriffszahlen« auf seine Internetseite registriert. Statt der üblichen 50 000 Zugriffen sind es seit Anfang vergangener Woche 70 000. Von Rundfunk, Fernsehen und Presse steigen jetzt auch die Anfragen, das Jugendamt München hatte unlängst 3000 Exemplare der Broschüre »Kriegsangst bei Kindern« bestellt, eine Handreichung, die vorher so gut wie nicht gefragt war.

Insgesamt ist das Institut für das Thema gut gerüstet. Es hält nicht nur Handreichungen für Eltern bereit, Gugel hat auch in einem längeren Beitrag Betroffenheiten und Reaktionsweisen von Kindern auf den Golfkrieg 1990/91 aufgearbeitet.

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