Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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28.03.2008: Gemeinsam den Hass überwinden (Schwäbisches Tagblatt)

Von Celia Eisele

Der israelische Historiker Reuven Moskovitz stellte ein jüdisch-arabisches Friedensprojekt vor. Reuven Moskovitz möchte, dass die Menschen in Israel vergessen: den Hass aufeinander, das Misstrauen, die Angst. Nur dann können Juden und Palästinenser friedlich zusammenleben.

Reuven Moskovitz, Lehrer, Historiker und Friedensdorf-Gründer aus Israel, sprach in Tübingen.

TÜBINGEN. „Wer in der Vergangenheit lebt, zerstört seine Zukunft.“ Das könnte das Motto des Dorfs sein, das Reuven Moskovitz vor rund 35 Jahren mitgründete. Der Träger des Aachener Friedenspreises von 2003 stellte am Mittwochabend im Georg-Zundel-Haus des Instituts für Friedenspädagogik das Projekt vor. Rund 80 Leute wollten das Dorf mit dem hebräisch-arabischen Namen Neve Shalom/Wahat al Salam, auf deutsch „Oase des Friedens“ kennenlernen. „Der Mensch hat die Freiheit zu entscheiden, wie er leben will“, davon ist der 1928 in Rumänien geborene und fließend deutsch sprechende Moskovitz überzeugt. Als das Friedensdorf gegründet worden ist, habe kaum jemand an seinen Erfolg geglaubt. In einem Land, in dem jeder fest davon überzeugt sei, dass nur der andere an der ständigen Gewalt schuld ist, sei Neve Shalom „wie eine Quadratur des Kreises“, sagt Moskovitz. Alle Projekte im Dorf, darunter eine bilinguale Grundschule und eine Bildungsstätte für arabische und jüdische Jugendliche und Erwachsene, haben das Ziel, Verständnis und Mitgefühl für andere Menschen zu wecken. Der Friedensaktivist verurteilt sowohl „den Widerstand der Palästinenser, den man Terrorismus nennt“ als auch die israelische Politik, die eine „systematische Friedensverweigerung“ sei. Er schlägt vor, den Jahrestag der Gründung Israels auch als Trauertag zu begehen, an dem Juden und Araber sich bei einander entschuldigen für das, was sie sich gegenseitig angetan haben.

Den Feind zum Freund machen
Was Versöhnung bedeutet, das lebt Moskovitz bei seinem Auftritt vor. Er, der die Verfolgung und Ermordung der Juden im Zweiten Weltkrieg überlebt hat, hegt keinerlei Groll gegen die Deutschen. Mit Hochachtung spricht er von der Bundesrepublik und von der deutschen Außenpolitik. Der säkulare Jude zitiert aus dem Talmud: „Ein Held ist jemand, der es schafft, seinen Feind zu seinem Freund zu machen.“ Keinem Land sei dies besser gelungen als Deutschland, davon ist der Historiker überzeugt. Deutschland habe bisher den moralischen Anspruch, ein ehrlicher und neutraler Vermittler im Konflikt zwischen Israelis und Arabern zu sein. Umso schärfer verurteilt Moskovitz den Besuch der Bundeskanzlerin in Israel. „Die Kanzlerin stärkt der korruptesten Regierung den Rücken, die Israel je hatte.“ Ministerpräsident Olmert sei wegen des israelischen Angriffs auf den Libanon im Jahr 2006 ein Kriegsverbrecher. Noch verheerender findet Moskovitz Merkels einseitige Unterstützung für Israel. Dass sie das Grab des Staatsgründers Ben Gurion besuchte, nicht aber die Stadt Ramallah oder den Grenzzaun im Westjordanland, ist für ihn völlig unverständlich – umso mehr, weil sie selbst in der DDR „hinter einer Mauer gelebt hat“. Moskovitz wünscht sich, dass Deutsche den Mut haben, sich gegen die israelische Politik auszusprechen. „Gaza brennt, Galiläa brennt, Sderot brennt. Selbst können wir den Brand nicht löschen.“ Seine Hoffnung auf Frieden schöpft er aus Beispielen in der europäischen Geschichte. Vor 70 Jahren hätte niemand geglaubt, dass Frankreich und Deutschland dauerhaft in Frieden leben könnten. Heute sei dies selbstverständlich. Ein Symbol für seine Hoffnung auf ein friedliche Miteinander ist Moskovitz‘ Mundharmonika, auf der er einen Psalm anstimmte. Seine erste Mundharmonika haben ihm arabische Kinder geschenkt. Ob er einmal versucht habe, in die Politik zu gehen, will ein Zuhörer wissen. Nein, sagt Moskovitz lachend, „ich bin ein politischer Denker, aber kein Politiker“.

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