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Lothar Frick, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg
Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung „Peace counts – Die Erfolge der Friedensmacher“
Tübingen, 10. November 2006
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
das 30-jährige Jubiläum, der runde Geburtstag des Instituts für Friedenspädagogik Tübingen e. V. und die damit zusammenhängende heutige Eröffnung der Ausstellung „Peace counts – Die Erfolge der Friedensmacher“ sind auch für die Landeszentrale für politische Bildung Anlass zu Freude und Zufriedenheit. Nicht deshalb, weil ein guter und verlässlicher Kooperationspartner von uns sozusagen ein bisschen in die Jahre gekommen ist. Sondern deshalb, weil ein wichtiger Bestandteil der politischen Bildung – die Friedenserziehung – damit eine langfristige Grundlage gewonnen hat.
Ich muss einräumen: Vor meinem Amtsantritt als Direktor der Landeszentrale für politische Bildung war mir das Institut kein Begriff. Ich weiß, dass das eine mittlere Sauerei ist, aber auch Landeszentralendirektoren sind wie alle anderen Menschen der Informationsflut ausgesetzt, in der sie bisher zu ertrinken drohen – Gott sei Dank gibt es bei uns Seminare zu buchen, die einen vor dem Absaufen im Meer der Informationen bewahren. In der so genannten Informationsgesellschaft ist es offenbar zunehmend so, dass niemand mehr wirklich fundiert informiert ist. Das beklagen viele. Wir züchten Spezialisten und wundern uns dann, wenn der Überblick und der Einblick in die Zusammenhänge verloren gehen. Etwas mehr politische Bildung kann vor diesem Hintergrund sicher nicht schaden.
Wenn Bundeswehrsoldaten mit Totenschädeln vor Kameras posieren – ich möchte auch als Wehrdienstabsolvent ausdrücklich betonen: die übergroße Mehrheit der Soldaten macht das nicht –, dann hat dies möglicherweise etwas mit bösem Willen zu tun, ganz sicher aber mit einem Mangel an politischer Bildung.
Unsere Welt ist ja nicht gerade einfacher geworden: Heute schicken wir im Auftrag der Vereinten Nationen Soldaten in entlegene Winkel der Erde, nicht, um diese zu erobern, sondern um einen oft brüchigen Frieden zu sichern. Wir erleben, dass Kriege zunehmend nicht mehr zwischen Staaten geführt werden, sondern die Grenzen zwischen privaten und öffentlichen Armeen zunehmend verschwimmen, ja selbst die Grenzen zwischen staatlichen Armeen und privaten Unternehmen. Es ist sicherlich notwendig, das ist meine persönliche politische Meinung, dass im Zeitalter globaler terroristischer Aktivitäten die Zusammenarbeit zwischen Geheimdiensten, Militär, Polizei und sonstigen Sicherheitseinrichtungen unter Einhaltung der rechtsstaatlichen Gepflogenheiten intensiviert werden muss. Aber das allein oder das vorwiegend kann nicht die Antwort auf die Sicherheitsherausforderungen der Welt im 21. Jahrhundert sein.
Eines hat sich leider nicht geändert in dieser ganzen Welt des unaufhörlichen Wandels: Die Neigung, Konflikte und Interessengegensätze nicht friedlich oder sogar demokratisch auszutragen und zu regeln, sondern mit Waffengewalt zu lösen. Oft geschieht dies aus der Motivation heraus, schnell einen gewünschten Erfolg zu erzielen. Aber in all den Jahren seit dem Ende des Ost-West-Konflikts sollten wir inzwischen doch gelernt haben, dass sich der gewünschte Erfolg eben doch nicht schnell und manchmal gar nicht einstellt. Ich rede hier nicht nur vom Irak-Krieg, wie manche vielleicht mutmaßen, sondern auch von Tschetschenien, von Darfur, von Jugoslawien, von Israel und Palästina, von Afghanistan, von Ost-Timor und anderen Konfliktherden dieser Welt. Nirgends haben die Waffen den Frieden gebracht. Es bedarf der Menschen, um den Frieden zu bringen. Es bedarf der menschlichen Initiative für den Frieden. Es bedarf des Muts von Menschen, oft außergewöhnlichen Menschen, manchmal auch ganz gewöhnlichen Menschen wie Du und ich, um Frieden zu schaffen und durchzusetzen. Es bedarf der Friedensmacher. Genau dies zeigt die Ausstellung, die wir heute gemeinsam eröffnen. Und vor allem: Sie zeigt an konkreten Beispielen, an Menschen und ihren Gesichtern, dass Frieden machbar ist und wie Frieden machbar ist.
Ich war vorgestern beim 50-jährigen Jubiläum der Aktion Jugendschutz. Rita Süßmuth, die frühere Bundestagspräsidentin, hat in Ihrer Festrede davon gesprochen, dass jeden Tag im deutschen Fernsehen 70 Morde gezeigt würden, was mir, subjektiv gesehen, eher noch als Untertreibung erscheint. Die permanente Darstellung von Gewalt hat längst Einzug in unseren Alltag gehalten. Vielleicht lässt sich das nicht verhindern. Aber es muss mit aller Macht verhindert werden, dass der falsche Schluss daraus gezogen wird: nämlich der, dass Gewalt abseits von Notwehr ein legitimes Mittel der Auseinandersetzung ist.
Es ist mitnichten abwegig, diese Gefahr für real zu erhalten. Junge Menschen sehen in unserer Zeit von Kindesbeinen an im Fernsehen, dass sich der „Held“ von heute nicht mit dem Verstand, mit Verhandlungsgeschick oder mit guten Argumenten oder sogar Einfühlungsvermögen durchsetzt, sondern mit dem Maschinengewehr. In der „Stuttgarter Zeitung“ war am Mittwoch ein Bericht zu lesen, wie unter Jugendlichen perverse Gewaltdarstellungen auf den Mobiltelefonen kursieren, nach dem Motto: Je brutaler die Gewalt, desto cooler der Typ, der sie auf dem Handy hat.
Ich rufe nun nicht nach dem Handy-Verbot auf dem Schulhof. Aber diese Gesellschaft muss anfangen, die Gegenbewegung gegen die Gewalt in unserem Alltag auf den Weg zu bringen. Dazu bedarf es auch der politischen Bildung, der Friedenserziehung und der Kenntnis unserer Geschichte.
Aber, meine Damen und Herren, das reicht noch nicht aus. Otto Schily, der frühere Bundesinnenminister, der einen anderen Partei angehört als ich, hat einmal gesagt: Dass ein junger Mensch Zugang zu einem Musikinstrument hat ist genauso wichtig wie der Zugang zu einem Computer. Ich kann ihm da nur zustimmen und sage dies nicht nach dem volkstümlichen Motto „Wo man singt, da lass’ Dich nieder, böse Menschen haben keine Lieder“. Da ist ja durchaus was dran. Sondern ich sage dies in der festen Überzeugung, dass es zum Frieden schaffen den ganzen Menschen braucht, und nicht den halben, den verkümmerten, den auf Zahlen, Daten und Fakten trainierten globalen Wettbewerbsbesteher. Der besteht den Wettbewerb nämlich nicht, egal auf welcher Ebene. Dazu bedarf es des ganzen Menschen, des Menschen mit Verstand und Einfühlungsvermögen, des Menschen mit Wissen um sich selbst und um andere.
Mit Blick auf das Thema der Ausstellung heißt das: Es bedarf genau solcher Menschen, um die Köpfe und Herzen anderer Menschen für den Frieden, die Menschenrechte und die Demokratie – am besten alles gleichzeitig – zu erreichen und zu gewinnen.
Anders werden wir auch den Terrorismus und Fundamentalismen und Fundamentalisten aller Art nicht überwinden können. Das Todesurteil für Saddam Hussein, die bisher vergebliche Jagd nach bin Laden – damit kommen wir nicht weit. Ob der Terrorismus besiegt werden kann, entscheidet sich in weitaus höherem Maße in den Armutsvierteln von Teheran, von Kandahar, von Beirut und von Bagdad. Die Menschen dort müssen spüren können, dass ein auskömmliches Leben, Menschenrechte und Frieden keine unerreichbaren Ziele für sie sind und wir – ich rede von den westlichen Ländern – es ernst mit ihnen und ihren Lebensperspektiven meinen.
Dazu ist es unabdingbar, dass die westlichen Länder die moralischen und ethischen Normen, an denen sie das Verhalten anderer Länder und Regierungen messen und nach denen sie diese beurteilen, selbst einhalten. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind meines Erachtens als Weltordnungsmacht absolut nicht verzichtbar – mir wäre es ein Gräuel, würde etwa China mit seiner bekannten Taiwan-Politik oder Russland mit seinen Erpressungsversuchen mit verweigerten Gaslieferungen Nachbarn gegenüber für die USA in die Bresche springen müssen. Aber die Vereinigten Staaten von Amerika werden ihre Rolle als Weltordnungsmacht nur dann glaubhaft ausüben können, wenn die Prinzipien der grundlegenden Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit gelten und von ihnen eingehalten werden. Ich hoffe, dass der Ausgang der Kongresswahl vom vergangenen Dienstag dazu beitragen wird, einen Kurswechsel einzuleiten.
Der Weltöffentlichkeit entgeht nicht mehr viel, das ist sicher. „Die Macht einer Fernsehkamera ist größer als die einer Kanone“, hat der frühere IBM-Chef Hugh Hefner einmal gesagt.
Wenn die westliche Welt ihre eigenen Prinzipien nicht beherzigt, dann macht sie sich unglaubwürdig und angreifbar, dann öffnet sie den Verführern, Rattenfängern und Kriegstreibern vor allem in der muslimischen Welt Tür und Tor. Das darf in unserem eigenen Interesse nicht passieren, denn dann kann es tatsächlich zum Kampf der Kulturen kommen, den manche heraufbeschwören. Dass es zwischen Religionen und Kulturen Konflikte gibt, ist nichts Ungewöhnliches – siehe Kopftuchurteile, Karikaturenstreit und anderes mehr. Aber wir müssen Mechanismen finden und befolgen, die verhindern, dass aus Konflikten Kampf wird. Auch dazu bedarf es der Friedensmacher.
Täuschen wir uns aber nicht: Der Hass, den die Fundamentalisten der islamischen Welt, die Hassprediger und Terroristenausbilder den demokratischen Ländern und ihren freiheitlichen Gesellschaftssystemen und vergleichsweise liberalen Lebensstilen gegenüber empfinden, der ist abgrundtief und nicht zu überwinden. Unsere Chance liegt aber darin, dass wir verhindern, dass sich auf andere überträgt und so weiter fortpflanzen kann.
Ich bin trotz aller Skepsis im Einzelnen sicher und überzeugt, dass sich die ansteckende Kraft der Menschenrechte, der Freiheit und der Demokratie auch dort entfalten kann, wo die Hassprediger und die Kriegstreiber ihre Anhänger suchen. Viele der Friedensmacher, die in dem Buch von Petra Gerster und Michael Gleich porträtiert oder in dieser Ausstellung präsentiert werden, hätten es – auch vor dem Hintergrund ganz anders gelagerter Konflikte – nicht geschafft, wenn sie diese Überzeugung nicht geteilt und selbst gehabt hätten. Wir sollten sie nicht dadurch enttäuschen, dass wir unsere Demokratie geringschätzen und mit unserem Engagement für unsere Demokratie nachlassen. Vielleicht werden wir selber dadurch nicht zu Friedensmachern, aber wir sind damit Unterstützer der Friedensmacher. Immerhin.
Ich danke allen, die diese Ausstellung hier möglich gemacht haben: Dem Institut für Friedenspädagogik für die Initiative dazu und die Arbeit dafür, der Robert Bosch Stiftung für einmal mehr segensreiches Wirken durch finanzielle Zuwendungen und der Kreissparkasse Tübingen für die Unterstützung mit Räumlichkeiten und für die heutige Eröffnung. Ich danke Ihnen allen für Ihr Kommen und dafür, dass Sie mir zugehört haben. Der Ausstellung „Peace counts“ wünsche ich viele Besucher, die sich von den Friedensmachern dieser Welt inspirieren und anstecken lassen.