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Reportage: Vivario - Es lebe die Favela!

Mit ihren knapp tausend Angestellten und vielfältigen Angeboten in Sport und Ausbildung für Jugendliche versucht das Projekt Viva Rio der Gewalt und der Perspektivlosigkeit in den Armenvierteln Rio de Janeiros zu begegnen.
Nirgendwo werden so viele Menschen erschossen wie in Brasilien, 40.000 im Jahr. Direkt hinter Rios Traumstränden herrscht Krieg. Im Stadtteil Cantagalo, einst eine Hochburg der Drogenmafia, ist es gelungen, das Morden zu stoppen - dank Viva Rio, einer Initiative von Unternehmern, Wissenschaftlern, Politikern und Journalisten.
„Ich hab Glück gehabt“, nuschelt Eduardo. Fast alle seiner Kumpel wurden erschossen, darunter sein bester Freund Jolo, den ein konkurrierender Drogendealer umgelegt hat. Vor zwei Jahren erwischte es gleich vier seiner Freunde auf einmal. „Man fand sie auf einer Dachterrasse. Nackenschuss“. Polizisten haben kurzen Prozess mit ihnen gemacht.
Dass es sich nach all den Toten wieder halbwegs friedlich in der Armensiedlung Cantagalo leben lässt, ist der Organisation Vivario zu verdanken. Sie trat vor zehn Jahren an, die Gewalt in Brasilien einzudämmen. Anlass war ein Massaker, das Polizisten an Straßenkindern vor der Kirche Candelaria verübt hatten. Beauftragt und bezahlt von Geschäftsleuten, die sich durch die bettelnden Kinder vor ihren Schaufenstern gestört fühlten.
Der Kindermord von Rio weckte das Gewissen von Wissenschaftlern, Unternehmern, Künstlern, Journalisten und Politikern, die Strategien gegen die wachsende Zahl von schießwütigen Polizisten und Kriminellen entwickelten. Sie gründeten die Organisation Viva Rio.
Die Organisation verfügt heute über 1.000 bezahlte Mitarbeiter und 3.000 freiwillige Helfer, die mehr als 500 Projekte in 354 Favelas betreiben. Darunter Sportprogramme für 300.000 Kinder und Schulabschlüsse für 25.000 Jugendliche in Favelas.
Polizeistation XI, Cantagalo. Sargent Vidal, 34, tritt vor seine Männer aus dem 16. Bataillon der Militärpolizei. Er schaltet den Fernseher ein. Auf dem Bildschirm erscheint eine treppenförmige Graphik. Sie besagt, dass sich Konflikte nicht nur mit der Knarre, sondern auch verbal lösen lassen. „Die nächste Stufe ist die Androhung von Gewalt, erst dann kommt die höchste Stufe des Konflikts: die Gewaltanwendung“, lehrt Sargent Vidal. „Habt ihr das verstanden?“
In der letzten Reihe sitzt die Soziologin Veronica dos Anjos und nickt zustimmend. Sie hat im Auftrag von Vivario Sargent Vidal und fast 4.000 seiner Kollegen in zahlreichen Kursen die „Verbesserung der Bürgernähe in der polizeilichen Praxis“ ans Herz gelegt. Nun prüft sie, ob Vidal sein Wissen richtig weitergibt. Der Offizier hat seine Lektion gelernt.
Seine alte Einheit mied früher die zwielichtigen Ecken des Reviers, stürmte sie nur, wenn zwischen zwei Fraktionen der Drogenmafia heftige Schießereien entbrannten oder Bürger durch Raubüberfälle verunsichert wurden. Drogendealer lauerten auf den Dächern und beschossen die Polizisten, sobald sie einrückten.
Heute schiebt Vidal in Cantagalo mit 16 Polizisten Tag und Nacht Wache. Das kostet die Stadt zwar mehr Geld, rettet aber Leben. Ihr Auftrag lautet Präsenz zu zeigen. Sie sollen Teil der Gemeinde werden, um Verbrechen zuvorzukommen und nicht erst auf Notrufe zu reagieren. Die Idee einer Community Police, für die Vivario die Stadtregierung von Rio de Janeiro gewinnen konnte, stammt aus den USA.
Sargent Vidal schlendert mit etwas Abstand der Patrouille hinterher, die Hände auf dem Rücken verschränkt, das Bäuchlein nach vorn gestreckt. Er deutet auf die umstehenden Häuser: „Hier läuft niemand mehr mit Waffen im Hosenbund rum.“ Das war vor dem Einsatz der Community Police in Cantagalo anders.
Wie alle anderen Favelas war auch Cantagalo staatsfreier Raum gewesen: Keine Polizei, keine Gerichte, kein Krankenhaus, lange Zeit nicht einmal eine Kanalisation oder betonierte Gassen. Optimale Vorraussetzungen für ein Zwischenlager im Kokainhandel von Kolumbien über Rio nach Europa.
Vivario gewann zuerst die lokale Kirchengemeinde und die Siedlungsgenossenschaft für eine Zusammenarbeit. Ihr Deal lautete: Ihr bekommt eine Kanalisation und betonierte Gassen von der Stadtverwaltung und Bildungsangebote von uns; dafür akzeptiert ihr die neue Polizei.
Auch Sargent Vidal war überzeugt, dass Deeskalation seine eigene Sicherheit erhöhte. Allerdings darf seine Einheit nicht das entscheidende Tabu brechen: keine Einmischung ins Drogengeschäft. „Dahinter steckt zu viel Geld“, meint er. „Wir können nur die Gewalt eindämmen, die von den Dealern ausgeht. Seit wir hier sind, hat es keinen Mord mehr gegeben - weder an einem Polizisten noch an einem Drogendealer.“
Auf einem Mäuerchen hocken ein paar Männer und werfen Brausetabletten in eine Colaflasche. Douglas Rufino, 21, ist dran. Er schaut gelangweilt zu, wie der Schaum überquillt. Zwei seiner Freunde riechen nach Alkohol, alle vier sind arbeitslos. Als er aufsteht und den steilen Weg hinaufgeht, klatschen seine Badelatschen.
Die Freunde, die er gerade zurückgelassen hat, fordern ihn manchmal auf: „Komm, lass uns einen Überfall machen!“ Aber Douglas will nicht mehr mitmachen. Er fragt lieber in den Geschäften, ob sie einen Job für ihn haben, anstatt sie zu überfallen.
Douglas latscht an der Polizeistation vorbei zu einem Gebäude aus Beton und Glas, das sich in großem Bogen an den Hügel, den „Morro“, schmiegt, hoch über Rio de Janeiro. Der Bau sollte einmal das Hotel Panorama werden, ohne Ausgang zur benachbarten Favela, dafür mit einem Aufzug, der die Hotelgäste in 30 Sekunden von Ipanema bis zum Ausstieg auf dem Morro, bringen sollte. Doch die Bauherren machten Bankrott und die Stadt konfiszierte das Gebäude.
Jetzt besitzt das Hotel Panorama einen breiten Eingang, der sich zur Favela hin öffnet. In den zwei oberen Stockwerken lernen die Kinder aus Cantagalo Rechnen und Schreiben, die beiden Stockwerke unter der Grundschule bezog Viva Rio.
Kinderstimmen mischen sich im Hall der Gänge mit Befehlen eines Tanzlehrers und dem „Tik-Tok“ von Tischtennisbällen. Nebenan trillert eine Pfeife, Körper klatschen ins Wasser und schwimmen um die Wette. Allen zur Seite stets ein Erwachsener im blauen T-Shirt mit der Aufschrift „Professor“. Viva Rio hat eigens Sportlehrer eingestellt, um die Kinder und Jugendlichen in ihrer Freizeit vor Dummheiten zu bewahren. 2.000 kommen jeden Tag.
Douglas geht eine breite Treppe hinunter in sein Klassenzimmer, verstaut seinen Rucksack und wartet, bis der Mathematik-Lehrer den Unterricht beginnt. Die Bücher und Filme über Geschichte, Literatur oder Geographie bekommt er gestellt. „Länge mal Breite gleich Fläche“, notiert Douglas. Furchen auf seiner Stirn verraten, wenn er die Linien in seinem Heft nicht versteht.
Die Stellenbörse von Vivario hat seinen Lebenslauf im Computer abgespeichert und vergleicht seine Daten regelmäßig mit Stellenanzeigen aus den Zeitungen. Passt eine Anzeige vermittelt Vivario den ersten Kontakt. Das gilt in Rio als Referenz. Schließlich sitzen viele namhafte Unternehmen, Medienleute, Politiker und Wissenschaftler im Verwaltungsrat der Organisation. Douglas will unbedingt die Prüfung in zwei Monaten bestehen, um sich mit dem Zeugnis bei Firmen zu bewerben „Egal für was“, sagt er.

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