Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Reportage: Lernort für friedliche Gespräche

Die „School for Peace“ liegt auf halbem Weg zwischen Tel Aviv und Jerusalem. Dort schließen sich Woche für Woche junge Palästinenser und Juden aus allen Teilen des Heiligen Landes in einem Raum ein, um sich drei Tage lang zu streiten.
Der Raum misst zwölf mal fünfzehn Meter, darin zwei Dutzend Stühle im Kreis aufgestellt. Vorhänge schirmen die schmalen Fenster gegen die gleißende Sonne Israels ab, damit die jungen Palästinenser und Juden drei Tage lang ungeblendet reden, sich anschreien und anschweigen können. Durch eine Spiegel verglaste Rückwand werden Supervisoren beobachten, wie sich das Verhältnis zwischen ihnen verändert.
Die Methode der „School for Peace“ in Neve Shalom gilt weltweit als Maßstab in Sachen Konfliktbearbeitung. Verfeindete Gruppen aus Zypern, dem Kosovo und Nord-Irland haben die Friedensschule schon besucht, auch Norditaliener und Sizilianer, Europäer und Amerikaner. Friedensexperten von Neve Shalom lehren an den Universitäten von Tel Aviv, Haifa und Jerusalem und vermitteln auf Konferenzen weltweit, was ihre Methode so neu und viel versprechend macht.
Die Methode zu vermitteln ist schwierig, denn sie widerspricht einer alltäglichen Erfahrung: „Unser Gefühl sagt uns, Menschen müssen sich nur richtig kennen lernen, um Hass und Vorurteile abzubauen“, erklärt Nava Sonnenschein, Gründerin der „School for Peace“, „doch Verständnis und Mitgefühl allein können Konflikte zwischen Gruppen nicht lösen“.
Die Pädagogin diente selbst als Soldatin während des Yom Kippur-Krieges und gründete fünf Jahre später die „School for Peace“, weil zu viele ihrer Freunde „sinnlos ihr Leben lassen mussten“.
Streiten sollen sie sich auf der „School for Peace“, ausdrücklich über schmerzhafte Themen. Die Dynamik des Konfliktes soll spürbar werden, niemand braucht einen anderen Teilnehmer nach dem Kurs „eigentlich ganz nett finden“. „Wir erreichen trotzdem unser Ziel“, behauptet Nava Sonnenschein „die Teilnehmer machen sich bewusst, welche Rolle sie im Konflikt spielen. Danach können sie sich nicht länger nur als Opfer sehen.“
Der erste Tag, der „Nett-sein-wollen-Tag“. Zehn Mädchen und sechs Jungen, alle aus einer elften Klasse, sitzen in bunter Reihe nebeneinander. Nur wenige lassen sich auf Anhieb an Kleidung und Auftreten als Juden oder Palästinenser erkennen. Obwohl die Jugendlichen alle im gleichen Staat leben, haben sie noch nie in ihrem Leben mit jemandem von der „anderen Seite“ ein Gespräch geführt.
Damit sich das nun ändert, leiten eine arabische und eine jüdische Moderatorin das Treffen. „Redet offen, aber beleidigt niemanden“, erklären sie die Verhaltensregeln, zuerst auf arabisch, dann auf hebräisch. Den palästinensischen Israelis soll - anders als im wirklichen Leben - gleicher Status wie den jüdischen Israelis eingeräumt werden. Nur so wird die erwünschte Dynamik eintreten können.
Alle lächeln nervös und auch erleichtert, während sie über Hobbies und Schule reden, feststellen, dass in der Palästinenserfraktion irgendwie alle an Gott glauben, bei den Juden dagegen Atheisten neben Strenggläubigen sitzen, dass jüdische Eltern sogar Geschlechtspartner ihrer Kinder über Nacht zu Hause dulden, während selbst den palästinensischen Jungs vom Vater diktiert wird, wann sie zu Hause sein müssen - allein.
„Wie wollen wir unsere Gruppe nennen?“, fragen die Moderatorinnen nach den freundlichen Geplänkel in die Runde. „Freunde Israels“, schlägt Anran vor. Er ist 17 Jahre, wohnt in einer jüdischen Siedlung auf besetztem Gebiet, will Soldat werden, um sein Volk vor den „Killer-Arabs“ zu beschützen, ist zu dem Treffen nur gekommen, „um mal Ärger abzulassen“.
Die Palästinenser lehnen seinen Vorschlag ab. „Wir identifizieren uns nicht mit dem Namen Israel. Lasst uns „Freunde des Friedens“ nennen.“ „Warum könnt ihr euch mit dem Namen Israel nicht identifizieren?“, insistiert Anran. „Seid ihr etwa gegen diesen Staat? Wollt ihr, dass wir verschwinden?“ Er wirft Taher einen Kugelschreiber zu. „Stell dir vor, das wäre ein Zauberstab, was würdest du dir wünschen?“ Auch Anrans Klassenkameraden drängen die Palästinenser, ihr Verhältnis zu den Juden zu klären.
Die jüdische Moderatorin Eleonor Amit unterbricht: „Erstens stelle ich fest, dass jetzt auch die Palästinenser nur noch hebräisch sprechen, und zweitens, dass die Juden viel mehr reden und von den Palästinensern Antworten fordern. Eleonor Amit ist 27 Jahre und Psychologiestudentin. Sie stammt aus einem rechts-konservativen Elternhaus, wurde als Schülerin von der Teilnahme an einem Treffen in Neve Shalom geprägt und engagiert sich seither in der Friedensbewegung.
Hinter der verspiegelten Wand schmunzelt Nava Sonnenschein: „Das hat sie gut beobachtet. An diesen Details lässt sich die Machtstruktur zwischen beiden Gruppen feststellen: Die Juden sind in diesem Raum wie auch im Staat die stärkere Gruppe. Sie suchte einen Weg, der die Identität jedes Einzelnen als Teil der Gruppe hervorhob.
Der zweite Tag. Die Moderatorinnen legen Fotos in die Mitte des Sitzkreises. Jeder soll eines davon interpretieren. Anran wählt ein Foto, das einen Soldaten zeigt. „Die Armee sorgt für unsere Sicherheit“. Rabab entscheidet sich für eine Frau, die in Lumpen gekleidet ist und ihre Habseligkeiten in zwei Plastiktüten mit sich trägt. „Wir sind ein verarmtes Volk. Uns wurde unser Land gestohlen, wir haben nicht die gleichen Chancen wie die Israelis. Das muss sich ändern, wenn wir Frieden wollen.“
Die Moderatorinnen greifen nicht in die Diskussion ein, als Rabab „wir“ sagt und sich zur Sprecherin der Gruppe macht. Denn dadurch kommt die Gruppendynamik des Gesprächs in Gang. „Woher weißt du, dass die Frau auf dem Foto eine Araberin ist? Sie könnte doch auch Jüdin sein“, blafft Anran sie an. Rabab keift zurück: „Ihr habt uns unser Land genommen und Hunderttausende zu Flüchtlingen gemacht.“
Alle reden durcheinander, werden lauter und gehen dazu über, was Nava Sonnenschein die „Schlacht um die moralische Überlegenheit der Waffen“ nennt. Jetzt geht es nur noch um die Frage, wer gegen wen den barbarischeren Krieg führt. Wer hat angefangen? Wer hat vorher mehr gelitten? Beide Seiten glauben sich in der Defensive, rechtfertigen ihre Gewalt als Gegengewalt.
Ein Buch, das Nava Sonnenschein zusammen mit anderen Wissenschaftlern geschrieben hat, erklärt mit zwei Theorien, wie Gruppenkonflikte entstehen: Die erste nennt Konkurrenz um Ressourcen als Ursache, im Palästina-Konflikt also die Ressource Land; die zweite Theorie setzt voraus, dass es zur Identität jedes Menschen gehört, Teil einer Gruppe zu sein und sein Selbstwertgefühl mittels Vorurteilen und Hass auf andere zu steigern.
Mit der Diskussion, wer ziviler tötet, versuchen sich beide Gruppen moralisch abzuwerten und die eigene Gewalt zu legitimieren. Entsprechend heftig schaukeln sich nun die Emotionen auf und schwillt der Lärmpegel, bis die Moderatorinnen einen Schnitt machen und sich beide Gruppen für ein separates Gespräch zurückziehen.
Verzweiflung macht sich in der jüdischen Gruppe breit. „Ich versuch ja, sie zu verstehen. Aber warum verurteilen sie nicht die Selbstmordattentate? Da kann man doch nur radikal werden“, meint Dror, 16, bezeichnet sich selbst als „politisch links“. Die Moderatorin hakt nach: „Ihr seht euch in der schwächeren Position. Haben nicht auch die Palästinenser Grund, sich als Opfer zu fühlen?“
„Sackgasse“ nennt sich dieses Stadium der Gespräche, an dem die Moderatorin Eleonor Amit kurz unterbricht. Noch bevor sie das Zimmer fürs Personal der „School for Peace“ erreicht, entlädt sich ihre Anspannung in Tränen. „Ich fürchte jedes Mal, dass ich die Gruppe nicht über diesen Punkt hinauskriege und sie radikalisiert nach Hause fährt.“ „Das arbeitet in denen, wart’s ab.“, beruhigt sie Nava Sonnenschein.
Nach der Pause sollen beide Gruppen nun die Verhandlung um eine neue Verfassung simulieren: Wie sollen die nationalen Symbole aussehen? Wie die Rechte der palästinensischen Minderheit? Sie haben vereinbart die Friedensverhandlungen auf arabisch zu führen und eine Übersetzung zu erzwingen. Immer wieder beraten beide Gruppen separat und kehren an den Verhandlungstisch zurück.
Schließlich kann auf einer simulierten Pressekonferenz die verblüffend liberale Verfassung des neuen Israels verkündet werden: Landessprache ist Englisch, neben Arabisch und Hebräisch, die Flüchtlinge dürfen zurück, Palästinensern stehen alle Berufe offen, außer der Abteilung „Terrorprävention“ des Geheimdienstes. Beim Landesnamen konnte die Runde allerdings keine Einigung erzielen.
Zum Abschied liegen eine Rose und ein Dornenzweig in der Mitte des Kreises bereit, die einzeln oder gemeinsam einem Gegenüber überreicht werden sollen. Dror gibt eine Rose und einen Dornenzweig an Rabab. „Die Rose weil du mit uns diskutiert hast, den Dornenzweig, weil du den Terror nicht verurteilst.“ Rabab reicht sie an Anran weiter: „Weil in dir ein guter Kern steckt, Du aber nicht zuhören kannst.“ Anran schmeißt den Dornenzweig weg. Er gibt Taher nur die Rose: „Weil du den Mund gehalten hast“.

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