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Die Wüstenstadt lebt. Die Straßen von Diré im Norden Malis sind erfüllt von Geschrei, Gerüchen und Gefeilsche. Schwarze Marktfrauen in fahnenbunten Gewändern sitzen vor Gewürzbergen auf ihren Matten; dahinter der Hafen, wo Pirogen auf dem träge fließenden Niger schaukeln. Flussaufwärts legen die Fischer ihre Netze aus, Frauen waschen ihre Wäsche im lehmbraunen Wasser, mitten im Strom baden zwei Flusspferde.
Yehia Ag Mohammed Ali hält Hof. Auch seinetwegen kommen viele in die Stadt, doch das muss noch warten. Erst am Abend, wenn das Marktgeschrei verklingt, wenn die Frauen ihre Kinder in Tücher hüllen und auf den Rücken binden, die verbliebene Ware, Kräuter, Salz und Gewürze, in Bast verpakken und, die Bastballen auf dem Kopf balancierend, in die Pirogen steigen, die sie zurück in ihre Dörfer flußabwärts bringen - erst dann tritt Yehia Ag Mohammed Ali in den Hof. Sofort wird er umringt von Männern, die ihn mit Fragen bedrängen. Sie brauchen Wasserpumpen, einer fordert Bücher für die Schule, zwei streiten sich um die Verteilung des Ackerlandes. Yehia beantwortet erstmal keine der Fragen, wickelt in aller Ruhe seinen Turban ab, lässt sich eine Kanne Wasser bringen, wäscht sich die Füße und wendet sich in Richtung Mekka, um zu beten. Die Männer folgen seinem Beispiel, danach bilden sie, nun etwas ruhiger, einen Kreis um ihn.
Frieden ist mit diesem Mann über das Land gekommen wie ein warmer Regen über die Wüste. Mali ist nackt. Wo Yehia auftaucht, beginnt, ein Wunder ist´s, das graue, karge Land schon bald zu blühen, wogen grüne Felder von Getreide, Hirse und Weizen, wo vorher nur Sand und Dornen waren. Vor neuen Lehmhütten spielen Kinder, als hätte es niemals Krieg gegeben. Schwarze und Tuareg, die sie „Rothäute“ nennen, während der Rebellion strikt getrennt, balgen heute als bunte Schar gemeinsam durch den Staub, necken die Ziegen, plantschen im Niger. Sie wissen nicht, dass sie dies den Deutschen zu verdanken haben, und Yehia Ag Mohammed Ali, Sohn eines Marabut, eines Stammesweisen. Stolz wie sein Vater, manchmal aufbrausend wie viele Tuareg, geschickt und geduldig. Doch mit eine Herz so groß, dass er über jahrhundertealte Stammesfehden hinweg eine Schwarze geheiratet hat, eine vom Stamm der Bambara.
Die Zusammenarbeit von Yehia Ag Mohammad Ali und den beiden Deutschen ist eine Erfolgsgeschichte, die dieser Kontinent so dringend braucht wie ein Verdurstender in der Wüste das Wasser. Es ist auch ein Lehrstück, wie relativ der Wert des Geldes ist, so relativ wie der Wert von Wasser in der Wüste: achtlos verschüttet, versickert es in wenigen Sekunden. Yehia Ag Mohammad Ali hat keinen Tropfen verschüttet. Die Männer, die sich um sein Haus in Diré scharen, wissen, dass Yehia Geld zu vergeben hat, deutsches Geld. Es ist viel für ihre Verhältnisse, doch sie wissen auch: Dieses Geld gibt es nur, wenn Frieden herrscht.
September 1994. Frieden ist im Norden Mali etwas, das den Menschen so fern und unwirklich erscheint wie der strahlende, reiche Kontinent Europa, aus dem Barbara und Henner Papendieck, damals 51 und 49 Jahre alt, angereist kommen. Seit fünf Jahren herrscht Krieg zwischen Regierung und Rebellen. Zwei Dürreperioden in den siebziger und achtziger Jahren haben die Weiden verbrannt. Die Rinder der Tuareg sind in Massen verdurstet. Die Not hat internationale Hilfe auf den Plan gerufen. Doch der warme Regen der internationalen Solidarität, so dringend benötigt, kommt im Norden nie an. Regierungsbeamte bauen mit den Hilfsgeldern in der Hauptstadt Bamako stattliche Villen. „Da sind Milliarden versickert, einfach so“, erzählt Henner Papendieck. Die Tuareg, wütend über die vorenthaltene Hilfe, rebellieren. Allen voran junge
Söldner, die bei Gaddhafi in Lybien ihr Mordhandwerk gelernt und auf fernen Schlachtfeldern wie Afghanistan und Bosnien gekämpft haben. Sie sind chancen- und perspektivlos, besitzen nichts und haben nichts zu verlieren. Sie plündern Armeedepots und überfallen mit den erbeuteten Waffen Gendarmerieposten, liefern sich Gefechte mit Armee und Polizei und attackieren alles, was den Staat symbolisiert. Schiere Verzweiflung treibt sie. Tausende Kämpfer auf beiden Seiten sterben, hunderttausende Zivilisten fliehen. Auf Drängen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich und des Nachbarlandes Algerien, das fürchtet, dass der Konflikt über die Grenzen dringen könnte, schließt man schließlich ein Friedensabkommen. Es sieht vor, die Rebellen kurzerhand in die Armee zu rekrutieren und verspricht den Tuareg, selbständig den Norden verwalten zu dürfen.
Doch viele Ex-Rebellen werden zurückgewiesen und machen daraufhin das Land wieder unsicher. Die sesshaften Songhai gründen eine paramilitärische Miliz und kämpfen gegen die Tuareg. So erleben Henner und Barbara Papendieck nach ihrer Ankunft die nächste Gewaltexplosion. „Wir waren gekommen, um den Friedensprozess zu unterstützen, stattdessen gingen die Kämpfe wieder los.“
Der Ökonom und die Soziologin verfolgen einen eigenen Ansatz, um das Karussell des Krieges zu stoppen. Die beiden kennen sich mit den Traditionen afrikanischer Länder aus. Sie haben sechs Jahre in Ghana gelebt, danach in Diensten der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) Krisenregionen in Afrika bereist. Der Kriegskasse der streitenden Parteien setzen sie eine Friedenskasse entgegen: 18 Millionen Euro, die ihnen die GTZ und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) anvertraut haben.
Mit dem Geld organisieren sie erst einmal: ein riesiges Fest. Das Friedenstreffen in der Stadt M’Bouna soll alle Lager zusammenbringen, soll verfeindete Stämme versöhnen. Sie laden die Führer der schwarzen Songhai ein, um ihnen klarzumachen, dass sie von der Armee aus dem Süden keine Hilfe erwarten können. Sie laden die Tuareg ein, die erkannt haben, dass die Überfälle ihrer Rebellen auch den eigenen Leuten Tod und Vertreibung bringen. Die Bellahs, die vor der Rebellion geflohen sind. Und die Fulben, die große Weideflächen mit den Tuareg teilen.
„Wir erreichten sogar, dass Frauen zu dem Treffen kommen konnten“, sagt Barbara Papendieck.
Sie kommen mit Lastwagen, zu Fuß, auf Eseln. Unter freiem Himmel hocken Songhai, Araber, Tuareg, Bellah und Fulbe, sie diskutieren, feilschen und streiten. Die Reden müssen in fünf Sprachen übersetzt werden. Jahrhunderte alte Konflikte und Wünsche werden aufgearbeitet, es geht um Wasser, Schulen, Arbeit. Ein paar Meter entfernt kochen und backen Frauen an riesigen Feuerstellen rund um die Uhr. Speisung der Vielen, die Menschen essen dreieinhalb Tonnen Reis, 180 Schafe, vier Ochsen und Berge von Fladenbrot. 13 Millionen malische Franc kostet das Friedensfest, umgerechnet etwa 20.000 Euro. Drei Tage später kommen die Nomaden aus dem hohen Norden wieder zu den Märkten. „Die Konferenz brachte die Aussöhnung“, erzählt Barbara Papendieck. „Nun konnten wir mit der eigentlichen Arbeit beginnen.“
Zuerst gründen sie einen Ältestenrat, den „Beirat“, in dem einflussreiche Männer aller Ethnien vertreten sind. „Die Jungen waren durch den Krieg geprägt, hatten nur gelernt, ihre Konflikte gewalttätig auszutragen, die konnten wir nicht gebrauchen.“ Die Alten dagegen kennen auch andere Wege. „Wir haben gesagt: ‚Wir sind Deutsche, wir sind fremd bei Euch. Aber wir haben Geld. Und wir werden es nur dort ausgeben, wo Frieden herrscht. Ihr sollt uns dabei beraten.‘“ Das Konzept ist einfach, doch um es in die Tat umzusetzen, müssen die Papendiecks ihre bequeme Residenz in der Hauptstadt Bamako verlassen und in die verwüsteten Provinzen des Nordens ziehen, „dahin, wo´s wehtut“. Sie fahren im Schutz von Militärpatrouillen durch ein Niemandsland zerstörter Dörfer und landen in der ländlichen Kleinstadt Léré, aus der zwei Drittel der Bewohner geflohen sind. Viele Hütten sind nur noch Ruinen, ihre windschiefen, aus Lehm, Spreu und Kuhmist zusammengekleisterten Mauern haben sich in der Regenzeit aufgelöst.
In der ersten Nacht kriecht Henner Papendieck im Haus des Polizeichefs unter, wo er es nicht lange aushält. „Es war stickig. Moskitoschwärme fielen mich an, die Matratze war voller Flöhe.“
Entnervt und zerstochen flieht er ins Freie, schließt die Augen und denkt nach. Er erinnert sich an das Deutschland seiner Kindheit. Die Nachkriegszeit mit den Ruinen, an den Hunger, die Flüchtlingsströme, die Angst vor den Siegern, aber auch den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder. So muss man das machen, denkt er, so wie die Menschen damals: „Nutzen, was noch da ist, aber auf keinen Fall den Leuten das Heft aus der Hand nehmen. Nicht wir, sondern sie selbst müssen ihr Land aufbauen.“
Die Papendiecks brauchen einen Führer, der zwischen den Stämmen vermitteln, der den Menschen Hoffnung geben und Mut machen kann. Jemanden wie Yehia Ag Mohammed Ali, Abkömmling einer angesehenen Tuaregsippe. Sohn des Marabut, eines Schriftgelehrten, Patriarchen, Politikers und Richters zugleich, dem magische Kräfte als Wunderheiler nachgesagt worden sind. Vor seinem Tod hat er den Marabut-Stab, die Insignie der Macht, an Yehia übergeben, obwohl der keineswegs zum Nachfolger prädestiniert schien. Als junger Mann ist er aus der hierarchischen Gesellschaft ausgebrochen, hat in der Hauptstadt Bamako Wirtschaftswissenschaften studiert und als Banker in Togo, Niger und Mali gearbeitet. Und hat eine Frau vom Stamm der sesshaften, schwarzen Bambara geheiratet. In den Augen seiner Tuareg-Familie ein Makel, für seine Position als Makler zwischen seiner nomadisierenden Sippe und den sesshaften Verwandten seiner Frau noch heute ein unschätzbarer Bonus.
„Dass wir Yehia gefunden haben, ist ein großes Glück für uns“, sagt Henner Papendieck, während sein Geländewagen im schlingernden Slalom zwischen mannshohen Termitenhügeln und Eukalyptusbäumen hindurch rumpelt. Es gibt keine Straßen im Norden, nur wer ortskundig ist, findet von einem Dorf ins andere. Der Wagen klettert über Felsen und Dornengestrüpp, vorbei an alten Männern, die auf Eseln reiten, Kindern, die Schafe hüten, Frauen, die auf dem Kopf Matten aus geflochtenen Palmenblättern zum Markt tragen.
Wenn Yehia Ag Mohammed Ali verhandelt, sind die Papendiecks bestenfalls Zuschauer. Wie an diesem Sonntag, zehn Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs. Stundenlang hocken Yehias Gäste unterm Zeltdach und palavern; Männer in wallenden Gewändern, die Gesichter bis auf einen Spalt um die Augen unter dem Turban verborgen. Der eng um den Kopf gewickelte Baumwollschal schützt vor dem Sand, der durch das offenen Zelt weht und verbirgt jede Regung, die sich auf den Gesichtern zeigen könnte. Frauen huschen herein, stellen Schüsseln mit Hirse und Lammfleisch in die Mitte des Zelts. Yehia Ag Mohammed Ali, der als einziger sein Gesicht nicht verhüllt hat, mischt mit bloßen Händen die Hirse unter das Lammfleisch und lädt zum Essen ein. Die Männer greifen zu, während er sie aus ruhigen Augen fixiert, den kahl geschorenen Kopf einem Gast entgegen neigt, der ihm ein paar Worte ins Ohr raunt. Ein kurzes Nicken, ein Wink mit der Hand, die einem anderen Gast das Wort erteilt, so springt das Gespräch fast beiläufig von einem zum anderen. Keiner erhebt die Stimme, dennoch registriert jeder jede Geste und Nuance. Es geht um Wasser. Ein Damm wird gebaut, Motor-Wasserpumpen bestellt, ein Stück Wüste überflutet. Wer darf das Feld nutzen? Vier Fünftel der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft, zwei Drittel des Landes ist Wüste. Überleben kann nur, wer Zugang zu Wasser hat. Manchmal reichen Rinnsale. Noch vor wenigen Jahren haben sich die Tuareg und Songhai deswegen bis aufs Blut bekämpft. Jetzt vermittelt Yehia. Ernst hört er jedem zu, steuert das Gespräch mit wenigen Worten, bis sich die Minen entspannen und die Männer lachen.
Später sagt Yehia bescheiden: „Ich denke, wir haben eine Lösung gefunden.“ Er bespricht die Anträge mit seinen deutschen Partnern. Henner Papendieck weiß, dass seine Arbeit ohne den Vermittler, der alle Sippen und Seilschaften, Winkelzüge und Verwicklungen kennt, keine Chance hätte: „Ich kenne das komplizierte Beziehungsgeflecht der Sippen nicht. Das sind uralte Geschichten, für Europäer nicht zu durchschauen.“
Natürlich gibt es auch Rückschläge. Einmal protestieren in Youwarou die schwarzen Dorfchefs gegen den Zwang, mit den Tuareg zu kooperieren: „Wir wollen hier keine Rothäute.“ Die Papendiecks fackeln nicht lang, packen den Geldkoffer wieder ein und reisen ab. Ein anderes Mal, beim Versuch, direkt mit den Menschen zu verhandeln, bringt sich Henner Papendieck selbst in Gefahr. „Plötzlich standen Händler vor der Haustür. Sie wollten Geld für den Rückweg in den Norden, und ich sagte gradheraus, sie sollen mich in Ruhe lassen.“ Die Songhai-Männer entfesseln daraufhin einen Aufstand vor seinem Haus, Passanten kommen hinzu, solidarisieren sich, schimpfen über „Diskriminierung und Ungerechtigkeit“. In seiner Not ruft er ein Mitglied seines Ältestenrats an, der kann den Deutschen befreien.
Auch die Natur ist eine stete Bedrohung für die Arbeit der Friedensstifter. Zuerst trifft es den Stamm der Bellahs, ehemalige Leibeigene der Tuareg. Henner Papendieck hat es nach der Friedenskonferenz in der Stadt M’Bouna geschafft, vierzigtausend von den Binnenflüchtlingen zurück zu holen. Doch am Ufer des Fabuigine-Sees, wo sie sich wieder ansiedeln, bricht die Cholera aus. „Die Kinder starben wie die Fliegen.
Erst als wir so schnell wie möglich Medikamente und Lebensmittel heranschafften, konnten wir die Menschen retten.“ Ein Jahr später tritt der Niger über seine Ufer. Der See wird nach vielen trockenen Jahren wieder überschwemmt und treibt die Ratten aus ihren Löchern. „Riesengroße Viecher, die alles fraßen, was sie fanden: Ernte, Lebensmittel, sogar die Kleider der Menschen.“ Eine weitere biblische Plage kommt 2004 über das geschundene Land. Zwei Monate lang ziehen Milliarden Heuschrecken am Fluss entlang. „Der größte Schwarm war 26 Kilometer lang. Sobald wir das Boot verließen und an Land gingen, krochen sie an uns hoch. Das verfolgt mich noch heute in Alpträumen.“
Wieder holt sich Henner Papendieck Berater, erfahrene Landwirte. „Die Regierung sagte, das bekämpft man mit Gift aus der Luft. Aber bei dem ständigen Wind hätten wir die Menschen und den Fluss vergiftet.“ Stattdessen lässt er drei breite Gräben um die Felder ziehen. Im ersten werden die Heuschrecken erschlagen, im zweiten schütten die Bauern Benzin über die Plagegeister und zünden sie an. Im dritten Graben macht Heuschreckengift den verbliebenen Insekten den Garaus. Die Reisernte ist gerettet. Aber er weiß, dass die Weibchen ihre Eier in den Sand gelegt haben, ihr Nachwuchs wird nach dem ersten Regen im Juli schlüpfen.
Manchmal wird selbst der Erfolg zur Gefahr. In Koumaira und Diré hat Barbara Papendieck mit Frauen aus den Dörfern vier Bewässerungsfelder entlang des Niger angelegt. Zwei davon sind nur mit dem Boot zu erreichen. „Schon die erste Ernte vor zwei Jahren war fantastisch“, schwärmt Barbara Papendieck. „Sieben Tonnen Reis pro Hektar Land, jede Frau besitzt ein Viertel Hektar. Sie ernteten gemeinsam, lachten und alberten herum, und als ich sie fragte, was sie mit dem Geld anfangen wollten, antworteten sie: Jetzt können wir es uns endlich wieder leisten, unsere Mädchen beschneiden zu lassen.“ Barbara Papendieck ist entsetzt. Wieder sind es einheimische Partner, die helfen können: Frauen aus anderen Dörfern, die das grausame Ritual bereits vor Jahren abgeschafft haben. Die Frauen aus Koumaira lassen sich überzeugen. Nur Oumou, die Beschneiderin, nimmt ihr das Einschreiten bis heute übel. Nie sei ein Mädchen dabei gestorben, beteuert sie, immer habe sie sauber mit dem Messer ein Fingerkuppen breites Stück von der Klitoris abgetrennt, wie sie es der Mutter abgeschaut hat. Jetzt ist sie arbeitslos.
Doch Zuspruch und Erfolge überwiegen bei weitem. Henner Papendieck fällt bei einem Gang durch Léré auf, dass viele Lehmhäuser dunkel sind. „Die sind nass, die sind neu! Da passiert etwas! Hey, das ist ein guter Moment.“ Er freut sich, „dass die Menschen besser ernährt sind, dass viele jetzt Schuhe tragen“. Wenn es Arbeit gibt, wenn Häuser gebaut werden, dann sind das Bausteine für den Frieden. Die Fortschritte lassen sich auch in Zahlen fassen: 25 Schulen, 45 Rathäuser, sieben Gesundheitsstationen, zwei Banken, 13 Tiefbohrbrunnen, Impfkampagnen und 330 Motor-Wasserpumpen hat das deutsche Geld im Norden Malis finanziert, 55 Millionen Euro insgesamt. Jede dieser Wasserpumpen macht dreißig Hektar Land fruchtbar und ernährt an die siebenhundert Menschen. Lohn für zehn Jahre Friedensarbeit.
Die Papendiecks verbringen viele Tage im Jahr in der Wüste, übernachten in windigen Zelten, weitab jeder Annehmlichkeiten der Zivilisation. Doch es gibt Stunden, die für alles entschädigen. Nach Einbruch der Dunkelheit wölbt sich der schönste Sternenhimmel Afrikas über dem Lager, kühle Nachtluft kommt auf und weht die Mühen und die Hitze des Tages weg. Dann schenkt Henner Papendieck einen Jack Daniels ein,
seine Frau Barbara einen Pastis, und beide genießen den kleinen Luxus nach dem Staub und Dreck der Reise. Zweimal im Jahr fliegen sie für zwei Monate nach Berlin, besuchen Konzerte in der Philharmonie, gehen ins Kino und Theater. Das ist ihr Vorrat an Kultur, der muss reichen für den Rest des Jahres.
Was gibt ihnen die Kraft, ihr Leben dafür einzusetzen, diesen fremden Menschen Frieden zu bringen? „Wenn das Wasser aus dem Niger durch die Pumpen in die Felder schießt und danach alles grün ist, geht mir das Herzauf.“ Henner Papendieck lächelt. „Diese Arbeit hier ist der Sinn in meinem Leben.“