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Lange Zeit galt Mazedonien als Modell für ein geglücktes „Multikulti“. Die mazedonisch-christlichen und albanischmuslimischen Ethnien lebten relativ friedlich miteinander. Doch im Jahr 2001 schwappten vom Kosovo schwelende Konflikte über die Grenze und entluden sich in heftigen Kämpfen zwischen Armee und albanischen UCK-Rebellen. Seit dieser Zeit arbeitet die 33 jährige Tadschikin Elena Gulmadova im Auftrag der OSZE daran, das zerstörte Vertrauen zwischen den Volksgruppen wieder herzustellen.
Mehrheit und Minderheiten: In Mazedonien stellt eine starke albanische Minderheit rund 20 Prozent der Bevölkerung, hinzu kommen Roma, Serben, Türken und weitere kleinere Gruppen. Die Mehrheit der slawischen Mazedonier ist christlich-orthodox, die meisten Albaner im Lande sind Muslime. Durch ein Referendum erlangt Mazedonien 1991 seinen Status als unabhängige Republik. Zehn Jahre später eskaliert in dem bis dahin relativ stabilen Land die Gewalt. Nachdem das Land 1999 gerade noch einen Flüchtlingsstrom aus dem Kosovo verkraftet hat, provozieren albanische Extremisten die mazedonische
Armee. Im Grenzgebiet zum Kosovo greift die UCK Polizeiposten an und versucht, den Konflikt ins Landesinnere zu tragen.
Kriegssymbolik gewinnt die Oberhand, wenn Angehörige der extremistischen albanischen „National Liberation Army“ ihre Helden feiern. Unterschiedliche paramilitärische Gruppen, fast 2.000 meist jugendliche Kämpfer, wollen die Vereinigung albanisch besiedelter Gebiete auf dem Balkan herbeibomben. In Mazedonien dauert der bewaffnete Konflikt fast sieben Monate.
Durch die Kämpfe kommt es in der ersten Jahreshälfte 2001 zu starken Flüchtlingsbewegungen. Von Januar bis Ende Juni verlassen nach Angaben der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR etwa 100.000 Menschen ihre Dörfer und Städte. Von diesen fliehen 65.000 ins Kosovo und 6.000 nach Südserbien. Über 100 Menschen kommen bei den blutigen Auseinandersetzungen ums Leben.
Begräbnisse werden zu politischen Veranstaltungen. Häufig sind die lokalen und regionalen Medien mit dabei und manchmal schüren sie das Feuer. In die Trauer um die Toten mischt sich Hass und Misstrauen und für die internationale Gemeinschaft die Frage, wie der Konflikt deeskaliert und Vertrauen aufgebaut werden kann. Vor allem die EU, die NATO und die USA versuchen in dem Konflikt zu vermitteln und erreichen das „Abkommen von Ohrid“. Eine 3.500 starke NATO-Truppe überwacht die ausgehandelte Entwaffnung der UCK. Nach dem erfolgreichem Abschluss beschließt die NATO auf Wunsch der mazedonischen Regierung die Nachfolgeoperation "Task Force Fox". Im Rahmen der seit September 2001 andauernden Operation soll die NATO, darunter 600 Soldaten der Bundeswehr, die internationale zivile Beobachterpräsenz (gestellt von OSZE und EU) schützen. Denn alle wissen: Entwaffnung ist eine Sache,
Frieden machen eine andere. Der Friedensprozess bleibt auch nach dem Waffenstillstand von gewaltsamen Aktionen überschattet. Zerstörte Gebäude sind nur die sichtbaren Zeichen der Zerstörung durch den Krieg. Es gibt nur noch wenig Vertrauen und viele Aufgaben für das internationale zivile Team, auf dem große Hoffnungen ruhen.
Seit 1992 ist die OSZE mit einem kleinen Team zur Grenzbeobachtung in Mazedonien. Im September 2001 wird die OSZE Mission von rund 15 MitarbeiterInnen auf rund 400 Personen erhöht. Auch Elena Gulmadova nimmt ihre schwierige Arbeit auf – als „confidence building officer“ der „OSCE Spillover Monitor Mission to Skopje“, einer Mission to Peace. Elena ist Tadschikin. Nach ihrer universitären Ausbildung als Gynäkologin beschließt sie, ihrem Leben eine Wende zu geben. Sie absolviert zahlreiche Kurse in Diplomatie und bewirbt sich bei der OSZE. Sie bekommt ihren Job, zunächst in Bosnien und danach in Mazedonien. Ihr Stützpunkt ist die Stadt Kumanovo, rund 50 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Skopje. Noch Ende 2001 kommt es in Kumanovo zu Bombenanschlägen.
Die Ausbildung der Polizei wird zur Hauptaufgabe der OSZE Mission. Zunächst wird der Anteil der ethnischen Minderheiten, zum Beispiel der Albaner und der Roma, und der Anteil der Frauen im Polizeidienst erhöht. Die Rückkehr der Polizei in die umkämpften Krisenregionen wird zum entscheidenden Faktor um das entstandene Machtvakuum zu füllen. Die private Verfügung über Waffen ist in Mazedonien auch nach der offiziellen Entwaffnung der UCK ein riesiges Problem. Die Anzahl der Kleinwaffen wird auf über 450.000 geschätzt. Die Durchsetzung eines staatlichen Gewaltmonopols scheint fast unmöglich.
Elena muss mit allen Seiten sprechen. Im März 2002 wird ein Amnestiegesetz verabschiedet, das den ehemaligen Kämpfern der UCK Straffreiheit zusichert. Doch Kriegsverbrechen sind nicht amnestierbar. Die Amnestie ist auch Thema beim Gespräch mit Angehörigen der mazedonischen Armee. Zu den vertrauensbildenden Maßnahmen der OSZE gehören die „Gespräche mit den Menschen vor Ort, um wieder eine Mitarbeit mit dem Staat zu erreichen.“ Klingt gut und einleuchtend. Für Elena bedeutet dies, sich in einer Männergesellschaft behaupten zu müssen, um überhaupt Akzeptanz zu gewinnen.
Die Tadschikin hört zu, weiß, dass jedes falsche Wort das Ende des gerade aufgenommenen Gesprächsfadens bedeuten kann. Viele Themen sind kontrovers: Wie weit soll die Amnestie für Verbrecher gehen, was kann zur Wiedereingliederung der Kämpfer getan werden, wie lassen sich Flüchtlinge zur Rückkehr bewegen, wer hilft beim Wiederaufbau der Häuser? Sie gewinnt Freunde und Verbündete. Noch vor dem Krieg 2001 verfügte die OSZE über ein vergleichsweise hohes Ansehen in der Bevölkerung. Nach der Gewalteskalation beschuldigen beide Seiten die Vertreter der internationalen Gemeinschaft der Parteinahme für die anderen. Die notwendige „Neutralität“ – ein ganz schwieriges Thema für Elena.
Die Zusammenarbeit mit den zivilen Fachkräften der EU und mit den unterschiedlichen NGOs vor Ort ist von zentraler Bedeutung für die erfolgreiche Arbeit in der Krisenregion. Reden, zuhören, überzeugen, dazu lernen – Alltag eines „confidence building officers“. In der ganz praktischen Arbeit sind die Erfolge nur in kleinen Schritten messbar. Die behutsame Vorbereitung der Rückkehr der Flüchtinge gehört dazu. „In vielen kleinen Dörfern im gebirgigen Grenzgebiet kann noch lange nicht von einem harmonischen Zusammenleben gesprochen werden. Aber die Menschen leben wieder nebeneinander.“
Resignation, der kleinen Schritte überdrüssig? „Man muss von seiner Arbeit überzeugt sein, sonst macht es keinen Sinn“, sagt Elena, und „sonst kann man niemanden überzeugen, an sich zu glauben und einen neuen Weg zu gehen.“ Wenn die Normalität des Alltags und des Zusammenlebens zurückkehrt, ist die Arbeit der zivilen Beobacher beendet. „Es ist unser Ziel, uns überflüssig zu machen“. Davon aber ist die
OSZE-Mission noch weit entfernt. Woher kommt die Ruhe, mit der Elena ihre Arbeit verrichtet? Wenn andere die Nerven zu verlieren drohen, scheint sie in sich zu ruhren. "Als Gynäkologin habe ich gelernt, die Ruhe zu bewahren, gelassen zu sein. Vielleicht hilft mir vor allem diese Erfahrung bei meiner Arbeit in Mazedonien".