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Die schweren Jungs warten ab. Schweigend hocken sie nebeneinander auf einer langen Holzbank, zwei Dutzend Diebe, Räuber, Mörder. Sie haben kahle Köpfe und stecken in knallroten Overalls mit dem Schriftzug „Prisoner“ auf der Brust, dazu ihren Namen: Ebrahim, Eric, Moses.
Die Stille in dem staubgrauen Raum wirkt bedrohlich. Abwartend blicken die Männer auf Victoria Maloka, die schöne Schwarze in engen Jeans und einer Bluse mit Fledermausärmeln. „Ich komm’ vom Zentrum für Konfliktlösungen“, erklärt sie. „Wir wollen euch helfen, Probleme zu bewältigen, ohne dass ihr euch dabei den Schädel einschlagt.“ Sie blickt lächelnd in die Runde. „Dazu gehört, dass ihr euch gegenseitig respektiert und die Menschenwürde eures Nachbarn wahrt.“
Schweigen im Saal. Durch die vergitterten Fenster dringt diffuser Lärm: Stimmengewirr, Schritte, Rufe, verursacht von 1600 Häftlingen, die im Gefängnis „Vorberg“ auf engem Raum zusammenleben, mehr als zwanzig in einer Zelle. Tagsüber sorgen rund zweihundert Wärter für Ruhe und Ordnung, aber sobald sich am Abend die Stahltüren schließen, herrschen Banden unter dem Flachdach des Knastes zwei Autostunden nördlich von Kapstadt.
Die Gangs, die ihren Mitgliedern Schutz bieten, heißen „Numbers“: Bei den „26ern“ rotten sich die Räuber zusammen und unter den „27ern“ fühlen sich die Schwulen geborgen. Die älteste und mächtigste Gang rekrutiert sich aus Mördern und firmiert unter der Nummer „28“, benannt nach einer Revolte, die 28 Häftlinge im Pullsmore-Gefängnis vor fast hundert Jahren anzettelten. Alle „Numbers“ sind militärisch organisiert, ihre Generäle und „Blood-Officers“ führen Bandenkriege an, lassen Waffen aus Zahnbürsten und geschmuggelten Rasierklingen basteln, entscheiden über Leben und Tod.
Mogamat Benjamin aus Zelle Nummer 191 war so ein Blood-Officer, General der mörderischen Gruppe 28. Wie viele Menschen er umgebracht hat, weiß er nicht mehr, dafür erzählt er bereitwillig, wie man mit Neulingen umspringt, die Birds heißen, Vögel. Solche Debütanten dienen erstmal als Sklaven, machen Botengänge, schrubben die Zelle. „Wir vergewaltigen und schlagen sie“, erklärt der General ganz ruhig, „töten sie zur Not, nur um zu zeigen: Wir sind die 28er und ihr zeigt Respekt.“ Erst nach einer blutigen Zeremonie dürfen sich die Überlebenden dieser Probezeit als Mitglied der Numbers halbwegs in Sicherheit wiegen, allerdings nur, wenn sie die Spielregeln einhalten.
Einer, der es geschafft hat, aber dennoch aus dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt ausbrechen möchte, ist Thomas Ngolobe. „Ich würd mich ja gern ändern“, gesteht er. „Aber wenn ich ohne Schutz der Numbers rausgeh, verlier ich meinen Kopf. Wie kann ich mich ändern, wenn mein Kopf hier liegt und mein Körper dort.“
Häftlinge stechen sich gegenseitig ab, töten Wärter, Wärter töten Häftlinge. Eine Welt, in der Begriffe wie „Respekt“ und „Menschenwürde“ längst zu Fremdwörtern geworden sind. Victoria Maloka wirft sie dennoch in den Ring. „Miteinander reden bringt mehr als sich zu prügeln“, sagt sie in steinerne Gesichter. „Deshalb fangen wir mal damit an, dass ihr mir verratet, ob es einen Menschen gibt, den ihr gern habt, irgendjemanden, dem ihr euch anvertrauen könnt.“
Sie blickt reihum, nickt den Kerlen aufmunternd zu, die sich offensichtlich schwer tun, von Gefühlen zu reden. Doch nach einer Weile ringt sich ein schwarzer Riese das Geständnis ab, dass er seine Mutter in Ehren hält. Seine Erklärung löst den Bann. Es zeigt sich, dass es angenehm ist, dieser hübschen Lady gegenüber ein wenig die Seele zu öffnen. Die meisten haben ihre Mutter gern und sagen das offen, einer seine Frau, ein anderer seine kleine Tochter.
So eingestimmt leitet Veronika die erste Übung ein, eine Art Tanz: Hände klatschend gibt sie einen Rhythmus vor und fordert die Männer auf, ihrem Beispiel zu folgen. Der Erste auf der Bank ist dran, denkt sich einen Takt aus, den er klatscht, ein Zweiter fällt ein, ein Dritter erhebt sich, reckt die Arme in die Höhe und wiegt sich im Takt. Schließlich packt es die gesamte Gruppe, zwei Dutzend Gangster schwingen die Hüften, rempeln sich an, kommen außer Atem. „Wie fühlt ihr euch?“, ruft Victoria. „Prima!“, antworten sie im Chor, und Danood, der lebenslänglich verurteilte und bis in die Ohrmuschel tätowierte Häftling löst Gelächter aus, als er durch den Saal steppt und ruft: „Ich fühl mich frei! Ich fühl mich frei!". Ein guter Auftakt für die nächste Übung, die auf einfache und dennoch überraschende Weise die Begriffe „Respekt“ und „Würde“ ins Spiel bringt. „Bildet vier Gruppen!“, sagt Veronika, „rasch!“, und als sich die Männer in den vier Ecken des Raums zusammengerottet haben, wirft sie jeder Gruppe einen aufgeblasenen Luftballon zu. „Der symbolisiert eure Würde. Sie ist wertvoll, überlegt, wie ihr sie vor den Attacken der anderen schützen könnt!“. Die Männer stecken die Köpfe zusammen und tuscheln. Eine Weile lässt sie Veronika gewähren, dann befiehlt sie zu handeln: „Jetzt kommt der Augenblick der Wahrheit. Zwei Minuten habt ihr, um eure Aggression raus zu lassen, los, los!“
Zunächst passiert nichts. Die Gruppen belauern sich. Dann lösen sich Zwei aus ihrem Clan und gehen zum Angriff über, durchbrechen die Reihe der Männer, die sich um ihre Trophäe geschart haben und zerstören deren Luftballon. Von einer Sekunde zur nächsten herrscht aggressives Durcheinander, ein Ballon nach dem anderen knallt, auch der, den ein Häftling, der auf den Schultern eines anderen sitzt, in die Höhe reckt. Die Meute zerrt ihn runter. Wer nichts mehr zu verteidigen hat, gesellt sich zu den Zerstörern. Stühle kippen, ein Tisch fällt um, Männer liegen auf dem Boden und sind blitzschnell wieder auf den Beinen, dann sind alle Luftballone zerstört.
„Habt ihrs gemerkt?“ fragt Victoria in die eintretende Stille. „Zunächst wart ihr alle ruhig - dann fing einer an, zu zerstören und gleich darauf herrschte das Chaos.“ Die Männer grinsen, aber einige nicken Victoria zu. „War doch deutlich zu erkennen: Ein, zwei Anstifter haben genügt und schon ging alles drunter und drüber.“ Sie blickt in die Runde. „Fragt ihr euch manchmal, warum ihr hier seid?“, schiebt sie hinterher. „Ihr habt eure Mütter gern. Wollten sie, dass ihr im Kittchen landet?“
„Jetzt ist Mittagspause“, sagt Destino, schwarz, bedrohlich groß wie ein Bär. „Was ist los, ist euch langweilig?“, will Victoria wissen. Ja, sagen sie. „Was wollt ihr machen?“ „Tanzen!“, ruft einer. Gelächter. Victoria dreht sich um, „tanzen? Ja! Lasst uns tanzen. Wir brauchen Musik!“ Ein Gettoblaster wird aufgedreht, Marumba füllt den Raum und Victoria beginnt, geschmeidig rhythmisch zu tanzen. Die Männer starren auf die Frau mit den strahlend weißen Zähnen hinter goldrot geschminkten Lippen. Sie schnippt mit den Fingern und scheint nirgendwo lieber zu sein als hier, blickt aufmunternd in die Runde. „Let´s go!“, und die schweren Jungs kommen in Bewegung, stampfen rhythmisch. Sie dreht sich. Dann tanzen alle.
Danach bleibt nur noch Zeit für ein kurzes Schlusswort: „Konflikte können nicht vermieden werden“, doziert Victoria, während die Männer zum Ausgang drängen. „Schon gar nicht im Knast. Aber man kann lernen, wie man halbwegs friedlich mit Konflikten umgeht. Deshalb seid ihr in diesem Kurs.“ Es wird noch eine Weile weitergehen, dieses spielerische Seelentraining um Respekt und Menschenwürde. Woche für Woche wird Victoria ihre wilden Kerle toben und tanzen lassen, vor allem aber zu bewegen versuchen, miteinander zu reden. Sie nimmt dabei die Gefahr in Kauf, angegriffen zu werden, wenn sich der eine oder andere provoziert fühlt. Die meisten haben ja nichts mehr zu verlieren. Dennoch hat sie Erfolg. Das „Center for Conflict Resolution“, für das Victoria arbeitet, weist eine positive Bilanz auf. Seit fünf Jahren schickt es regelmäßig Friedensstifter in die Gefängnisse des Landes, seitdem geht die Zahl der Morde signifikant zurück. Ein erstaunlicher Prozess, denn die Mediatoren, wie sich die Kursusleiter nennen, haben es durchweg mit hart gesottenen Typen zu tun. „Sie sind in einer Welt aufgewachsen, in denen das Gesetz des Dschungels gilt, haben keine Schule besucht und keine Chance auf einen Job“, erklärt Victoria. „Ihre einzige soziale Bindung im Knast ist die Gang, quasi ihre Familie, ohne die man in diesem Milieu nicht überleben kann.“
Victoria Maloka, 32 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern, weiß, welche lebenswichtige Rolle soziale Bindungen spielen. Sie kommt vom Land, hundert Kilometer nördlich von Pretoria, ist in einem Dorf aufgewachsen, das bis heute keinen Strom besitzt und erst seit drei Monaten durch ein Telefon mit der Außenwelt verbunden ist. Doch bei aller Armut und Isolation lässt es sich in der kleinen Kommune leben. Oberste Instanz ist Victorias Vater, ein Patriarch, der die Ämter des Bürgermeisters, Richters und Mediators in seiner Person vereint. In Victorias Elternhaus gaben sich Bittsteller, Kläger und Angeklagte die Klinke in die Hand, ständig war der Vater damit beschäftigt, Streit zwischen Nachbarn zu schlichten, das Strafmaß für einen Hühnerdieb festzulegen oder den Anbau der Schule vorantreiben.
„Mit meinem Job hier trete ich doch nur in seine Fußstapfen“, bekennt Victoria, die schon als Teenager lernen musste, Verantwortung zu übernehmen. Mit 19 war sie bereits Mutter von zwei Kindern, begann trotz dieser Belastung Jura zu studieren und arbeitete nach ein paar Jahren im Staatsdienst als Mediatorin am Center for Conflict Resolution in Kapstadt. Montagmorgen neun Uhr. Besuch im denkmalgeschützten „Bertram-House“ der Universität Kapstadt. Hinter den Fenstern dominiert der Tafelberg das Panorama unter einem blank geputzten Himmel. Laurie Nathan, 44, Leiter des Center of Conflict Resolution, ist gerade aus Simbabwe von einem viertägigen Treffen mit Parlamentariern der beiden großen Parteien zurückgekehrt und schwärmt vom morgendlichen Joggen am Victoria-Wasserfall. „Es war fantastisch!“. Das bleibt allerdings einziges positives Ergebnis seiner Reise in das Nachbarland, in dem die Inflation bei 500 Prozent liegt, 70 Prozent der Bevölkerung arbeitslos sind, fünfeinhalb Millionen Einwohner hungern und 4000 Menschen jede Woche an Aids sterben. Präsident Robert Mugabe steht unter Druck, Regierung und Opposition führen Gespräche über eine Koalitionsregierung, Laurie Nathan wurde als Berater eingeladen. Nathan gehört seit seiner Geburt zur weißen Oberschicht, wuchs bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr in einem „weißen Kokon“ von Kapstadt auf, kannte Schwarze nur als Hauspersonal und begegnete erst auf der Universität farbigen Studenten und Aktivisten, die „auf ein Podium stiegen und klare Visionen in Worte fassten“. Ein Jahr nach Abschluss seines Studiums reiste er nach München und besuchte das Konzentrationslager Dachau. „Auf dem Rückweg dachte ich, das Gleiche passiert auch in meinem Land.“ Er verweigerte den Militärdienst, trat in eine Oppositions-Organisation ein und musste daraufhin zwei Jahre lang in den Untergrund abtauchen. „Große Angst geschnappt zu werden, hatte ich nicht, ich war jung und begeistert.“ Er schüttelt lächelnd den Kopf und fügt hinzu: „Außerdem wurden nur schwarze Aktivisten im Gefängnis gefoltert.“
Daran hat sich nicht allzu viel geändert, obgleich die Apartheid seit zehn Jahren abgeschafft ist, „die Probleme der Schwarzen“, so Nathan, „sind geblieben.“ Die große Mehrheit der Farbigen lebt in extremer Armut, die Polizei geht selbst bei Bagatelldelikten brutal gegen Schwarze vor, es gibt keine nennenswerte ärztliche Versorgung für sie, kaum Geld und viel zu wenig Lehrer für ihre Schulen. „Dreihundert Jahre hat man bei uns die Schwarzen unterdrückt“, sagt Nathan, „das lässtsich nicht innerhalb von zehn Jahren umdrehen.“
Doch ein Anfang ist gemacht. Als das Center seine Arbeit begann, standen ihm elf weiße Mitarbeiter zur Seite, heute sind es vierzig überwiegend Schwarze. Das Jahresbudget hat sich inzwischen verzehnfacht, den Löwenanteil spenden Länder wie Holland, Belgien, Schweden, England, Norwegen und Finnland. In Deutschland finanzieren die Konrad Adenauerund die Friedrich Ebert-Stiftung einzelne Workshops. Das CCR entwickelt langfristige Programme. Die Trainer arbeiten systematisch mit Schülern und Lehrern, mit Polizisten, Häftlingen, Wärtern. Die Mediatoren beraten hochrangige Militäroffiziere, Verteidigungs- und Außenminister in Malawi, Burundi, Somalia, Zimbabwe und im Sudan. Wichtigstes Aktionsfeld der CCR ist das südliche Afrika. Effektivität erreicht das Institut auch, weil es Multiplikatoren ausbildet. In den Gefängnissen suchen Trainer wie Victoria Wärter aus, die drei Monate im Centre for Conflict Seminare besuchen, in denen Konfliktlösungen durchgespielt werden. Ähnlich vorbereitet gehen die Multiplikatoren an Schulen vor. Ndileka Ngomo ist so eine Multiplikatorin. Mit ihrer Zottelmähne, den Pausbacken, ihrem lauten, offenen Lachen gleicht sie aufs Haar Whoopi Goldberg. Ndileka ist Lehrerin in der Primary School von Langa, einem dieser ausufernden Vororte, die wie hässliche Geschwüre am sonst so properen Gesicht Kapstadts kleben, eine trostlose Siedlung aus Wellblech-und Papphütten. Heute steuert sie die Behausung von Noma Cirha an, deren Kinder seit Tagen nicht mehr die Schule besucht haben. Die Mutter kauert im Bett, als Zeichen der Trauer ein grünes Tuch um den Kopf geschlungen. Vor zwei Wochen wurde ihr Sohn erstochen. Keiner weiß, warum.Seither ist sie nicht mehr aufgestanden.
Sie stammt vom Land, vierzehn Busstunden von Kapstadt entfernt. Erst vor ein paar Monaten ist sie mit ihren fünf Kindern in die Stadt gezogen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. „Am liebsten würde ich wieder zurück“, sagt sie unter Tränen, „aber wie? Wir haben kein Geld. Letztlich macht es keinen Unterschied. Dort hungern wir, hier auch.“ Ndileka hockt auf der Bettkante, streichelt die Hand der Mutter und versucht sie zu trösten. Es scheint zunächst nicht so wichtig, was sie sagt, sondern dass sich überhaupt ein Mensch um die Familie kümmert. Aber schließlich dringt sie mit ihren Argumenten durch: „Schick die Kinder zur Schule“, beschwört sie die Mutter. „Dort geht’s ja nicht nur um Lesen, Schreiben und Rechnen. Wir zeigen ihnen, dass es sinnlos ist, zu stehlen, sich zu prügeln und gegenseitig abzustechen,bringen ihnen bei, was Menschlichkeit ist, was Würde bedeutet.“
Leere Versprechen? Ndileka präsentiert ein Beispiel, das noch ganz frisch ist: Gerade hat das CCR einen dreitägigen Workshop organisiert, auf dem dreizehnjährige Schüler aus den Slums mit Gleichaltrigen aus dem Nobelvorort Camps Bay zusammenkamen. „Am ersten Tag hatten sie noch Angst voreinander“, sagt Ndileka mit ihrem Whoopi-Grinsen. „Viele weiße Kinder sind ja außer ihren Angestellten noch nie einemSchwarzen begegnet.“
Umso eindrucksvoller gestaltete sich der Ausflug, der die weißen Kinder aus dem Villenviertel am nächsten Tag ins Township führte, in die Schule der Schwarzen, wo sich siebzig Kinder in einer Klasse drängen. Ein Tag im feinen weißen Camps Bay, ein Tag im schwarzen schmutzigen Langa, ein Wechselbad der Gefühle, das einen Dialog zwischen Weiß und Schwarz, Reich und Arm praktisch erzwingt und Berührungsängste abbaut. „Schon am zweiten Tag war das Wiedersehen eine Party“, sagt Ndileka und fügt nach einer Gedankenpause hinzu: „Ist natürlich einfacher, ehrlich zu bleiben, wenn man aus einem reichen Haus stammt. Aber auch die schwarzen Kids können ein ehrliches Leben führen, selbst wenn sie inManenberg wohnen.“
Der Stadtteil Manenberg ist der exemplarische Ernstfall, ein ödes, von 90.000 Menschen bewohntes Viertel, das von zwanzig Gangs beherrscht wird. Die Banden haben sich blumige Namen gegeben: „Hard living“, Dixie Boys“, „Justice“ und „Play Boys“, doch bei allen handelt es sich knallhart um Drogen, Waffen und Macht. Das staatliche Gegengewicht bilden die Polizisten Kevin, Davis, Gerome und Wynand, auf Kampf gegen Bandenkriminalität gedrillt und jede Nacht bisan die Zähne bewaffnet unterwegs.
„Sie jagen Killer. Aber auch die haben eine Würde, das müssen unsere Jungs erst lernen“, sagt Victoria, während sie sich in schwarze Stiefel und enge Jeans zwängt. „Die Polizei istbrutal, auch dann, wenn’s nicht nötig ist.“
Seit zehn Jahren versucht das CCR, der Polizei in Workshops und Rollenspielen beizubringen, dass Gewalt nicht der beste Weg ist, einen Konflikt zu lösen. Im Gegenteil. „Gewalt provoziert und erzeugt Gegengewalt,“, sagt Victoria, die heute das Fahndungsteam begleiten wird. „Das erleben wirhier doch an allen Ecken und Enden.“
Auf der Wache erntet sie ähnliche Sympathien wie im Knast. „Hallo, ihr Helden“, begrüßt sie die Männer, die sich sofort um sie scharen. Kevin, ein Kerl wie ein Schrank, hilft ihr galant in die kugelsichere Weste und wird mit einem strahlenden Lächeln belohnt, dann springen sie in den Wagen und rasen zur Petrics Lane, wo es eine Schießerei zwischen Nachbarn gegeben hat. Als sie die düstere Gasse erreichen, müssen sie stoppen. „Zu schmal für unsere Karre“, knurrt Kevin. Also aussteigen und den Tatort zu Fuß erstürmen. „Ziemlich gefährlich, selbst für uns“, knurrt Kevin. „Hier regieren drei Gangs.“ Vorn in der Gasse johlen Kinder, reißen die Hand hoch, Mittel- und Ringfinger gebeugt. „ Das Zeichen der Hard-Living-Gang, schon die Kinder signalisieren damit, dass sie dazu gehören. Aus diesem Rattenloch kommen die mächtigstenGangs.“
Fahrer Davis drückt den Wagen gegen den Bordstein, die Türen knallen auf, die Vier sprinten zu einem Wohnblock, ducken sich unter Fenstern durch, huschen an morschen Holztüren vorbei, spähen eiserne Feuerleitern hinauf, immer auf dem Sprung. Es wimmelt von Menschen, Betrunkene, Junkies, Straßenhändler, Dealer, dazwischen Kinder. Die Männer stürmen in eine Wohnung, Kinder sitzen auf dem Sofa vorm Fernseher, neben ihnen ein Mann, auf den geschossen wurde. Wer war´s? Ein Nachbar soll’s gewesen sein. Welcher? Vielleicht der gegenüber, Hausnummer 14. Warum? Weiß er nicht. Die Polizisten werden wütend. Gerome ist dicht davor, den Verwundeten etwas härter ran zunehmen. „Lass uns doch mal rüben fragen?“ mischt sich Victoria ein. In Nummer 14 öffnet eine alte Frau, ihr Sohn sei nicht da, zischt sie undknallt die Tür zu.
Um Mitternacht haben sie mehr Erfolg. In einem Hinterhof schnappen sie den achtzehnjährigen Francisco, den sie schon länger im Visier haben. „Ein Killer!“, sagen sie, die Information kommt von der Geheimpolizei. Eingezwängt zwischen Gerome und Kevin sitzt er im Fond des Streifenwagens. Sie rempeln ihn an, schreien ihm ihre Fragen ins schwarze Gesicht. Keine Reaktion. „Der Typ ist bis in die Haarspitzen zugedröhnt“, schimpft Kevin. Aber nur er könnte ihnen erzählen, wo sie den Händler finden, der die Gangs mit Waffen versorgt. „Pack aus!“ befiehlt Gerome. Francisco murmelt eine Adresse, während Fahrer Davies den Wagen zur Wache lenkt. Natürlich lassen sie Franciso nicht laufen, sondern schaffen ihn in eine Zelle der Polizeistation. „Sie wissen, dass du sie verpfiffen hast“ sagt Kevin. „Wenn du jetzt frei rum läufst,bist du ganz schnell tot.“
Ende einer aufregenden Schicht in einer Nacht wie jeder anderen. Victoria fährt nach Hause zu ihren Kindern, die sie bald wecken und zur Schule bringen wird. Danach muss sie sich auf ein Strategie-Meeting mit Kolleginnen vorbereiten, bei dem es um die Finanzierung des Bereichs „Menschenrechte und Konfliktmanagement“ geht. Alles nicht so leicht unter einen Hut zu bringen für eine allein erziehende Mutter wie sie. Während sie sich einen Instantkaffee aufbrüht und den Frühstückstisch für die Kinder deckt, kritzelt sie mit dem Kugelschreiber ein paar Stichwörter auf ihren Handrücken. Die werden ihr hoffentlich helfen, wenn sie nachher Sponsoren anruft. Denn wie alle Mitarbeiter des Projekts muss sie selbst für die Finanzierung ihrer Programme sorgen.
Auch Kevin fährt nach Hause, er wohnt mit seiner Familie in Manenberg. Hat er keine Angst um seine Kinder und Enkel? Er schüttelt sein kahles Haupt. „Wir haben doch die da oben“, grinst er und zeigt in den Sternen besäten Himmel überm Kap der guten Hoffnung und dann auf seine Kollegen.. „Wir sind alle vier gläubige Bullen, ein Katholik, ein Neu-Apostole, ein Moslem, ein Methodist, uns kann nichts passieren, alle Götter passen auf.“