Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Service / Karikaturen für... / Karikaturen in der Bildungsarbeit

Karikaturen in der Bildungsarbeit

Inhalt von Karikaturen

Karikaturen übertreiben ...

Karikaturen übertreiben. Sie heben bewußt bestimmte Aspekte eines Problems hervor, um auf diese aufmerksam zu machen. Sie zeigen dabei durch ihre Zuspitzung oft genug Hintergründe und Zusammenhänge kurz und prägnant auf.

Das Spektrum der Karikatur reicht von der sozialkritisch-politischen Pressezeichnung bis zum harmlosen gezeichneten Witz. Seit Karikaturen sozialpolitische Themen aufgreifen, wurden sie immer auch für das Volk und dessen Freiheit im Kampf gegen die Mächtigen und Unterdrücker eingesetzt. Die Karikatur galt und gilt immer noch als ein wichtiges Medium der Erhellung von Mißständen und der Wahrung von Menschenrechten.

Doch sind Karikaturen nicht nur Medium im Kampf des "Guten" gegen das "Böse", sondern wurden und werden natürlich auch von Herrschenden für ihre Interessen eingesetzt (wie u. a. im Nationalsozialismus deutlich wurde). Ebenso gibt es auch unpolitische, reaktionäre, rassistische und sexistische Karikaturen.

Tagespolitische Karikaturen erliegen häufig der Versuchung, mit Symptomen zu spielen, ohne die Hintergründe freizulegen. Politische Sachverhalte werden auf Charaktereigenschaften von Politikern reduziert, sozioökonomische Analysen haben hier nur selten Platz.

Für das Entstehen einer Karikatur sind bestimmte gesellschaftliche Spannungen die Voraussetzung. Karikaturen über eine bestimmte Person, über bestimmte Volksgruppen oder irgendwelche Dinge und Erscheinungen sind stets provoziert worden von einem ­ wenn auch nicht immer äußerlich sichtbaren, so doch stets vorhandenen ­ Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Um eine Karikatur zu verstehen, muß deshalb die aktuelle oder historische Situation bekannt sein oder entschleiert werden.

Was man mit Karikaturen machen kann

Stummer Impuls
Zu Beginn einer Arbeitseinheit kann eine Karikatur, die zuvor auf Folie kopiert wurde, als sogenannter stummer Impuls projiziert werden. Die Karikatur dient hier dazu, die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Themenbereich zu lenken.
Untertitel texten
Zum Seminarthema werden zwei Karikaturen, bei denen die Untertitel entfernt wurden, auf ein Arbeitsblatt kopiert. In Einzel- oder Partnerarbeit sollen nun Untertitel getextet werden. Die getexteten Bilder werden dann an die Wand gehängt.
Analysieren
Zu einem Thema gesammelte Karikaturen (von verschiedenen Zeichnern oder nur von einem ) werden auf ihre Aussagen und Wirkungen untersucht. Welche Stilmittel, welche Stereotypen, welche Wortwahl usw. finden sich? Wie wird das dargestellte Problem gesehen? Entspricht dies der eigenen Sichtweise?
Zeitgeschichte nachzeichnen
Anhand verschiedener Karikaturen kann z. B. die Geschichte der Bundesrepublik ebenso nachgezeichnet werden, wie die Umwälzungen in Osteuropa oder die verschiedenen Phasen des Krieges im ehemaligen Jugoslawien.
Karikaturen selbst anfertigen
Als Einzel-, Gruppenarbeit oder auch als Wettbewerb werden Karikaturen zum Seminarthema selbst angefertigt.

Was zu beachten ist
Alle Einzelheiten der Karikatur müssen von allen Schülerinnen und Schülern gut wahrgenommen werden können. Deshalb muß die Karikatur entweder für alle kopiert werden, oder aber als Folie oder Dia projiziert werden.

Stilmittel der Karikatur

Übertreibung
Sie gibt einer Sache das plastische Gepräge.

Paradoxie
Verblüffender Widerspruch gegen allgemein angenommene Meinungen.

Ironie
Bloßstellung von etwas für verkehrt Gehaltenem.

Situationskomik
Darstellung von Menschen in einer ungewöhnlichen, lächerlich wirkenden Lage.

Charakterkomik
Überdeutliches Herausstellen einer bestimmten Eigenschaft einer Person.

Parodie
Anwendung der Form eines Vorbildes auf einen neuen, oft unpassenden Inhalt.

Witz
Geistreiche Verbildlichung.

Individuation
Darstellung eines Allgemeinen an einem kleinen konkreten Einzelnen.

Humor
Heiter-distanziertes Über-den-Sachen-Stehen.

Sarkasmus
Bittere Verspottung, scharfe Verhöhnung.

Ein wesentliches Element der Komposition von Karikaturen ist die Verwendung der stets gleichen Basiselemente, jedoch in immer neuen Zusammenhängen. Die Karikatur ist so ein Kompromiß zwischen dem Bedarf an neuen Eindrücken und der Notwendigkeit, erkennbare Figuren immer wieder zu verwenden, damit der Leser die Situation rasch erkennen kann.

Günther Gugel: Methoden Manual II: "Neues Lernen". Tausend neue Praxisvorschläge für Schule und Lehrerbildung. Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 1998, S. 22-25.

Karikatur als Waffe?

epd-Entwicklungspolitik:

Die Karikatur ist also für dich eine Waffe?

Guillo:

Nein, ich glaube nicht, daß der Pinsel eine Waffe ist. Waffen sind dazu da, um Menschen zu töten. Ich glaube, daß der Humor dazu dient, daß sich die Menschen besser verstehen. Ich kann ironisch sein, einen Diktator lächerlich machen ­ aber nicht, um alle zu zerstören, die diesen Diktator unterstützen, sondern damit sie kapieren, daß sie eine Dummheit unterstützten. Ich bin nicht dafür, den anderen zu eliminieren. Wenn du also ein Bild machst, auf dem ein kleiner Zwerg auf einen großen Stuhl klettert, dann ist das natürlich kein Witz, kein "Gag", aber es zeigt, daß dieser Typ illegitim in seinem Amt ist, daß der Stuhl zu groß für ihn ist, für einen anderen gedacht. Dieser Zwerg hat kein Recht darauf. ()epd-Entwickungspolitik:

Was bewirkt eine Karikatur?

Guillo:

Wenn eine Karikatur gut ankommt, dann liegt das daran, daß du mit dem Publikum perfekt harmonierst. Das Publikum spürt eine Atmosphäre, hat ein Gefühl zu einer Sache, die passiert ist ­ und deine Aufgabe ist es, das sichtbar zu machen, das in eine Synthese zu fassen und es dem Publikum vorzuführen. Du lehrst das Publikum nichts Neues. Du öffnest ihnen nicht die Augen. Nein, es ist etwas, das man fühlt. Wenn die Leute ein Bild von dir loben, dann deshalb, weil sie genau dasselbe fühlen, weil sie sagen: Ja, so ist es.epd-Entwicklungspolitik:

Heißt das, die Karikatur ist etwas, was die Leute schon wissen?

Guillo:

Nein, sie wissen es nicht. Es ist eine mehr irrationale Sache, mehr auf der Ebene des Gefühls. Die Leute haben das nicht systematisiert, nicht bewußt. Du bewirkst, daß sie (ein-) sehen, was sie (an-)sehen. Sie fühlen, daß irgendetwas faul ist im Lande, und du zeigst ihnen: das ist es. Deine Zeichnung deutet eine Stimmung, eine Atmosphäre.

Guillo ist Karikaturist und lebt in Chile. epd-Entwicklungspolitik, 22/91, S. 30 f.

Analyseraster Karikaturen

Analyse-Bereich

Leitfragen

Aussage (Was?)

Was sieht man?

Welches Problem/Ereignis ist dargestellt?

Welche Personen sind zu erkennen?

In welchen Lebenssituationen?

Welcher Widerspruch wird aufgedeckt?

Stil (Wie?)

Was fällt besonders auf?

Welche Mittel verwendet der Karikaturist?

Auf welche Weise spricht er uns an?

Wie werden Personen dargestellt?

Welche Typisierungen werden verwendet?

Sender (Wer?)

Wer hat die Karikatur gezeichnet?

In wessen Diensten?

Was ist über den Karikaturisten bzw. seinen Auftraggeber bekannt?

Welche Ziele verfolgt der Karikaturist?

Welche bzw. wessen Partei ergreift er?

Zeit/Ort (Wann?)

Wann ist die Karikatur entstanden?

Wo ist sie entstanden?

Was wissen wir aus anderen Quellen über diese Zeit?

Intention (Warum?)

Was will der Karikaturist erreichen?

Wen (was) greift er an und warum tut er das?

Wirkung (Welche?)

Welche Emotionen löst die Karikatur aus?

Wie wirkt die Karikatur

­ auf die Zeitgenossen (Zielgruppen ­ Gegner ­ Nichtbetroffene)?

­ auf uns?

­ auf andere?

Weg (Kanal)?

­ Wie wird die Karikatur verbreitet (Zeitung, Flugblatt, Fernsehen usw.)?

­ Wem gehört das Kommunikationsmittel?

­ Wer entscheidet über die Plazierung der Karikatur?

H. Uppendahl: Die Karikatur im historisch-politischen Unterricht.
Freiburg/Würzburg 1978, S. 47.

Literaturhinweise

Demm, Eberhard: Der Erste Weltkrieg in der internationalen Karikatur. Hannover 1988.
epd Dritte Welt Information 5/6/1993: Süd-Ansichten. Karikaturen aus der Dritten Welt in der Bildungsarbeit.
Hollweck, Ludwig: Karikaturen. Von den Fliegenden Blättern zum Simplicissimus. 1844 bis 1914. Herrsching o. J.
Israel & Palästina, Extranummer August 1992: Feindbilder. Arabische und deutsche Karikaturen zum Zweiten Golfkrieg.
Krüger, Herbert / Werner Krüger: Geschichte in Karikaturen. Von 1848 bis zur Gegenwart. Stuttgart 1981.
Marienfeld, Wolfgang: Die Geschichte des Deutschlandproblemes im Spiegel der politischen Karikatur. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1989.
Pöbel, Horst: Deutsche Geschichte nach 1945 im Spiegel der Karikatur. Landsberg 1996.

Quelle:

Günther Gugel: Methoden Manual II: "Neues Lernen". Tausend neue Praxisvorschläge für Schule und Lehrerbildung. Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 1998, S. 22-25.

© 2000, Verein für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School