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Bücher gegen Gewalt – Wie geht das? Gabriele Kassenbrock

Anlässlich der vom Ökumenischen Weltrat der Kirchen ausgerufenen "Dekade zur Überwindung von Gewalt" gibt der Deutsche Verband Evangelischer Büchereien thematische Buchempfehlungen heraus. Neben den fortlaufenden Besprechungen aktueller Jugendbücher, Romane und Sachbücher zum Dekade-Thema im Evangelischen Buchberater bietet die vorliegende Literaturliste eine Zusammenstellung interessanter Bilderbücher für die große Zielgruppe vom Kindergartenkind bis zum Erwachsenen. Aufgenommen wurden (mit einer Ausnahme) lieferbare Titel, die wichtige Aspekte des Themenfeldes "Konflikte und Gewalt" erzählerisch und/oder bildlich überzeugend darstellen.

Drei Thesen zum Charakter von Kinderliteratur vorab

1.Kinderliteratur ist Reflex auf die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit einer Zeit. Sie gibt Bilder dessen wieder, was unter Kind, Kindheit und Erwachsenenwelt in der jeweiligen Zeit verstanden wird.
2. Kinderliteratur / Bilderbücher, etc. sind künstlerische Produkte. Sie bilden Wirklichkeit also nicht ab, sondern akzentuieren, dramatisieren und pointieren durch Auswahl, Präsentation und Gestaltung ihrer Themen, Inhalte und Motive. Sie stehen damit - auch in der bewussten Abkehr - in der Tradition literarischer und künstlerischer Motive der (Kinder-)Literatur- und Kunstgeschichte.
3. Bilderbücher sind ein Medium mit literarischen, bildnerisch-ästhetischen und pädagogischen Ebenen der Präsentation, Gestaltung, des Einsatzes und der Wirkung. Sie werden heute in vielen Fällen für einen offenen Adressatenkreis produziert; d.h. die Kategorisierung "Bilderbuch" ist keine eindeutige Zuweisung für die Zielgruppe der Vier- bis Sechsjährigen. Bilderbücher gibt es für Grundschulkinder, für Erwachsene etc,

Ist Gewalt ein "Bilderbuch-Thema"?

Das Themenfeld "Streiten - Konflikte - Gewalt" ist durch verschiedene Faktoren besonders "belastet". Da ist einerseits die in der Öffentlichkeit behauptete Zunahme von Gewalt z.B. gegen Außenseiter, Fremde, Kinder, Frauen und die in den Medien präsentierte Vielfalt und Allgegenwart von Gewalt. Daneben steht die ganz persönliche Einstellung zur Thematik, die stark variiert. Für die einen ist Durchsetzungsfähigkeit ein vorrangiges Erziehungsziel, andere legen mehr Wert auf Kompromißfähigkeit und Friedfertigkeit. Kinder erleben auch bei Erwachsenen eine Faszination der Stärke und die Haltung "das sollen die Kinder unter sich ausmachen" ebenso wie ein großes Harmoniebedürfnis und die durchgängige Erwartung "Nun vertragt Euch schon wieder". Beides trägt nicht unbedingt zur Entwicklung von Konfliktfähigkeit bei. Die Formulierung der Dekade klingt hier nüchterner: "Gewalt überwinden" impliziert, dass Konflikte zum Leben dazugehören und auch Gewalt immer wieder auftritt, dass sie aber überwindbar ist.

Vor diesem Hintergrund stehen Kinder- und Bilder-Bücher unter besonderem pädagogischen und gesellschaftlichen "Druck". Von ihnen wird erwartet, dass sie der Gewalt entgegenwirken, d.h. die Sinnlosigkeit von Gewaltanwendung und alternative Handlungswege zeigen. Ungeachtet der Ergebnisse der Rezeptionsforschung (und vieler alltäglicher Beobachtungen von Vorlesenden) herrscht dabei immer noch die Annahme vor, eine Geschichte mit dem moralisch richtigen Verhalten bewirke eben dieses Verhalten in der Wirklichkeit. Für die Entwicklung der Kritik- und Urteilsfähigkeit bei Kindern sind aber auch solche Titel interessant, die durchaus Fehlverhalten und Scheitern von Menschen zeigen, doch dabei zum eigenen Urteil, zur Stellungnahme herausfordern (z.B. "Macker"). In die vorliegende Literaturliste sind beide Varianten, also Bücher mit modellartigen Lösungen und solche mit "offenem Schluss" aufgenommen worden.

Die zur Zeit auf dem Kinderbuchmarkt greifbaren Titel nähern sich dem Thema "Konflikte und Gewalt" unter verschiedenen Fragestellungen.

Streiten und Versöhnen

Schon kleine Kinder erfahren, dass es zum menschlichen Zusammenleben gehört, Konflikte auszutragen. Eine große Gruppe von Bilderbüchern widmet sich deshalb dem Thema "Streiten und Versöhnen". Sie gehen zwei erzählerische Wege:
In der realistischen Alltagsgeschichte (z.B. "Königsspiel", "Krach mit Britta") wird das Entstehen eines Konfliktes, die dabei auftretende Wut, der Ärger beider Parteien, aber auch die Einsamkeit und die Sehnsucht nach Versöhnung mit Freund oder Freundin deutlich. Zu dieser Gruppe gehören auch die Titel, die Kinder als Hauptakteure durch Tierfiguren ersetzen (z.B. "Wir wollen uns wieder vertragen„). In fabel- oder parabelartigen Geschichten wird der Konflikt und dessen Lösung aus dem Realen in eine nicht näher bestimmte Tier- oder Monsterwelt verlagert. Hasen, Frösche oder Teufelchen handeln an Menschen statt und zeigen, wie Blindheit für die Realität des anderen, Nichtigkeiten oder Arroganz zum Auslöser von Gewalt werden kann. ("Das gehört mir", "Du hast angefangen"). Diese Titel eignen sich aufgrund der guten Übertragbarkeit auf andere Situationen für den Einsatz in vielen (Alters-) Gruppen.

Gewalt gegen Kinder

Gewalt kann viele Gesichter haben. Zum Thema gehören deshalb auch Geschichten, in denen sich Gewalt (z.B. im Erziehungsverhalten) durch Erwachsene gegen Kinder richtet. Verfremdet durch Tierfiguren ("Schreimutter", "Warum der Hase...") wird hier den erwachsenen Betrachtern ein Spiegel vorgehalten; durch gemeinsames Betrachten mit Kindern kann erwachsenes Verhalten zum Gesprächsgegenstand gemacht und damit aus dem Naturwüchsigen herausgelöst, kommentierbar und - mindestens auf der Gesprächsebene - auch veränderbar werden.
Noch direkter stellen Bücher wie "Kein Kuss für Tante Marotte" und "Die Kinderkiste" elterliches Verhalten zur Diskussion. Hier sind die Protagonisten Kinder, deren Verhalten nicht zu den Interessen der Erwachsenen passt und die sich (realistisch oder phantastisch) im Happy-End durchsetzen.

Gewalt unter Kindern

Das nach seinem Erscheinen 1993 viel diskutierte Bilderbuch "Macker" fällt aus dem Rahmen der Bilderbuchproduktion der 90er Jahre. Es besticht durch die ästhetische Einheit von Story, Text, Buchgestaltung und Illustration. "Macker" stellt gewalttätige Attacken in einer (Kinder-) Gruppe kommentarlos dar. Opfer und Täter wechseln verwirrend oft. Am Schluss sind fast alle auch böse gewesen. „Juul" erzählt die Geschichte eines Kindes, das erbarmungslos gehänselt und ausgegrenzt wird und das alle Aggressionen der anderen bis zur fast völligen Selbstzerstörung gegen sich selbst richtet. Wie kommentieren Kinder (etwa im Grundschulalter) solche Geschichten? Wie beurteilen sie das Verhalten der Täter und Opfer und wie bringen sie die Bilderbuchgeschichten mit ihren realen Erfahrungen in Verbindung? Unterrichtsbeispiele zu Bilderbüchern im Religionsunterricht zeigen, dass es sich lohnt, mit solchen "harten" Büchern zu arbeiten!

„Wer ist mein Nächster?"

Sucht man nach Titeln, die einen Beitrag aus christlicher Sicht, von Glaube und Religion überhaupt zum Thema Konflikte und Gewalt leisten könnten, wird man zunächst enttäuscht. Die religiöse Kinderliteratur in der Sparte Bilderbuch beschränkt sich auf wenige Themen: Biblische Bilderbücher, Thema Kirchenjahr und Kindergebetbücher. Auf interessante Titel und Geschichten stößt man allerdings, wenn man die Frage "Wer ist mein Nächster?" ins Zentrum rückt. "Lisa traut sich" nimmt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter auf und erzählt eine ganz in der Gegenwart angesiedelte, im Comicstil illustrierte Geschichte. Besonders hervorzuheben ist das Bilderbuch "Der Krieg und sein Bruder", das die Spur von Krieg und Gewalt bis zum Ursprung des Bösen in der biblischen Erzähltradition aufgreift.

Krieg und seine Folgen

Krieg als eine von Staaten und Politik "organisierte" Form von Gewalt ist ein besonders schwieriges, weil kaum zu vereinfachendes Thema fürs Bilderbuch. Fragwürdig erscheinen Beispiele, in denen Kindern suggeriert wird, aus Blumenklauen und mit Sand werfen entstünden gleichsam unvermittelt militante Kämpfe (z.B. "Warum?", vergriffen). Andere fordern etwa durch die Personalisierung des Krieges ("Der kleine Soldat") eine hohe Vermittlungs- und Aneignungsleistung. Überzeugend wirken Bücher, die aus der Sicht von Opfern / Verfolgten deren Geschichte erzählen ("Karlinchen", "Da bin ich").

Möglichkeiten der Umsetzung der Bücher in Gruppen

- Die Arbeit mit guten Büchern kann helfen, die Vielfalt an Meinungen unter Kindern und die damit verbundenen Konflikte zunächst einmal anzuerkennen und diese nicht für die Kinder, sondern mit ihnen zu lösen.
- Interesse und Arbeitsformen sollten nicht nur dem Inhalt, sondern auch der sprachlichen und grafischen Ebene der Geschichte gelten: Wie wird etwas gesagt, welche Ausdrücke benutzen die Kinder, wie ist eine Figur gezeichnet, was empfinden wir, wenn wir die Figur betrachten?
- Hilfreich sind offene und kreative Arbeitsformen, die die Perspektive der Kinder ins Spiel bringen und stärken. So könnten Kinder in Gruppen einen neuen Schluss oder eine Fortsetzung schreiben/malen und dabei verstehen lernen, dass Geschichten "gemacht" sind, also auch verändert, umgestaltet werden können. Bilderbuchfiguren können kopiert, vergrößert und bemalt z.B. zu Akteuren eines Papptheaters werden, dessen Inhalte die Kinder nach ihren Vorstellungen gestalten. Rollenspiele, speziell Rollentausch sind Arbeitsformen, die helfen, Einfühlung in andere zu üben, einen Konflikt von der Opfer- und Täterseite zu betrachten.
- Bilderbücher - auch sog. "weltliche" - beinhalten Schätze für die religiöse Aneignung, wenn ihre Weltsicht differenziert wahrgenommen und mit der Botschaft des Evangeliums zusammen gelesen werden. Mit einem Bilderbuch lässt sich auch ein Gottesdienst gestalten, ein Elternseminar, ein Abend in der Familienfreizeit oder ein Nachmittag mit älteren Menschen.

Dabei viel Freude und Erfolg.

Gabriele Kassenbrock in: Konflikte und Gewalt im Kinderbuch. Göttingen 2003, S. 2-4.

© Deutscher Verband Evangelischer Büchereien e.V.
Bürgerstr. 2a
37073 Göttingen

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