Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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"Die Waffen nieder ...!" - Leben und Wirken der Bertha von Suttner

Christl Wickert

Bertha von Suttner war die Wegbereiterin ...

Bertha von Suttner war die Wegbereiterin und führende Persönlichkeit der internationalen Friedensbewegung vor dem Ersten Weltkrieg. Ihr Antikriegsroman "Die Waffen nieder!" avancierte nach Erscheinen 1889 rasch zu einem Bestseller und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Zusammen mit anderen Pazifisten gab sie die entscheidenden Anstöße für die Gründungen der österreichischen "Gesellschaft der Friedensfreunde" (1891) und der "Deutschen Friedensgesellschaft" (1892). 1905 wurde sie als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Wer war diese Frau? Wie verlebte sie ihre Jugend? Welche Gründe gab es für ihr späteres Schaffen als Pazifistin?

Abb 1: Bertha von Suttner (1843-1914;
Foto um 1884

Jugend und Erziehung

Am 9. Juni 1843 wurde im Palais Kinsky am Altstädter Ring in Prag Bertha Sophia Felicita Gräfin Kinsky von Chinic und Tettau geboren. Ihr Vater, der pensionierte k. u. k. Feldmarschalleutnant und aus einem vornehmen böhmischen Adelsgeschlecht stammende Franz Josef Kinsky, war kurz zuvor verstorben. Ihre Mutter kam aus der Familie des Dichters Theodor Körner und genoß aufgrund der bürgerlichen Herkunft ein weniger hohes Ansehen.

Während Berthas kleiner Bruder bald in eine Kadettenschule geschickt wurde, kümmerte sich ein Kamerad des Vaters um Mutter und Tochter. Er wurde Berthas Vormund, holte sie nach Brünn und bestimmte ihre Kindheit maßgeblich.

Als Bertha 16 Jahre alt war, mußten sie in ein billigeres Landhäuschen in Klosterneuburg umziehen. Hier schrieb sie ihre ersten Novellen. In dieser Zeit lehnte sie zahlreiche Heiratsanträge ab und gab sich nur wenig ernstzunehmenden Schwärmereien zu Männern hin. Ihre erste große Jugendliebe, Adolf Prinz Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, starb früh. Diese Verbindung hätte unter keinem guten Stern gestanden, da die Familie des Prinzen ihr als arme Komteß ablehnend gegenüberstand.

Im Laufe der Jahre erlernte sie drei Fremdsprachen, Klavier spielen, Gesangspartituren beherrschen; obendrein konnte sie mit umfangreichen literarischen Kenntnissen aufwarten. Ein Gesangsstudium, das ihre Mutter arrangiert hatte, führte zu keinen großen Erfolgen.

1873 trat sie in die Dienste des Freiherrn von Suttner in Wien als Gesellschafterin von dessen vier halberwachsenen Töchtern. Dort verliebte sie sich in den 23jährigen Sohn der Familie, Arthur, mit dem sie das Interesse für Kunst und Kultur und den Wunsch teilte, schriftstellerisch tätig zu sein.

Knapp drei Jahre konnte die Liaison geheimgehalten werden. Nach Bekanntwerden mußte Bertha ihre Anstellung aufgeben und das Haus verlassen. Die Familie Suttner lehnte eine Heiratsgenehmigung strikt ab, half ihr aber bei der Suche nach einer neuen Stelle. Die fand sich als Sekretärin bei dem Industriemagnaten und Erfinder des Dynamits Alfred Nobel, der in jenen Jahren in einem Palais in Paris nahe des Arc de Triomphe wohnte.

Der nur kurze Paris-Aufenthalt sollte Angelpunkt ihres Lebens werden. Nobels Zuneigung, die ihr endlich die "gute Partie" verschafft hätte, konnte sie nicht erwidern. Sie lehnte nach wenigen Tagen seinen Heiratsantrag ab, blieb ihm aber persönlich eng verbunden. Erstmals hatte sie in Paris auch vom "Pazifismus" gehört und mit Nobel über Texte und Ideen diskutiert.

Bertha reiste zurück nach Wien und heiratete am 12. Juni 1876 heimlich Arthur von Suttner, der aufgrund dieser nichtstandesgemäßen Heirat enterbt wurde. Um die Konflikte mit der Familie zu umgehen, flohen 1885 beide in das Fürstentum Mingrelien (heute: Georgien). Dort lebten sie in bescheidenen Verhältnissen und verdienten ihren Unterhalt durch Unterrichten. Aufgrund des sich bald einstellenden schriftstellerischen Erfolgs lernte die Familie von Suttner das Paar akzeptieren und bot ihnen schließlich einen Wohnsitz auf dem Familiensitz an.

Kontakte zur Friedensbewegung und "Die Waffen nieder!"

Abb 2: Bertha von Suttner , Foto um 1900

Während einer ihrer zahlreichen Reisen durch Europa, als sie im Winter 1887/88 einige Wochen in Paris verbrachten, hörte Bertha von Suttner im Haus des Dichters Alphonse Daudet erstmals von der Existenz der Friedensbewegung, die in einigen Ländern schon organisiert war. Sie informierte sich so ausführlich wie möglich, diskutierte ihre neuen Kenntnisse mit dem Ehepaar Nobel und erweiterte die Druckfahnen ihres politisch-philosophischen Buches "Das Maschinenzeitalter" um ein Zusatzkapitel über die Friedensbewegung.

"Das Maschinenzeitalter" hatte sich an Intellektuelle gewandt, war als Vortragszyklus geschrieben und kaum zur breiten Propaganda für den Friedensgedanken geeignet. Deshalb entschloß sich Bertha von Suttner, ihre Botschaft in Romanform für eine breitere Leserschaft zu veröffentlichen.

Das Ergebnis, "Die Waffen nieder!", erschien im Jahre 1889 und wurde bald in alle Kultursprachen übersetzt. Dieser Roman sollte zu einem der größten Bucherfolge des ausgehenden 19. Jahrhunderts werden.

In Form einer Autobiographie wird die Geschichte der Adeligen Martha erzählt, deren Schicksal durch Kriege bestimmt ist: Bei Solferino in Oberitalien fällt 1859 ihr erster Ehemann. In den Kriegen Österreichs und Preußens gegen Dänemark (1864) und im österreichisch-preußischen Krieg (1866) bangt sie um das Leben ihres zweiten Mannes (Baron Tilling: ein Portrait Arthur von Suttners). Dieser wird schließlich 1870 in Paris von französischen Nationalisten erschossen.

Die Autorin enthüllte hier, wie auch in ihren öffentlichen Vorträgen der ihr verbleibenden Lebensjahre, schonungslos die Heuchelei einer Gesellschaft, die den Krieg als Bewährungs- und Mutprobe für den Mann bagatellisiert und verherrlicht. Als Verbündete im Kampf gegen den Krieg setzte Bertha von Suttner vor allem auf die internationale Sozialdemokratie und die von der Partei geforderte "Verbrüderung der Völker". Am Rande der Haager Friedenskonferenzen 1899 und 1907 versuchte die inzwischen weltberühmte Schriftstellerin durch persönliche Diplomatie auf Monarchen und verantwortliche Politiker einzuwirken, um den eindringlichen Appellen und Anstrengungen der Friedensbewegung ein größeres Gewicht in der Öffentlichkeit zu verleihen. Vor diesem Hintergrund gründete sie 1891 in Wien die "Gesellschaft der Friedensfreunde", deren Präsidium sie übernahm. Nach diesem Vorbild wurde ein Jahr später auf Initiative von Alfred H. Fried und Suttner in Berlin die "Deutsche Friedensgesellschaft" gegründet. Als im Jahre 1902 Arthur von Suttner starb, er hatte ihre Arbeiten stets unterstützt, stellte Bertha von Suttner ihr Leben ganz in den Dienst der Friedensbewegung. Sie stieg in den Folgejahren zur führenden Persönlichkeit der Internationalen Friedensbewegung auf, was durch die Verleihung des Friedensnobelpreises (1905) und durch ihre Funktion als Vizepräsidentin des Internationalen Friedensbüros (Zuerkennung des Nobelpreises 1910) unterstrichen wurde. ­ Der 1896 verstorbene Alfred Nobel hatte Bertha von Suttners Friedensbemühungen laufend finanziell unterstützt. Auf ihren Vorschlag geht denn auch die Stiftung des Friedensnobelpreises zurück.

Auf ihren unzähligen Vortragsreisen, die sie 1912 bis in die USA führten, warb sie eindringlich für die Friedensbewegung, vor allem für Schiedsgerichtsbarkeit und Abrüstung, und wurde nicht müde, vor den Folgen des sich steigernden Wettrüstens zu warnen. Tagespolitische Einzelfragen versuchte sie immer wieder auszuklammern, zugunsten der Gemeinsamkeiten in den Grundfragen der Friedenssicherung.

Bertha von Suttner starb am 21. Juni 1914, eine Woche vor dem Attentat in Sarajewo auf das österreichische Thronfolgerpaar, das den Mittelmächten zur Auslösung des von ihr befürchteten "großen europäischen Kladderadatsches", dem Ersten Weltkrieg, dienen sollte.

"Friedensfrage als Frauenfrage"

Bericht des Berliner Tageblattes vom 18 März 1892 über Bertha von Suttner´s Besuch in Berlin

"Es ist vielleicht der stärkste und sichtbarste Beweis für die veränderte Stellung, welche die Frau gegen früher im modernen Leben einnimmt, daß in einer Frage, die so recht eine Männerfrage ist, daß in der Friedensfrage eine Frau sich mit an die Spitze derer stellt, welche nur einen Kampf anerkennen: den Kampf für den Völkerfrieden... Die Ruferin im Streit für den Weltfrieden, Frau Baronin Bertha von Suttner weilt in diesen Tagen in Berlin, und aller Augen sind auf sie gerichtet.

Wie diese Blicke auch sein mögen, bewundernd, zweifelnd oder an ihrem Erfolge verzweifelnd ­ in der allgemeinen beispiellosen Beachtung, welche der Dame zuteil wird, liegt ein vielleicht noch unbewußtes Zugeständnis für ihre Sache. Dieses Aufsehen ist gewiß mit begründet in dem Umstande, daß es eben eine Frau ist, welche sich in die gefährlichste Bresche der modernen Kultur wirft und in einer Frage das Wort ergreift, in der die Schwestern ihres Geschlechts im Grunde genommen noch mehr der leidende Teil sind, als die Männer.

Wenn heute vor allem zahllose Frauen den Namen Bertha Suttner mit Ehrfurcht nennen, so ist es nicht, weil diese plötzlich das heißersehnte Allheilmittel gegen den männermordenden Krieg gefunden und dem ,Muß' dieses, wie es heißt, notwendigen Übels ein hoffnungsvolles ,Vorbei' ersonnen hätte, so geschieht es nur darum, weil Frau von Suttner ausgesprochen und mit heißer Beredsamkeit ausgesprochen hat, was hilflos auf tausend Lippen lag und ohne Gestalt in tausend Herzen schlummerte."

Quelle: W Benz (hrsg) Pazifismus in Beuthschland Dokumente zur Friedensbewegung 1890 -1939 Frankfur t a. M. 1988 S 57f.

Auszüge aus dem 1889 erschienenen Artikriegsroman " Die Waffen nieder!"

"Als ich gar eines Abends von den Verstümmelten sprach und das Los derer beklagte, die im Namen des Mannesmutes, der Manneszucht und der Mannesehre in den Krieg getrieben, von dort zurückkehren müssen, ihrer Mannheit auf ewig beraubt... , da riß mir die Geduld: ,O über eure Prüderie ­ und o über eure zimperliche Wohlanständigkeit! Geschehen dürfen alle Greuel, aber nennen darf man sie nicht. Von Blut und Unrat sollen die zarten Frauen nichts erfahen, welche das Blutbad überflattern werden; davon dürfen Mädchen nichts wissen, daß ihre Verlobten unfähig gemacht werden können, den Lohn ihrer Liebe zu empfangen, aber diesen Lohn sollen sie ihnen zur Kampfesanfeuerung versprechen.

Tod und Rötung hat nichts Unsittliches für euch, ihr wohlerzogenen Dämchen ­ aber bei der bloßen Erwähnung der Dinge, welche die Quellen des fortgepflanzten Lebens sind, müßt ihr errötend wegschauen. Das ist eine grausame Moral, wißt ihr das? Grausam und feig! Dieses Wegschauen ­ mit dem leiblichen und mit dem geistigen Auge ­ das ist an dem Beharren so vielen Elends und Unrechts schuld! Wer nur erst den Mut hätte, hinzuschauen, wo Mitgeschöpfe in Leid und Elend schmachten, und den Mut hätte, über das Geschaute nachzudenken­'

,Ereifere dich nicht', unterbrach Tante Marie, ,wir können doch nicht, so viel wir auch zuschauen und nachdenken wollten, das Übel von der Erde wegschaffen ­ dieselbe ist nun einmal ein Jammertal und wird es immer bleiben.'

,Das wird sie nicht', entgegnete ich und behielt so doch das letzte Wort.

Bertha von Suttner: die Waffen nieder! Ausgewählte Texte. Hrsg. von Klaus Mannhardt und W. Schwamborn. Kln 1978, S. 127-135.

Literatur

Donat, H. und K. Holl (Hrsg.): Hermes Handlexikon. Die Friedensbewegung. Organisierter Pazifismus in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Düsseldorf 1983, S. 381 f

Götz, Chr.: Die Rebellin ­ Bertha von Suttner. Botschaften für unsere Zeit. Dortmund 1996

Hamann, B.: Bertha von Suttner. Ein Leben für den Frieden. München 1986

von Suttner, B.: Die Waffen nieder! München 1983 ( Taschenbuchausgabe)

Dies.: Memoiren. Bremen 1965 (Nachdruck).

Christl Wickert

Dr. disc. pol., geb. 1953. Studium der Geschichte, Germanistik und Schulpädagogik. Historikerin und Politologin. Arbeitsgebiete: u.a. Frauen imi Parlament 1919-33, Friedensbewegung bis 1933.

Quelle:

Christl Wickert: "Die Waffen nieder!" Leben und Wirken der Bertha von Suttner.
In: Praxis Geschichte, Heft 3/97, S. 46-47, Westerman Schulbuchverlag GmbH.

Internetfassung mit freundlicher Genehmigung des Westermann Schulbuchverlags.

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