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Profi-Sport: Multikulturelle Utopie

Die Tour de France als Beispiel zum Nachdenken

Das Erstaunliche am vergangenen Sonntag waren die Farben. Jan Ullrich gewinnt die Tour de France, und seine Fans in Paris schwenken magentafarbene Kappen. Michael Schumacher wird Zweiter beim Großen Preis von Deutschland, und seine Fans im Motodrom von Hockenheim lassen rote Fahnen wehen.
Zwei deutsche Sportler fahren auf Erfolgskurs, aber Schwarzrotgold bleibt im Hintergrund. Natürlich war es ein Sonntag des Patriotismus, aber der wurde nicht auffällig. Es glänzten Farben von Firmen. Mit Magenta schmückt sich die Telekom, die Ullrichs Rennstall sponsert. Rot ist der Ferrari, den Schumacher steuert. So wurden die Farben des Sonntags zum Symbol für zwei Entwicklungen: Es geht auch ohne überschäumende Nationalgefühle; und die Kommerzialisierung schreitet weiter voran. Es ist aber nicht das eine zu begrüßen und das andere zu beklagen. Vielmehr ist beides gut für den Sport.
Die Tour de France lieferte ein wunderbares Beispiel für die Utopie einer multikulturellen Gesellschaft. Der Däne Riis zog den Deutschen Ullrich den Berg hinauf, der Schweizer Dufaux den Franzosen Virenque. So sind Siege im Radsport auch Teamleistungen und taugen deshalb wenig für Phantasien nationaler Überlegenheit.
Ohnehin spielt Herkunft im Sport eine zunehmend geringe Rolle. Die Franzosen lieben Ullrike, die Italiener Schumaker, die Engländer Klinnsman. Hierzulande tragen die Kinder Tricots mit den Namen Elber, Chapuisat oder Akpoborie. Da entspannt sich etwas. Allerdings darf man die Wirkung nicht überschätzen, Frankreich wird nicht wegen Ullrich alle seine Ängste verlieren, das neue Deutschland könne zu stark sein für Europa. Deutsche Skinheads verschonen nicht Ausländer,
weil Akpoborie prächtige Tore schießt. Angst vor Helden? Das ist nicht nötig. Doch wer Ullrich unbedingt so sehen will, soll das ruhig tun. Der Mann hat Großartiges geleistet, und das wird kaum ein anderes Gefühl wecken als harmlose Begeisterung. Sicherlich spielt eine wichtige Rolle, daß „einer von uns“ gewonnen hat, aber der große nationale Krampf ist das nicht.
Der Sport hat sich globalisiert. Uwe Seeler, der seinerzeit ein Millionenangebot aus Italien ausschlug und nie woanders spielte als beim Hamburger SV, wurde auch deshalb zum Idol. Das ist lange her. Heute gilt es als selbstverständlich, daß gute Spieler nach Italien wechseln.
Allgemein sind Mobilität und Flexibilität gefragt. Auslandserfahrung gilt als Plus. Es zählt, was der Wirtschaft nützt, und da kann der Sport kein Biotop alter Werte sein. Wenn am kommenden Wochenende die Fußballbundesliga beginnt, gelten außer den Regeln der Fifa auch die Gesetze des Marktes. Soll man aber Bayern München dafür schmähen, daß ihr Manager letztere besonders gut beherrscht? Borussia Dortmund ist erfolgreich, seitdem dort genauso kühl gerechnet wird wie in München. Und war deshalb der Cup-Sieg gegen Juventus Turin weniger schön?
Es ist ein altes Lied, daß die Kommerzialisierung den Sport zerstöre. Tatsächlich gibt es eine Grenze. Die kommerzielle Gefahr für den Sport beginnt da, wo er hinter einem Vorhang aus Geldscheinen verschwindet. Wenn Großereignisse eines Tages nur noch gegen Bezahlung auf dem Bildschirm erscheinen sollten, wird Sport zum Luxus. Das Schöne an Siegern wie Jan Ullrich ist, daß sie jedem ein Stückchen gehören. Dann
müssen ihn aber auch künftig alle sehen können.
Ansonsten ist es nicht schlimm, daß die großen Summen regieren. Wird schlechter radgefahren, weil die Pedaleure aussehen wie Litfaßsäulen? Kommen weniger Zuschauer, weil dem Feld ein Konvoi von 250 Werbemobilen vorausfährt? Gewinnt der Falsche, weil nicht alle Teams gleich viel Geld investieren können? Die drei Fragen - es sind die entscheidenden - kann man getrost mit Nein beantworten. Es gilt das Gegenteil: Großer Sport braucht großes Geld.

Dirk Kurbjuweit
Die Zeit, 1. August 1997, Ausgabe 32.

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