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Berlin (ger) - Mit offenem Mund und glänzenden Augen blickt Simon die Kletterwand hoch. "Traust du dich da hoch?" Der Elfjährige scheint die Frage nicht zu hören. Gebannt fixieren seine Augen die Haken und Ösen, die nachgeahmten Felsvorsprünge und Unebenheiten, die sich die sieben Meter lange Wand hochziehen. Sein kaum älterer Bruder Rainer hat mittlerweile die Sprache wiedergefunden: "Whooow... - das ist Kult", meint er, entledigt sich seiner Jacke und will sich ans Klettern begeben. "Heute nicht", wird er von Dieter Paulick, Leiter des Sportjugendclubs, zurückgerufen. "Warum?" - "Die Kids von der Kindertagesstätte erscheinen gleich zum Turnen; komm' morgen wieder", lautet die Antwort. "Echt ätzend. Aus Rainers Worten klingt Enttäuschung, aber auch die Gewißheit, daß er am nächsten Tag bestimmt wiederkommt - zusammen mit seinem Bruder, der inzwischen den Mund geschlossen hat und zustimmend nickt.
Im "SportJugendClub" vom Prenzlauer Berg fällt es schwer, alles unter einen Hut zu bringen - besser: alles in eine Halle zu bringen, muß Dieter Paulick eingestehen. Zum einen gibt es feste Gruppenangebote, wie das Kinderturnen, zum anderen kommen an Spitzentagen bis zu 100 Kinder und Jugendliche, um das offene Angebot im Klub zu nutzen: Da wird auf dem Kleinsportfeld Fußball oder Streetball gespielt, im Gruppenraum getanzt, gemalt, gebastelt, auf dem Spielplatz geturnt, in der Turnhalle trainiert oder einfach nur gequatscht.
Bei den "Kids vom Prenzelberg" ist die kleine "Sportoase", die von der Sportjugend Berlin, dem Träger des Clubs, auf dem 4.000 qm-Gelände einer alten Betriebssportanlage aufgebaut wurde, "mega in"; und die ganz neu in der Turnhalle errichtete Kletterwand ist Simon zufolge "der absolute Renner". Ein Gang durch die Straßen des alten Arbeiterviertels im Berliner Nordosten zeigt, warum: Grau und fünfstöckig, nahezu leblos, ziehen sich die Fassaden durch das Viertel. Kaum eine ist nicht sanierungsbedürftig. Über die unteren Mauern ranken sich fast ohne Unterbrechung aufgesprühte Gewaltparolen. Ein stummes Zeugnis von der Sprachlosigkeit der Menschen, die irgendwo hinter diesen Fassaden leben.
In einem der Häuser wohnen auch Simon und Rainer mit ihrer Mutter. Die Eltern sind geschieden, die Mutter arbeitslos. Für Paulick sind das die typischen biographischen Daten seiner "Kids im Kiez - dem Kreuzberg des Ostens". Insgesamt leben hier rund 21.000 Kinder und Jugendliche. Für etwa die Hälfte davon gibt es einen Platz in einer Jugendfreizeitstätte. 3.000 sind Mitglied eines Sportvereines. Der Berliner Senat hat für den Bezirk zwar umfangreiche Sanierungsmaßnahmen beschlossen, in diesem Zuge jedoch erst einmal 11 der 41 Schulsporthallen aus Sicherheitsgründen geschlossen. Auch mit anderen Sportstätten sieht es kaum besser aus.
Wohin? Diese Frage stellen sich tagtäglich viele Kinder, wenn sie sich im Prenzlauer Berg austoben wollen. Besonders betroffen sind für Eckhart Drewicke von der Sportjugend Berlin die Kinder zwischen 10 und 14 Jahren. Sie seien zu alt für die Kindertagesstätten, aber noch zu jung für andere Jugendhäuser. An diese Kids - von Kindern spricht hier keiner mehr - wolle sich das Angebot besonders wenden, sagt er.
Über diese Altersgrupe muß Drewicke mit seinen drei Kollegen jedoch schon einmal schützend die Hände halten, wenn die "Alten" (die zwischen 14 und 19 Jahren) kommen und meinen, als große Clique den ganzen Club in Beschlag nehmen zu können. Aber insgesamt stimme die Mischung der "Kids", die sich hier die ganze Woche über von 14 bis 21 Uhr aufhalten könnten, meint der Sportpädagoge.
Vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial schwachem Umfeld verbringen häufig den ganzen Tag auf dem Gelände, haben Drewicke und sein Team beobachtet. Es seien mehr die Gymnasiasten, die gezielt zu einem Sportangebot kämen-, so zum Streetball, einer amerikanischen Variante des Basketballs für die Straße. Doch beim Spielen verwischen sich die sozialen Unterschiede. Dann geht es allein darum, wer von den Mädchen und Jungen gut kurzdribbeln kann oder den "Dunking" (den Korbwurf von oben aus dem Sprung) beherrscht. "So wie Charles Barkley von den Phoenix Suns", erklärt Rainer und hat dabei den Star der USamerikanischen "NBA", der nationalen Basketball-Liga, genau vor Augen.
Zwei Aspekte bestimmen im Sportclub die sportpädagogische Arbeit. Zum einen geht es um das soziale Lernen. Das fängt beim Auswählen der Mannschaften an und geht bis zum gemeinsamen Absichern an der Kletterwand. Unterstützt wird das Lernen von "Gruppendynamik" zum Beispiel durch eine gemeinsame Ski-Freizeit im Riesengebirge.
Zum anderen sollen die "Kids" ihre "Körperlichkeit", ihre Bewegungsfertigkeiten kennenlernen und damit umgehen lernen, erläutert Eckhart Drewicke. Da man damit "gar nicht früh genug beginnen kann", bietet der Club schon für Kleinkinder in Zusammenarbeit mit der Kindertagesstätte regelmäßige Übungen an. Denn Zeugnisse falsch geleiteter Körperlichkeit finden sich im Prenzlauer Berg an fast jeder Ecke: eingetretene Wände und eingeschlagene Scheiben.
Eine Lebensperspektive aufzeigen
Was wir auf dem Gebiet der Sportpädagogik in die Kinder an Geldern investieren, kann sich laut Eckhart Drewicke auf lange Sicht nur auszahlen: "Die Krankenkassen sparen gewaltige Kosten für orthopädische Behandlungen ein, und der Staat kann sich in vielen Fällen die um ein vielfaches teurere Resozialisierung von straffällig gewordenen Jugendlichen ersparen."
Daß auch in einem Sportjugendclub nicht alle Wünsche sofort erfüllt werden, haben an diesem Nachmittag Simon und Rainer als "echt ätzend" erfahren müssen. Doch die Brüder haben dann eben Tischtennis gespielt und sich auf den nächsten Tag gefreut. Und damit erfüllt der Sportjugendclub vielleicht seine wichtigste Funktion: Er gibt den Kindern in der grauen Alltagswelt des Kiez eine kleine Perspektive: "Morgen wird geklettert. "
Sportjugend Berlin,
Jesse-Owens-Allee 2 9 14053 Berlin
Ansprechpartner: Eckhart Drewicke
Tel: (0 30) 30 00 21 60 Fax: (0 30) 30 00 21 07
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): KABI, Heft 16 / 1994.