Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Widerstand gegen die Lagerung von Atomsprengköpfen der US-Armee

Vor 25 Jahren formierte sich der erste Ostermasch auf der Alb
Joachim Lenk

„Der Widerstand hat erst begonnen, aber er wird ständig größer." So lautet am 21. April 1981 die Schlagzeile im „Alb Bote". Vor 25 Jahren formierte sich in Großengstingen der erste Ostermarsch mit mehr als 500 Teilnehmern. Und dies war erst der Anfang.

In Baden-Württemberg konzentrierte sich in den 80er Jahren die Auseinandersetzung gegen die Nachrüstung. Aus gelöst durch den so genannten Nato-Doppelbeschluss, der 1979 die Weichen zur Stationierung amerikanischer Pershing-II-Raketen und Lance-Raketen in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und in Bayern gestellt hatte. Die Austragungsorte der Konflikte zwischen US-Militär, Behörden und Friedensbewegungen sind in erster Linie die Zufahrten zu den Militäreinrichtungen in Heilbronn, Mutlangen sowie in Neu-Ulm. Und in Großengstingen. Nach einem Bericht der Illustrierten „Stern" vom 19. Februar 1981 befindet sich rund einen Kilometer von der Eberhard-Finckh-Kaserne entfernt das Sondermunitionslager Golf, in dem die US-Armee Atomsprengköpfe für Lance-Raketen lagert. Diese brisante Veröffentlichung ruft den Verein „Friedenspädagogik Tübingen" auf den Plan, der mit anderen Gruppen Mitte April 1981 den ersten Ostermarsch nach Großengstingen organisiert. Auf Transparenten der mehr als 500 Teilnehmer ist zu lesen, dass die Sprengköpfe des Kurzstreckenraketensystems Lance „die zwölffache Wirkung der Hiroshima-Bomben haben". „Es gibt für uns zurzeit nichts Wichtigeres, als die Sicherung des Friedens. Deshalb haben wir an die Ostermarsch-Tradition der 60er Jahre angeknüpft, die immerhin zwei Dinge erreicht hat, die atomare Aufrüstung zu verhindern und die Entspannungspolitik in Gang zu setzen." Mit diesen Worten begrüßt Rolf-Dieter May, Sprecher des "Forums für Frieden und Abrüstung", die Kundgebungsteilnehmer vor dem Engstinger Rathaus. Es bleibt nicht nur bei den Plakaten, die die Atomwaffen-Gegner in die Luft halten. 13 Demonstranten ketten sich wenig später vor dem Haupttor der Eberhard-Finckh-Kaserne zusammen. 24 Stunden blockieren sie die Zufahrt, bevor Polizeibeamte die Männer und Frauen los schneiden und abführen.

Unter den rund 3000 Demonstranten an Ostern 1982 ist der baden-württembergische Landtagsabgeordnete der Grünen, Wolf-Dieter Hasenclever. „Wir wissen, dass unsere Aktion bei den meisten Leuten auf Sympathie stößt. Die Anwohner spüren ein Unbehagen, neben Atomraketen zu wohnen", spricht der Politiker in die Mikrofone der Journalisten. Die Pazifisten erklären die Gemeinde auf der Alb zu einem Symbol der Nachrüstung. Petra Kelly, Gründungsmitglied der Grünen, und ihr Lebenspartner Gerd Bastian protestieren ebenfalls auf der Haid. Cem Özdemir und Tobias Pflüger, heute beide Abgeordnete des Europaparlaments, sowie Rhetorik-Professor Walter Jens schließen sich an. Die bisherigen Aktionen sind alle ohne Absprachen der verschiedenen Friedensgruppen abgelaufen. Das ändert sich im Sommer 1982. Bei einem Treffen vereinbaren 15 Gruppenvertreter und Einzelpersonen eine enge Zusammenarbeit und gründen den Arbeitskreis Engstingen. Bei Erpfingen sowie in Klein- und in Großengstingen gibt es mehrere Monate lang Zeltlager, in denen die Menschen für den Frieden campen.

„Wir reden über alle Themen der sinnlosen Nachrüstung, über Aktionen gegen die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen und über den gewaltlosen Widerstand nach", sagt Matthias Reusch, einer der Organisatoren. An Ostern 1983 steht Mutlangen im Mittelpunkt. Deshalb finden nur Friedensfreunde den Weg nach Engstingen, wo es vor dem Rathaus eine Kundgebung gibt. Danach setzen sich viele wieder auf die Zufahrtsstraße des Sondermunitionslagers. „Achtung, hier spricht die Polizei. Bitte geben sie die Fahrbahn frei, sonst wird sie in fünf Minuten geräumt", dröhnt es aus den Lautsprechern der grünen Fahrzeuge. Keiner steht auf. Nachdem die Zeit abgelaufen ist, tragen jeweils zwei Beamte einen Demonstranten weg, fotografieren ihn und stellen die Personalien fest. Zwischen Ende 1983 und Herbst 1992 kommt es immer wieder zu Blockaden und Mahnwachen vor den militärischen Einrichtungen. Jeweils am 6. August, am Tag als in Hiroshima die Atombombe gezündet wurde, veranstalten die Pazifisten ein Marktplatzfest in Reutlingen. Danach ziehen sie gemeinsam weiter nach Großengstingen, um das Sondermunitionslager zu blockieren.

Mehr als 700 Menschen machen mit. Sie bemalen eine Stunde lang die Straße, weben ein Friedensnetz, diskutieren und schweigen 20 Minuten lang. An Ostern 1989 findet die größte Demonstration auf der Schwäbischen Alb statt. Großengstingen ist am 27. März der zentrale Veranstaltungsort der traditionellen Ostermärsche in Baden-Württemberg. Nach Schätzungen der Polizei versammeln sich auf Rathausplatz mehr als 6000 Menschen. „Die im Lager untergebrachten Kurzstreckenraketen sollen nach den Plänen der Nato modernisiert werden", sagt der Demonstrant der ersten Stunde, Liedermacher Thomas Felder, und fügt hinzu, dass das „eine weitere Aufrüstung bedeutet". Bekannt geworden ist der Gönninger Sänger mit seiner mehrfach prämierten Schallplatte "Nie wieder Frieden kriegen". Auf dem Cover ist unter anderem ein an ihn gerichteter Strafbefehl des Amtsgerichts Münsingen abgebildet.

Im April 1990 demonstrieren erstmals Bürger aus beiden Teilen Deutschlands gemeinsam vor der Kaserne. Sie fordern ein waffenfreies Gesamtdeutschland. „Die jahrelange Aufrüstung verliert immer mehr an Glaubwürdigkeit", sagen die Menschen, die neben der Wache ihre Transparente ausrollen. Zeitgleich veranstalten die Atomwaffengegner eine Pflanzaktion bei den Panzersperren neben dem Sondermunitionslager. Die letzte Mahnwache dort findet am 9. November 1992 statt. Liedermacher Thomas Felder und seine Freunde machen sich, wie so oft in den vergangenen Jahren, Richtung Lager auf. Tanzend und singend nähern sie sich vorsichtig dem Zaun. Sie wissen noch nicht, dass die Atomsprengköpfe - dank der weltweiten Abrüstung - bereits verschrottet sind und die Amerikaner im Frühjahr das Lager still und leise verlassen haben. „Ich muss träumen", schüttelt Felder ungläubig seinen Kopf als er vor dem Eingangstor steht. Keine Soldaten, nirgends bellt ein Hund. Vorsichtig öffnet er das Tor, Zentimeter um Zentimeter. Nichts passiert, keine Alarmanlage springt an. Das Herz hämmert vor Aufregung. Minuten später stehen die Demonstranten vor den beiden Bunkern und fallen sich vor Freude um den Hals. Sie können ihr Glück kaum fassen. „Damit ist unsere Mission auf der Alb nach fast zwölf Jahren beendet", stellt der Liedermacher mit Tränen in den Augen erleichtert fest und stimmt vergnügt ein Lied auf seiner Drehleier an. Wenig später beschriften einige seiner Freunde vor dem Lager einen Stein mit den Worten: „Gedenkstätte, Schauplatz des Kalten Krieges". Weitere Informationen über die Friedensbewegung auf der Mittleren Alb, der ehemaligen Eberhard-Finckh-Kaserne und das Ex-Sondermunitionslager Golf gibt es unter www.Bundeswehr-Standort.de.

© Joachim Lenk

FOTOS:
Gedenkstein gegenüber der Haid-Kapelle aus dem Jahr 1989
Gedenkstein vor dem ehemaligen Sondermunitionslager Golf aus dem Jahr 1993 (Beschriftung: Jahreszahl 1959 ist falsch!!!) Beide Gedenksteine stehen heute noch. FOTOS Gedenksteine: JOACHIM LENK

Übrige Fotos: Günther Gugel

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