Home / Themen / Kriegs- und Gew... / Kinderspiel / Chancen und Gefahren für das Kinderspiel
Wenn ich die verschiedenen Vorgänge überblicke, durch die das kindliche Spiel in unseren gegenwärtigen Gesellschaften beeinflußt wird, kann ich gleich mit dem auffälligsten beginnen, nämlich mit der Armut der äußeren Umgebung, insbesondere unter den Bedingungen städtischen Lebens. Sie hat zu einer geradezu tragischen Verkümmerung der Spielgelegenheiten geführt. Ich kann uns den Ernst der Lage nicht besser vor Augen führen, als daß ich Lady Allen zitiere, die eine große Expertin, ja ein Pionier auf dem Gebiete ist: "Man muß der Tatsache ins Auge sehen, daß die moderne Zivilisation mit harter und schwerer Hand in das spontane Kinderspiel eingreift. Die Gestaltung des Raums zwischen den Wohngebäuden ist immer noch fast völlig ungeeignet für Kinder. Die meisten der umfangreichen Neubaugebiete in vielen Ländern sind häßliche Orte, ohne Liebe und Verständnis geplant. Dieser Hochmut, dieser Mangel an Einfällen, diese Mißachtung individueller Werte und Maßstäbe stellen eine weltweite Krankheit dar und machen eine der Tragödien der Überflußgesellschaft aus."
Auch auf allgemeinerer psychologischer Ebene erlegt die moderne Gesellschaft Kindern Tantalusqualen auf. Sie sorgt für Übermengen äußerer Stimulation. Aber sie bietet außerordenltich wenig feste Orientierungsrahmen für ihre Versuche, Menschen oder Ereignisse zu verstehen. Gerade in dieser Zeit lernen wir von Forschern, die an den Pionierarbeiten Piagets anknüpfen, wie sich während der Kinderjahre der Prozeß der Begriffsbildung durch stufenweise Reifung und sich kumulierende Erfahrung entfaltet. Erziehungswissenschaftler wie J.S. Bruner entwarfen für unsere Vorschuleinrichtungen integrierte Programme, um die Abfolge von begrifflichen Strukturen in zusammenhängender und günstiger Weise zu entwickeln. Aber wir wissen, daß die Kinder gleichzeitig von einem überfluß an ungeordneten Eindrücken und Reizen nahezu erdrückt werden. Dies wird verursacht durch ein zersplitterndes Stadtleben, dessen Wesen die Kinder gewiß nicht begreifen können; durch ein Arbeitsleben, in das sie durch Eltern und Nachbarn nur flüchtige Einblicke bekommen, und natürlich durch den gewaltigen Ausstoß der Massenmedien. Es fehlen uns gegenwärtig, wie mir scheint, vor allem Untersuchungen über Formen und Inhalte des Kinderspiels, die uns verstehen lernen, wie diese aufs-Geratewohl-Stimulation in der modernen Gesellschaft die seelische Entwicklung unserer Kinder beeinflußt. Und auch die sorgfältigst geplanten Hilfen für die Kindesentwicklung und die besten Programme für das Spiel in den Kindergärten beeinflussen doch nur ein Randgebiet der gesamten Lebenserfahrung unserer Kinder dieser Altersgruppen.
Alva Myrdal: Chancen und Gefahren für das Kinderspiel in unserer leistungsorientierten Gesellschaft. In: A. Flitner: Das Kinderspiel. München 1978, S. 72-79, Auszüge