Home / Themen / Kriegs- und Gew... / Warum spielen K... / Kinder brauchen Monster
Bettelheim: Da kommen wir auf das Grimmsche Märchen "Der Mann, der auszog, das Gruseln zu lernen". Ohne dieses Gruseln ist man eben kein voller Mensch. Ohne die Todesangst ist man kein voller Mensch. Also das Phänomen des todes gibt dem leben erst tiefere Bedeutung. Und darum glaube ich, ist dieses Californien oder Hollywood so schal, so leer, weil es eben den Tod verneint. "You pass on, you know."
G. K.-D.: Sie würden also auch meinen: Kinder brauchen nicht nur Märchen, sie brauchen auch Monster.
Bettelheim: Ja, sie brauchen sie, weil sie ja selbst diese Ängste haben, und die werden dann externalisiert. Wenn man ein Bild davon hat, ist das weniger schreckenerregend, als wenn man kein Bild davon hat. Alles, was man beschreiben und benennen kann, wird dadurch in den eigenen Machtbereich eingezogen. Aber wenn man es nicht benennen kann, dann kann man es nicht bewältigen. Und da kommen wir auf die Sprache zurück. Die Sprache ist das Mittel, die Angst zu bewältigen.
F.C.D.: Und warum brauchen gerade die Kinder hier in den USA mehr Monster als die Kinder zum Beispiel in Europa?
Bettelheim: Weil wir hier auch so viele Monster auf dem TV usw. haben. Und diese Spielmonster können sie kontrollieren.
F.C.D.: Sie würden also einen Unterschied machen zwischen den Monstern, die im Fernsehen auftreten, und denen, mit denen die Kinder spielen können?
Bettelheim: Ja, einen Unterschied zwischen den Monstern, die einen überwältigen, und denen, die man selbst bewältigen kann.
Frankfurter Rundschau, 13.10.87, S. 9