Home / Themen / Kriegs- und Gew... / Was ist Kriegss... / Versuch begriffliche Klarheit zu schaffen
Zunächst ein Versuch, begrifflich Klarheit zu schaffen. Oft finden sich die Begriffe Kriegsspielzeug, martialisches Spielzeug, aggressives Spielzeug gleichbedeutend nebeneinander. Man kann an die Begriffsbestimmungen vom äußeren Befund her herangehen: Was das Spielzeug darstellt, zu welchen Spielen es bestimmt ist oder wie es in der Regel gebraucht wird. Oder man kann auf die Wirkungen, auf den Einfluß abstellen, den ein Spielzeug auf das Spielverhalten hat.
Spricht man von aggressivem Spielzeug in dem Sinne, daß es Aggressionen verstärkt, allein auf Macht und Überlegenheit abstellt oder die Lust an der Zestörung fördert, so muß man bedenken, daß auch jedes "friedliche" Spielzeug "aggressiv" gebraucht werden kann und daß hier die Umwelt, die täglich erlebten Vorbilder ganz entscheidenden Einfluß haben. Es wäre interessant zu untersuchen, ob Kinder in Deutschland und zum Beispiel in Nordirland in gleicher Weise sichmit "harmlosen" Spielen, zum Beispiel Gesellschaftsspielen, beschäftigen und ob diese gegebenenfalls in aggressives Spielzeug umfunktioniert werden. Interessant wären auch Untersuchungen nicht nur über den Einfluß der gewalttätigen Umwelt auf das Spielverhalten, sondern auch über die Erlernbarkeit "friedlichen" Spielens und die Möglichkeiten zur Eingrenzung des aggressiven Spielverhaltens.
Klar abzugrenzen von diesem Spielzeug, das friedlichen und zerstörerischen Gebrauch gleichermaßen zuläßt, sind meines Erachtens die Gegenstände, die Waffen, Kriegsmaterial darstellen und Kriegssituationen nachbilden. Hier ist die Verwendung auf einen bestimmten, zerstörerischen Zweck eingeschränkt, nämlich darauf, daß die lebensvernichtende Handlung durch Gebrauch dieser Gegenstände oder durch Betrachtung und Arrangement nachvollzogen werden soll. Um diese Unterscheidung zu verdeutlichen: Eine Puppe kann liebkost und gehätschelt werden, sie kann aber auch gebracuht werden, um einen Verkehrsunfall, eine Operation oder gar die Tötung oder Verstümmelung eines Menschen nachzuvollziehen, ein Messer kann als Werkzeug zum Holzschnitzen oder als zerstörerisches todbringendes Instrument bentutz werden. Ein Panzer, eine Pistole, ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett bietet hingegen keine Wahl. Sie lassen nur noch zerstörerische lebensvernichtende Phantasien und Handlungen zu.
Zum Kriegsspielzeug würde ich deshalb rechnen: alle Nachbildungen von Waffen, Pistolen, Gewehren, Raketen, Granaten, militärischen Fahrzeugen, Panzern, Flugzeugen, Kriegsschiffen, alle Attribute für die Darstellung von Kampfsituationen oder Schlachtfeldern, Sandsackbarrikaden, Steinmauern, zerstörte Häuser, Ruinen, Bunker, Stacheldrahtzäune und was es in dieser Art noch alles mehr gibt. Für die Abgrenzung des Kriegsspielzeugs ist es meines Erachtens unwesentlich, ob es sich um sogenanntes Funktionsspielzeug, also fertige Nachbildungen, oder um Modellbausätze handelt, denn Thematik und Zweckbestimmung sind bei beiden die gleichen.
Hans-Jochen Vogel, Rede vor der Arbeitsgemeinschaft Spielzeug e.V. am 3.10.78 in Bamberg