Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Themen / Kriegs- und Gew... / Zur Wirkung von... / Falsch Annahmen über die Wirkung von Kriegsspielzeug

Falsch Annahmen über die Wirkung von Kriegsspielzeug

Kriegsspielzeug macht Kinder gewalttätig

Diese Annahme, die in manchem Falle dem Engagement der Gegner von Kriegsspielzeug zugrunde liegt, ist falsch, weil sie zum einen nicht beweisbar und zum zweiten zu einfach ist. Nun könnteman annehmen, daß man einfache Dinge beweisen kann - das mag auch für naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten gelten; vereinfacht man jedoch soziale Zusammenhänge, so werden diese flasch. Konkret, wenn Kriegsspiele gewalttätig machen, dann müssen Kinder, die Kriegsspiele haben, gewalttätiger sein als solche, die keine haben - weiter müssen ehemals friedliche Kinder nach dem Umgang mit Kriegsspielen aggressiv sein. Ein solcher Zusammenhang jedoch ist nur in Gedanken herstellbar. In der Realität lassen sich die verschiedenen Größen, die die Entwicklung eines Menschen beeinflussen, nicht voneinander trennen. Jedes Handeln eines Menschen hat Ursache, die in der individuellen Geschichte, in der Situation und im sozialen Umfeld liegen. Niemand wird aggressiv von heute auf morgen oder allein durch den Umgang mit aggressivem Spielzeug. Die Komplexität menschlichen Lernens und Verhaltens ist auch die Ursache der NIchtbeweisbarkeit einer direkten Wirkung der Beschäftigung.

eine direkte Wirkung von Gewaltdarstellungen in Film und Fernsehen ist nicht zu beweisen und dürfte eben wegen der Komplexität menschlichen Sozialverhaltens auch nicht beweisbar sein (vgl. merz 6/82). Allerdings läßt sich belegen, daß aggressives Verhalten von Kindern und Jugendlichen in engem Zusammenhang mit ihren Sozialisationserfahrungen steht, mit den Möglichkeiten, die ihnen zuhaus geboten werden, mit ihren Lebensbedingungen und ihren Chancen, die se in ihrem weiteren Leben haben. Wenn Jugendliche sich Selbstbestätigung nur als Pseudobestätigung über gewalttätiges Handeln verschaffen können, dann bevorzugen sie auch den Konsum medialer Vorbilder, also schlägernde Kriminalkommissare, ballernde Westernhelden usw.

Nicht die Medien - Spielzeuge sind ja wohl auch ein Medium - machen gewalttätig, sondern eine feindliche Umwelt und mangelnde Lebenschancen. Welche Anteile die Medien zur Verstärkung und Verfestigung von Aggressivität haben, läßt sich nicht bestimmen, aber wenn auch Medien nicht gewalttätig machen, so ist es doch plausibel, daß sie gewalttätiges Verhalten unterstützen, fördern, begünstigen... (vgl. Schorb/Theunert, 1984).

Kinder lernen mit Kriegsspielzeug "Kriegmachen"

Diese falsche Annahme setzt voraus, daß Kinder nicht in der Lage sind, zwischen Ernst und Spiel zu unterscheiden. Zwar könnte man, wenn man sieht, wie "ernsthaft" Kinder spielen, diese Annahme stützen, man würde dann jedoch außer acht lassen, daß Spielen für Kinder ganz verschiedene Funktionen erfüllen kann. Kinder lernen im Spiel - aber nicht unbedingt das, was offensichtlich ist. Wenn Kinder "Zoo" spielen, so lernen sie, sich Räume einzuteilen, Eindrücke zu verarbeiten, Dinge zu gestalten. Derselbe Lerneffekt, der eben nicht unbedingt an das Material gebunden ist, kann auch beim "Ritter-Spielen" eintreten, d.h. die Plastiktiere sind durch Plastikritter austauschbar. Natürlich beschäftigen sich Kinder auch mit Inhalten, und sie können sehr wohl zwischen Ernst und Spiel trennen. Sie benutzen sehr häufig das Spiel, um Verhaltensweisen zeigen zu können, die in der Realität nicht zugelassen sind. Gerade im Bereich der Aggressivität dient Kindern das Spiel dazu, aufgrund der Reaktion des Spielpartners und auch der Erwachsenen, sowie aufgrund eigener Erfahrungen, die Grenzen der Verhaltensspielräume abzustecken, und nicht selten bietet das Spiel Entlastung gegenüber der Realität: statt des Erwachsenen wird die Puppe geschlagen.

Kinder ohne Kriegsspielzeug sind nicht aggressiv und spielen nicht Krieg

Diese Annahme ist die Umkehr der ersten, und für sie gilt auch das gleiche: Sie ist zu einfach und nicht beweisbar. Kinder ohne Kriegsspielzeug können sehr wohl aggressiv sein, da Aggressivität eben nicht an die Existenz eines Mediums gebunden ist, sondern basiert auf individueller Geschichte, Bedingungen der Situation und dem sozialen Umfeld. Das Problem ist noch komplexer, denn in der Behauptung, Kinder ohne Kriegsspielzeug seien weniger aggressiv, versteckt sich die Annahme, man wisse, was Kriegsspielzeug ist. Diesem Wissen der Erwachsenen aber spielen die Kinder oft genug einen Streich. Statt knatternder Maschinengewehre aus Plastik benutzen sie einfach einen Stock und machen die entsprechenden Geräusche selbst. Statt mit dem Plastikpanzer der Kriegsspielfirma Revell einen imaginären Gegner zu attackieren, benutzen sie einen Stein. Kurzum, wenn Kinder Krieg spielen wollen, haben sie - im Gegensatz zu uns Erwachsenen - so viel Phantasie, daß sie sich die notwendigen Mittel auch besorgen.

Nur kriegerische Gesellschaften erlauben bzw. fördern den Verkauf von Kriegsspielzeug

Diese Annahme hatten die Alliierten, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Vernichtung des Kriegsspielzeugs anordneten - der faschistische Staat hatte ja auch die Produktion und den VErkauf von Kriegsspielzeug sowie das kindliche Kriegspielen in allen Formen gefördert bis hin zur Ermordung von Kindern in sog. freiwilligen Verbänden am Ende des Krieges. Aber die Westalliierten begannen parallel zum Verbot des Kriegsspielzeugs mit dem heimlichen Aufbau der Bundeswehr.

Wir haben heute wieder eine Armee, und wir haben Kriegsspielzeug. Aber dennoch gibt es bei uns eine Friedensbewegung, die stärker ist als in den meisten LÄndern der Welt.

Vielleicht ist der Umkehrschluß möglich, daß eine friedfertige Gesellschaft kein Kriegsspielzeug benötigt, aber die Existenz dieses Spielzeugs macht eine Gesellschaft nicht kriegerisch. Der letzte Weltkrieg wurde aufgrund ökonomischer und politischer Interessen vom Zaune gebrochen.

Richtige Annahmen über mögliche Wirkungen von Kriegsspielzeug

Der Umgang mit Kriegsspielzeug unterstützt negative Tendenzen in der Entwicklung des Kindes

Wenngleich keine direkte Wirkung von Kriegsspielzeug beweisbar ist, so ist doch anzunehmen, daß verschiedene Lehren, wenn sie stänig wiederholt werden, auch Wirkung zeitigen. Es ist ja plausibel, daß ein Kind, das im Verkehrskindergarten den Umgang mit dem Straßenverkehr übt, in diesem sich auch sicherer bewegt. Schließlich werden ja im kindlichen Alter Einstellungen und Haltungen grundgelegt. Diese können zwar später variiert werden, bleiben aber in vielen Bereichen konstant, wie uns die Psychologie lehrt. So wie positiven Vorbildern Wirkung nicht nur zugesprochen wird, sondern das kindliche Lernen an diesen gezielt unterstützt wird, so ist auch anzunehmen, daß der ständige Umgang mit negativen Vorbildern, z.B. Werkzeugen zur Vernichtung von Menschen, zumindest keine positiven Folgen zeitigt. Anders gesagt, wir können konstatieren, daß, wenn Mädchen, von der Mutter gestützt, mit Puppen spielen, in ihnen all die ambivalenten Verhaltensweisen gestärkt werden, die unter dem Begriff der Mütterlichkeit zusammenzufassen sind. Und wenn auch Jungen mit Kriegsspielzeug wohl eher wegen der technischen Faszination umgehen, so ist analog doch anzunehmen, daß die ständige Beschäftigung mit dieser Art von Spielzeug den aggressiven Anteil jener Verhaltensweisen stärkt, die unter dem Begriff der Männlichkeit zu fassen sind. Einfach gesagt: Die Hersteller und Verkäufer mögen zwar Recht haben, daß eine negative Wirkung von Kriegsspielzeug empirisch-wissenschaftlich nicht zu beweisen ist - eine positive Wirkung ist aber deswegen noch lange nicht zu erwarten.

Das kindliche Spiel (auch Kriegsspiel) bereitet auf den Umgang mit dem Ernst vor

Diese Annahme ist sehr eng mit der vorhergehenden verknüpft. Wie schon dargelegt wurde, nutzen Kinder das Spielen, um sich die Realität anzueignen, sie zu reflektieren und zu erarbeiten. Kindern nun, die sich primär mit dem aggressiven Anteil der Realität auseinandersetzen - und Kriegsspielzeug läßt sich per se nur zum Kriegspielen verwenden -, werden sich wohl auch am ehesten für den aggressiven Umgang im Ernstfall rüsten. Es liegt zwar nicht am Kriegsspielzeug selbst, daß sich Kinder mit diesem beschäftigen, sondern andere Ursachen führen Kinder an Kriegsspielzeug heran (vgl. Büttner, 1984), aber der Umgang mit diesem aggressiven Spielzeug verstärkt wahrscheinlich die Tendenz, zumindest der eigenen kleinen Welt militärisch und kriegerisch zu begegnen.

Die Existenz von Kriegsspielzeug in Familien weist auf väterliche und gesellschaftliche Ideologien hin

Fragt man Buben, warum sie mit Kriegsspielzeug spielen, so antworten sie häufig in der Diktion ihrer Väter, sie behaupten, sie wollten Schlachten des Zweiten Weltkrieges nacherleben, die Verteidigung der Republik einüben u.ä.m. (vgl. Mieske, 1981). In solchen Aussagen schlägt sich die verkürzte Weltsicht dieser Väter nieder und durch diese hindurch die Ideologie einer Politik, die behauptet, Frieden sei die Abwesenheit von Krieg und die Anwesenheit von Massenvernichtungsmitteln. Für dieses undifferenzierte Denken kann das Kriegsspielzeug nichts, aber es bietet die Möglichkeit, Gedankengebilde, die sich spätestens seit dem letzten Weltkrieg als obsolet erwiesen haben, in Spielhandeln umzusetzen. Auch hier ist vorstellbar, daß der Umgang mit Kriegsspielzeug eine negative Verstärkerfunktion erhält, weil er unangemessenem, simplifizierendem Denken Vorschub leistet. Nochmals, das Kriegsspielzeug erzeugt Ideologie nicht, aber es trägt und transportiert den Bazillus.

Eine friedfertige Gesellschaft braucht kein Kriegsspielzeug

Daß diese letzte Annahme richtig ist, ist wohl einsichtig. Sie wird hier nur wiederholt, um deutlich zu machen, daß es einfach Argumente gibt, die in der Debatte um Kriegsspielzeug nicht ausgesprochen wurden. Kein Befürworter der Existenz von Kriegsspielzeug hat bislang mit dem Argument geworben, dieses Spielzeug sei für eine friedliche Gesellschaft nötig - er hätte sich damit wohl auch lächerlich gemacht. Wenn aber das Produkt unnötig ist, wenn es gar zur Unterstützung negativer Verhaltensweisen dienen kann, warum muß es dann hergestellt, verkauft und erworben werden?

Die Debatte um Nutzen und Schaden von Kriegsspielzeug ist weder wissenschaftlich noch pädagogisch zu lösen, aber sie ist damit nicht unlösbar. Ein Staat, der in seiner Verfassung festgeschrieben hat, daß von seinem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen wird, müßte eigentlich absichtlich und leichten Herzens auf jegliches kriegerische Symbol und schon gar auf kriegerisches Spielzeug verzichten können. Der Erfüllung des Grundgesetzauftrages dient dieses Spielzeug sicher nicht und ebensowenig den Normen und Werten unserer Gesellschaft, so sie von einem christlichen Geiste getragen sind.

Bernd Schorb: Science-Fiktion-Spielzeug - Kriegsspielzeug. Haben sie Wirkungen? Was weiß man darüber? In: ajs-informationen. Mitteilungen der Aktion Jugendschutz Stuttgart 6/1985, Auszüge

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School