Home / Themen / Kriegs- und Gew... / Zur Wirkung von... / Politische und pädagogische Wirkung
Stand früher die politische Funktion von Kriegsspielzeug im Vordergrund, so ist bei der heutigen Diskussion die pädagogische Wirkung von Kriegsspielzeug oft der alleinige Betrachtungspunkt.
Sicher ist es verkürzt und deshalb auch unrichtig, einen monokausalen Bezug zwischen dem Spiel mit Kriegsspielzeug und der Übernahme einer "militaristischen Gesinnung" zu postulieren.
Andererseits ist ein Zusammenhang zwischen dem Spiel mit Kriegsspielzeug und der Akzeptierung von "Gewalt" nicht zu leugnen. Wenn Spiel Kindern gesellschaftlich notwendige kulturell selbstverständliche Kenntnisse und Normen vermittelt, "dann sehe ich keinen Einwand, der verhindern könnte, zu vermuten: wenn Kinder mit Kriegsspielzeug spielen, dann eignen sie sich die Norm 'Gewalt' an." (B. Krohner)
Dieser Aspekt der Übernahme und Einübung gewalttätiger Verhaltensweisen durch den Umgang mit und dem Modell von gewaltförmigen Auseinandersetzungen in Form von Spielmaterialien oder Spielvorlagen ist zunächst die wohl am besten gesichertste Erkenntnis über die Wirkung von Kriegsspielzeug. Auch Experimente bestätigen: "Aggressives Spielzeug löst mehr unangemessen-aggressive Verhaltensweisen aus als neutrales." Diese Wirkung ist jedoch kurzfristig und abhängig vom Geschlecht und Alter der Kinder. Eine Langzeitwirkung in bezug auf erhöhte feststellbare Aggressionen konnte im Experiment nicht festgestellt werden.
Man kann Kriegsspielzeug also nicht als Ursache für aggressives Verhalten, wohl aber als Auslöser für ein kurzfristig verstärktes Auftreten von Aggression verantwortlich machen. Zumal sich gezeigt hat, daß Kinder, die von sich aus häufig zu Kriegsspielzeug greifen, in von Gewalt und offener Brutalität geprägten Lebensverhältnissen aufwachsen. Die häuslichen Verhältnisse entsprechen also ihrem Spielverhalten und ihrer Spielzeugwahl.
Darüber hinaus hat Chr. Büttner in Untersuchungen festgestellt, daß in allen Lebensgeschichten der Kinder, die exzessiv mit Kriegsspielzeug gespielt haben, extreme Trennungserlebnisse im ersten Lebensjahr nachzuweisen waren. Büttner kommt auch bei diesem Hintergrund zu dem Schluß, daß Kriegsspielzeug von Kindern anders erlebt wird als von Erwachsenen und daß es vor allem zur Verarbeitung von Trennungserlebnissen gebraucht wird.
Vor allem H. Birckenbach hat jedoch auf einen noch größeren Wirkungszusammenhang hingewiesen, der langfristig zum Tragen kommen kann: auf Kriegsspielzeug als einem Spezialfall von Rüstungskultur, die ihrerseits wieder Teil einer allgemeinen Rüstungsdynamik ist.
Kriegsspielzeug begünstig in diesem Zusammenhang die aggressive VErarbeitung von bereits bestehenden Konflikten sowie die Umwandlung von Alltagsbewußtsein in Rüstungsbewußtsein, von Alltagskultur in Rüstungskultur.
Kriegsspielzeug vermittelt dabei ein bestimmtes Verständnis von Geschichte, das durch die Dominanz von helden geprägt ist und im wesentlichen Kriegsgeschichte darstellt. Kriegsspielzeug vermittelt auch ein bestimmtes Verhältnis zur Technik, denn (Waffen-)Technik übt eine Faszination aus, die keine Fragen (etwa nach dem Sinn und Zweck) mehr zuläßt.
Kriegsspielzeug vermittelt ein Verständnis von Konflikten und Verhalten in Konflikten, das vom Vertrauen auf Gewalt geprägt ist. Vertrauen auf Gewalt wird zum Grundmuster des Politik- und Gesellschaftsverständnisses.
Weiter wird durch Kriegsspielzeug ein Verständnis von Männlichkeit geprägt, das dem typischen Idealbild eines starken, emotionslosen Kämpfes entspricht.
Durch all diese Faktoren wird einer latenten Gewaltbereitschaft Vorschub geleistet.
Der Umgang mit Kriegsspielzeug ist eingebettet in gesellschaftlich vorhandene und akzeptierte Gewaltformen und Gewalterfahrungen. Deshalb kann letztlich auch nicht Kriegsspielzeug allein für die Entwicklung aggressiver und gewalttätiger Verhaltensdispositionen verantwortlich gemacht werden, sondern das Ingesamt der kindlichen Lebenserfahrung und Umwelt.
"Wenn Kriegsspielzeug im Zusammenhang mit Militärliteratur, Kriegsfilmen, military-look in Kleidung und Unterhaltungselektronik, mit der Verschärfung des ideologischen Gegensatzes zwischen Ost und West, des Rüstungswettlaufs und der Sympathiewerbung für die Bundeswehr wahrgenommen wird, stellt Kriegsspielzeug dann eine weitere Form sinnlich faßbarer Allgegenwart von Krieg dar?" frägt B. Krohner.
Die negative Wirkung von Kriegsspielzeug dürfte neben der kurzfristigen Übernahme aggressiver Verhaltensweisen vor allem im Zusammenhang mit anderen Lernfeldern, die sinngleich wirken, in der Verstärkung der kulturellen Selbstverständlichkeit von Gewalt und Aggression liegen. Gewalt und Aggression rückt in den Alltag, wird zum Normalen.
Günther Gugel: Erziehung und Gewalt. Waldkirch 1983, S. 86f.