Home / Themen / Kriegsgeschehen... / Medien und Krieg / Medienberichter... / Inszenierungen live aus dem Irak - Mehr Desinformation als Information
Mehr Desinformation als Information: Medienwissenschaftler sieht
Berichterstattung kritisch
T ü b i n g e n . (GEA) Seit den Erfahrungen des ersten Golfkriegs sitzt die Vorsicht mit auf dem Sofa. So leicht wie damals sind heute die Fernsehbilder und Berichte aus dem weit entfernten Krieg im Irak sicherlich nicht mehr als reale Gegebenheiten zu verkaufen. Doch die Ungewissheit bleibt. Wo verläuft die Grenze von solider Information zu Spekulation und Propaganda? Wo beginnt der Sensationsjournalismus? Der GEA hat sich über diese und andere Fragen mit dem Tübinger Medienwissenschaftler Manfred Muckenhaupt unterhalten. Muckenhaupt, der selbst seit vielen Jahren Nachrichtenjournalisten ausbildet, hat, wie 1991 auch, die Nachrichten- und Sondersendungen über den Golfkrieg aufgezeichnet.
GEA: Herr Muckenhaupt, wie gut fühlen Sie sich eigentlich informiert über das Kriegsgeschehen im Irak?
Manfred Muckenhaupt: Ähnlich wie beim Golfkrieg 1991 sehe ich mehr Desinformation als Information. Heute wie damals gilt der Satz: Glauben Sie ganz wenig von dem, was Ihnen gesagt und gezeigt wird.
GEA: In der Berichterstattung hat sich also seit 1991 nicht viel verändert?
Muckenhaupt: Doch, es hat sich die Perspektive verändert. 1991 waren die deutschen Medien, Fernsehen wie Presse, absolut amerikagläubig. Sie haben in den ersten vier Tagen des Golfkrieges die amerikanische Darstellung als Tatsache verbreitet. Viele heutige Moderatoren und Reporter waren damals dabei und haben aus diesen Erfahrungen gelernt. Sie gehen heute weitaus kritischer mit ihren Quellen um. Wir haben also eine durchaus differenzierte Berichterstattung. Es gab noch nie so viele Formulierungen wie etwa »nach amerikanischer Darstellung«. Trotzdem fühle ich mich überhaupt nicht informiert. Ich schaue einem Medienereignis zu und weiß, dass die Wahrheit über diesen Krieg erst nach einem Jahr zum Vorschein kommen wird, wie es beim ersten Golfkrieg auch der Fall gewesen ist.
GEA: Viele stellen sich ja die Frage, ob die Bilder, die sie sehen, irgendetwas mit dem tatsachlichen Kriegsgeschehen zu tun haben.
Muckenhaupt: Was wir sehen, sind reale Aufnahmen. Aber die Perspektiven, die geboten werden, sind solche, die diesen Krieg nicht zeigen. Das beste Beispiel dafür sind die Videophone-Übertragungen, die britische und amerikanische Journalisten liefern. Also etwa die Kamera auf einem Panzer, der durch die Wüste rollt. Oder auch das irakische Modell: Drei Fernsehanstalten in Bagdad übertragen mit Satellitenschüsseln die Jagd auf angeblich abgeschossene britische Piloten. Das sind alles inszenierte Ereignisse, die nicht im entferntesten zeigen, was dieser Krieg für die Menschen, die Kinder die Frauen und auch die Soldaten bedeutet. Dem Zuschauer wird wie bei der Sportberichterstattung suggeriert, er sei live dabei. Ich glaube umgekehrt, dass die Zuschauer inzwischen so medienkritisch geworden sind, dass sie diese Berichterstattung für überflüssig finden.
GEA: Wie auch die ganzen Endlosschleifen, die dem Zuschauer zugemutet werden.
Muckenhaupt: Die deutschen Fernsehanstalten und auch ihre Korrespondenten vor Ort haben kaum Informationen. Diese Situation der Null-Information wird von den Journalisten ehrlicherweise zum Thema gemacht. Die Korrespondenten sagen klipp und klar, dass sie nichts wissen und über nichts informiert werden. Es gibt nur ganz wenige Beiträge, die an den amerikanischen Militärs vorbei gelungen sind. Etwa der Beitrag eines deutschen Journalisten, der im Nachhinein den Angriff auf ein Hotel dokumentiert und damit offen legt, dass auch zivile Einrichtungen zerstört werden.
GEA: Wie schätzen Sie denn die Rolle des Senders El Dschasira ein?
Muckenhaupt: El Dschasira ist für mich ein Gewinn im Vergleich zum Golfkrieg 1991. Damals lag die Informationshoheit beim amerikanischen Verteidigungsministerium mit ausschließlich zensiertem Material. El Dschasira dagegen ist bereits seit Afghanistan ein Sender, der die arabische Sicht ins Spiel bringt. Das klassische Beispiel im aktuellen Krieg ist, dass er als erster Sender tote amerikanische Soldaten zeigte und die US-Sender sich zunächst verweigert haben, diese Bilder zu verbreiten. Daran erkennt man die Dimension einer Berichterstattung, die nicht von vorneherein durch amerikanische Interessen und das Militär gebremst ist.
GEA: Diese Bilder von toten Soldaten sind umstritten, da die Genfer Konvention sie verbietet.
Muckenhaupt: Das ist der Widerspruch, in den sich die Amerikaner verwickelt haben. Verteidigungsminister Rumsfeld hat explizit darauf hingewiesen, dass gegen die Genfer Konvention verstoßen wird, wenn man gefangene amerikanische Soldaten zeigt. Das ist richtig. Nur, am Tag davor haben die Amerikaner gefangene Irakis im Fernsehen explizit vorgeführt. Beide Seiten muss man leider sehen.
GEA: Merkwürdig muten ja auch die Aufnahmen aus dem bombardierten Bagdad an. Es hat fast den Anschein, als würde dem Zuschauer ein spektakuläres Feuerwerk geboten.
Muckenhaupt: Der Hintergrund ist aus medialer Sicht die erste Reportage über den Angriff auf Bagdad 1991 von Peter Arnett. Diese ist um die Welt gegangen und hat CNN groß gemacht. Deshalb haben so viele Fernsehanstalten ihre Reporter im Informationsministerium versammelt. Ich stimme Ihnen völlig zu, dass das aus dem Hotelzimmer aufgenommene Bagdad keinerlei Bild des Kriegsschreckens zeigt. Man muss aber auch umgekehrt sagen, dass in den ersten Tagen die Menschen sich diese Bilder angeschaut haben. Ich habe sie auch angeguckt. Das ist doch völlig klar. Man hofft auf Informationen, ist beteiligt, auch emotional beteiligt.
GEA: Müssten sich die Sender aber nicht doch selbst beschränken, in dem was sie zeigen?
Muckenhaupt: Es hat sich ja bereits etwas geändert. Die ersten drei Tage waren Rundum-Berichterstattung ohne relevante Informationen. Am vierten Tag haben sich die Sender davon verabschiedet: »Wetten dass«, Formel Eins . . .
GEA: . . . war doch wichtiger . . .
Muckenhaupt: Richtig. Dieser Zwang wird natürlich über Konkurrenz erzeugt. Wer rein rational argumentiert würde sagen, »fahrt vernünftige Zusammenfassungen, wo die Sendezeit der Informationsmenge entspricht«. Dann wären die Beiträge relativ kurz. Ich will das aber nicht nur den Sendern zum Vorwurf machen, sondern auch einer gewissen Sensationsgier des Publikums. Mein Hautproblem ist, dass in dieser Riesenflut von Scheininformationen gut recherchierte und auch kritische Beiträge Gefahr laufen, unterzugehen. Weil die Pseudo-Information am Ende überwiegt und der Zuschauer nicht in der Lage ist zu entscheiden, was relevant sein könnte und was nicht.
GEA: Werden Sie denn die Kriegsberichterstattung bis zum Ende verfolgen.
Muckenhaupt: Klare Antwort: Nein! Der fünfte Kriegstag war mein letzter Aufzeichnungstag. Alle Schrecknisse der Berichterstattung haben sich ereignet. Alles, was ich noch sehen werde, wird diesen Eindrücken nichts hinzufügen können.
Manfred Muckenhaupt, Medienwissenschaftler, Tübingen im Gespräch mit Andrea Anstädt.
© Reutlinger General-Anzeiger, 27.3.2003, Seite 22