Der bedingte Einfluß des Mediums
Von einer bedingungslosen Folgenlosigkeit der Darstellung von Gewalt, Terror und Krieg im Medium Fernsehen wird heute nicht mehr ausgegangen. Fernsehen hat nicht nur eine Kurzzeitdimension, indem Gewaltdarstellungen beim Zuschauer verstärkt aggressive Tendenzen hervorrufen können, sondern auch eine Langzeitdimension, indem Bewußtseinsstrukturen geprägt werden und so gesellschaftliche Gewaltverhältnisse (personale, strukturelle und kulturelle) als immer vorhanden und deshalb als "normal" vermittelt werden. Die Verherrlichung der Gewalt im Fernsehen als Normalzustand hat gravierende Folgen auch für die non-fiktionalen Berichte und Reportagen:
- die Normalität der Gewalt im fiktionalen Fernsehprogramm färbt auch auf die Nachrichtensendungen, Magazine und Features ab. Krieg wird als die nachgerade entscheidende Dominante im Weltmaßstab vermittelt, physische Gewalt als die wichtigste Konstante in der "Dritten Welt" vorgeführt.
- Es besteht heute die Gefahr weniger darin, "daß es bei Gewaltdarstellungen zu direkten Nachahmungstaten kommt, als vielmehr darin, daß (erfolgreich erscheinende) aggressive Modelle ganz allmählich Werte, Normen und Einstellungen gegen Gewalt verändern, daß sie gegen Gewalt desensibilisieren und Gewalt als Problemlösungsmittel anbieten. Es ist also nicht in erster Linie das konkrete aggressive Verhalten in den Filmen zu fürchten als vielmehr der (Un)Geist, der in Gewaltdarstellungen ausgestrahlt wird, mit seinen Zerrbildern vom Menschen."14
- Die Armut der Zweidrittelwelt - ohne den Kontext der strukturellen und kulturellen Gewalt - kann durch die Perpetuierung im Programm als unveränderbar erlebt werden. Eurozentristische Berichterstattung, soweit sie sich im Fernsehprogramm artikuliert, hat mit der Vermittlung von Gewalt zu tun, ohne daß dies stets definitiv so erlebt wird. Ob dadurch auch eine akute Desensibilisierung beim Zuschauer erreicht wird, muß vorerst offen bleiben, ist aber wahrscheinlich.
- Die Permanenz der Echtzeitberichte von den Kriegsschauplätzen auf dem Balkan und anderswo entstellt den Europakrieg zu einem elektronischen Importartikel. Krieg und Gewalt erscheinen am Bildschirm als prinzipiell steuerbar, da sie mit einem Fern-Ereignis verbunden sind. Mit Paul Virilio läßt sich formulieren: "Bei der Offensive der Direktübertragungen ist alles wahr, "wahr" im instrumentellen Sinn des Wortes, das heißt, operativ und unmittelbar wirkungsvoll. Die audiovisuelle Landschaft wird zu einer "Kriegslandschaft", und der Bildschirm zu einem quadratischen Horizont, der den Videosalven genauso ausgesetzt ist und durch sie überbelichtet wird, wie das Schlachtfeld den unzähligen Raketeneinschlägen ausgesetzt ist."15
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