Home / Themen / Medien - Gewalt... / Gewalt in den M... / Kritik an der Auslandsberichtserstattung
Die Kritik an der Auslandsberichterstattung der Medien, insbesondere der des Fernsehens, ist umfassend, vielschichtig, hat Tradition und ist in sehr vielen Sektoren begründet. Die Ausgangslage dieser Kritik, die fast immer von außerhalb des Mediums operiert und argumentiert, ist unschwer nachzuvollziehen, weil Defizite und Mängel bei der Auslandsberichterstattung dieser Sparte inhärent sind. Da die Auslandsberichterstattung im Fernsehen verständlicherweise schon rein quantitativ begrenzt ist, kann die Kritik an dieser Programmsparte um so dezidierter vorgetragen werden. Die Kritik umfaßt vor allem folgende Gesichtspunkte:
Renate von Gizycki bemerkte zur Auslandsberichterstattung im Jahre 1974: "Ohne Übertreibung läßt sich auch heute die These aufrechterhalten, daß Berichterstattung über außereuropäische Länder seit den Zeiten kolonialer Expansion keine dem technologischen Fortschritt entsprechenden Entwicklungen in der Theorie und Praxis journalistischer Beobachtung zu verzeichnen hat. Die Fälle von krassem Kolonialismus sind seltener, die alten Vorurteile oft sublimer geworden, aber noch immer begegnen wir dem gleichen Sendungsbewußtsein; die Ideologien haben sich nur äußerlich verändert. So spricht man heute nicht mehr von der "Bürde des weißen Mannes", sondern vom Ideal westlicher Marktwirtschaft.31
Monika Moos untersuchte 1977 über dreihundert Fernsehberichte zum Thema Afrika, die den Berichtszeitraum 1971 - 1975 betrafen. Sie kam zu dem Ergebnis: "In den Exotik-Sendungen spielt der Mensch des Busches, soweit Menschen überhaupt vorkommen, die Hauptrolle. Aber nur im Sinne des Aufzeigens von primitiven, recht reizvoll wirkenden fremden Verhaltens und einer schicksalhaften Abhängigkeit von den Naturgewalten. In den Magazin-Beiträgen, die immerhin die Hälfte der gesamten Berichterstattung ausmachen, erscheinen sie nie. Dieser Sendetyp ist Bühne der Regierenden, des Staatsapparates und seiner Vertreter als Träger der Entwicklung und einzig Verantwortlicher für die gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Legitimitätsbasis der jeweiligen Regierung wird nicht diskutiert. [...] Damit erhalten die Eliten aus Militär, Regierung und Verwaltung ein so entscheidendes Übergewicht, daß sie das Fernseh-Bild von heutiger afrikanischer Wirklichkeit praktisch allein aufsfüllen. Die 90%ige Mehrheit der Bevölkerung erscheint nur als unmündiges Objekt von Obrigkeit."32 Auch das "Schwarzbuch des entwicklungspolitischen Films" kritisierte 1978 in seiner Bestandsaufnahme das Übergewicht von Filmproduktionen, die mehr oder minder die "Überlegenheit des weißen Mannes, seiner Technologie und Entwicklungsvorstellungen"33 betonten.
Fünfzehn Jahre später bleiben die grundsätzlichen Aspekte der Kritik weiterhin bestehen, wenngleich jetzt dank neuerer Forschungsergebnisse differenzierter auf Defizite der "Dritte-Welt"-Reportagen geantwortet werden kann.34 Al Imfeld, entwicklungspolitischer Publizist, Poet und Mediendidaktiker, stellte auf den 26. Mainzer Tage der Fernseh-Kritik (24. und 25. Mai 1993) die Frage: "Kann Fernsehen Afrika wahrnehmen?" Seine Antworten waren für die angesprochenen Fernsehmacher der Auslandsredaktionen bei ZDF und ARD eher ernüchternd. Lob hatte der Analytiker, nicht zu spenden. Er stellte hingegen grundsätzliche Probleme im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den Kontinent dar und folgerte:
Al Imfeld kommt zu dem für die europäische Afrikapublizistik enttäuschenden Ergebnis: "Wohl über keinen anderen Kontinent und seine Bewohner haben wir so viele vorgefaßte Meinungen. "Afrika" ist der Kontinent der Klischees. Die Aufgabe der Information wäre es, das zu zeigen, was ist; aufzubrechen, was billig verfestigt ist. Mit der schwarzen Hautfarbe assoziieren viele Vorurteile - , wie grausam, faul, kindlich oder kindisch, primitiv oder naiv, rückständig oder noch am Anfang der Entwicklung, klanisch tribalistisch, emotional, prä-logisch und so weiter. Der Reporter kann leicht selbst Opfer solcher Vor-Urteile werden."36 In einer Bilderwelt von Chiffren ergänze der Zuschauer oft selbsttätig und es komme zu Fehldeutungen und Bildern, "die es so nicht (mehr) gibt." Filmer sollten "zu Bilderstürmer" werden, vorgefaßte Meinungen und Anschauungen sollten dekomponiert werden, "sonst wird Fernsehen zum Nichtsehen."37 Ein Vergleich der Fernsehberichterstattung mit der Situation der entwicklungspolitischen Presse kann hilfreich sein. Dieter Dankwortt hat 1990 die Ergebnisse einer Presse-Analyse vorgelegt, die einen Zeitraum von 30 Jahren berücksichtigt. Die Studie belegt auffällig die Interdependenzen zwischen den elektronischen und den Printmedien. Die Fernsehberichterstattung ist auch in diesen kritischen Kontext eingebettet und nimmt insofern keine qualitative Sonderstellung ein. Dieter Danckwortt resümierte seine Untersuchung in zehn Thesen:
Auch Mitte der neunziger Jahre gilt das Korrespondentennetz von ARD und ZDF im internationalen Vergleich als quantitativ führend. Dennoch ist im statistischen Mittel die Berichterstattung aus der Dritten Welt eher bescheiden zu nennen. Sie ist einmal im Vergleich zum Gesamtprogramm unterrepräsentiert und reagiert vor allem auf die Zuspitzung von Kriegen, Naturkatastrophen, Epidemien und Hunger.39 Im Frühjahr 1990 führte Walter Michler eine Auswertung der ARD- und ZDF-Hauptnachrichten durch und kam dabei zu folgenden signifikanten Ergebnissen:
Gegen das Negativbild, das das deutsche Fernsehen vom afrikanischen Kontinent zeichne, wandten sich 1995 das bischöfliche Hilfswerk Misereor und der Bund der Katholischen Jugend (BDKJ). Über 15.000 Protestunterschriften waren an ARD und ZDF mit dem Hinweis übergeben worden, die Sender sollten sich verstärkt auch um positive Nachrichten aus Afrika bemühen; das Motto dieser Jugendaktion - sie stieß im übrigen auf die Kritik von ZDF-Intendant Dieter Stolte - lautete "Good news from Africa".41 Berechtigt wie auch immer signalisiert die Aktion die qualitative Schlagseite, die die Berichterstattung aus und über die "Dritte Welt" immer noch bei uns hat. Hinzu kommt auch noch eine weitere Fragestellung, die die Hilfsbereitschaft eines engagierten Zuschauers betrifft. Wie kann sich ein Zuschauer, den das auf dem Bildschirm festgehaltene Elend der Dritten Welt nicht kalt läßt und berührt, helfen? Rainald Merkert zeigt das Dilemma auf, wenn er nüchtern fragt: "Angenommen, jemand sei in der Lage und bereit, monatlich 5.000 DM für Notleidende zu spenden, wem sollte er sie geben? Den Opfern einer Naturkatastrophe; und wenn ja, welcher; eines Erdbebens, Wirbelsturms, Hochwassers? Den Opfern eines Krieges, und wenn ja, welchen Krieges, in Afrika, Asien, Amerika? Den Opfern eine Hungerkatastrophe; und wenn ja, welcher; den dauernd Hungernden oder den nur vorübergehend in Not Geratenen?"42