Home / Themen / Medien - Gewalt... / Verhaltensgrund... / Forderungskatalog an alle Meinungsführer
1. An die Medien:
Wir Journalisten müssen endlich lernen, den Verlockungen des Sensationellen zu widerstehen; gerade im Falle Schwarzafrikas müssen wir damit aufhören, unsere Arbeit mit Katastrophenmeldungen zu betreiben. Die in der Tat sehr schwierige Entwicklungssituation dieses Kontinents erfordert mehr Seriosität . Katastrophenmeldungen dürfen nicht, nur weil sie einmal gedruckt worden sind, zu Selbstläufern werden. Im Bewußtsein unserer Öffentlichkeit ist Schwarzafrika zu einem Synonym für Chaos und Unterentwicklung geworden. Weil uns allen nur die Katastrophe und das Außergewöhnliche eine Schlagzeile werte ist, wurde diese ohnehin vorhandene Vorurteilshaltung anstatt abgebaut, perpetuiert.
2. An alle, die Berichte verfassen:
Wir sind hörig geworden gegenüber den Meldungen von UN-Organisationen; wir müssen deren Zahlen und Behauptungen mehr als bisher prüfen und sie gegebenenfalls als Fehlmeldungen entlarven; das dient den wirklichen Bedürfnissen der Masse der Bevölkerung in Schwarzafrika. Das heißt aber auch: Weg davon, Verlautbarungen afrikanischer Regierungen und Organisationen als Tatsachen zu melden. Wir müssen in diesem Zusammenhang ferner begreifen, daß die Übertreibung ebenso unverantwortlich ist wie die Untertreibung.
3. An die Verantwortungsträger der Medien:
Es müssen mehr finanzielle Mittel als bisher für die Recherche vor Ort zur Verfügung gestellt werden. Millionenhohe Investitionen in moderne Kommunikationsnetze bleiben sinnlos, wenn die Qualität der eingespeisten Information nicht ebenfalls verbessert wird. Das derzeitige Mißverhältnis zwischen Technologie- und Rechercheausgabe ist unerträglich.
4. An die Intendanten der ARD und des ZDF:
Bei der dringend notwendigen Image-Korrektur über Afrika und der Beschaffung besseren Datenmaterials haben die öffentlich-rechtlichen Anstalten eine besondere Aufgabe und Verpflichtung. Private Medien verfügen jedenfalls derzeit nicht über die finanziell notwendigen Mittel, die Berichterstattung über die Dritte Welt auf breiter Front zu verbessern. Das Korrespondentennetz bedarf einer Ausweitung. Warum müssen ARD und ZDF in Südafrika jeweils eigene Korrespondeten unterhalten (und der Hörfunk noch einen weiteren), wenn es in Westafrika (wo ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents lebt) nicht einen einzigen mit festem Sitz und Büro gibt? Ferner: Kein Korrespondent ist in der Lage, zwanzig und mehr Staaten abzudecken, was bei manchen allerdings ihr Auftrag ist. Trotzdem glaubt der Fernsehzuschauer, seine Anstalten seien auch über die Vorgänge in diesen Großregionen bestens informiert.
5. An die Hilfswerke:
Sie müssen lernen, den Medien zu widersprechen, müssen deren Sensationshunger widerstehen, selbst auf die Gefahr hin, wegen einer nicht gemeldeten Katastrophe auf zusätzliche Spenden verzichten zu müssen. Außerdem müssen sie ihre eigene Informationspolitik verbessern. Anstatt ihren Eigenbröteleien zu frönen, sollten sie den vorhandenen Sachverstand in gemeinsam erstellten Dokumentationen über zentrale probleme zusammentragen.
6. An die afrikanischen Politiker:
Sie sollten endlich damit aufhören, mit falschen Zahlen und Daten ihren Kontinent und die Anstrengungen ihrer Bevölkerung zu verleumden.
7. An unsere Politiker:
Sie beteiligen sich am Geschäft mit der Katastrophe, sie stimmen Nahrungshilfelieferungen zu, auch wenn diese nicht unbedingt benötigt werden. Sie müssen damit aufhören, mit kurativen Mitteln zu helfen, wo langfristige Strukturveränderungen erforderlich sind und wo außerdem eine korrektur unserer Außenwirtschaftspolitik geboten ist.
8. An Schulbuchautoren und Bildungsverantwortliche:
500 Jahre nach dem Anbruch des Kolonialzeitalters sollten sie endlich in der Lage sein, die kolonialistische Brille abzulegen. Daß Afrikaner in unseren Schulbüchern immer noch als „Eingeborene“ bezeichnet werden, ist nicht mehr zu entschuldigen. Außerdem sollten sie begreifen, daß die „Dritte Welt“ drei Viertel der Welt umfaßt und daß ihr deshalb mehr Platz in den Schulbüchern und der universitären Ausbildung gebührt. Wenn Afrika in etlichen Unterrichtswerken nur auf einer Seite oder kaum mehr auftaucht, dann ist dies nur mit unserer eurozentristischen Überheblichkeit zu erklären, deren Ergebnis eine bruchstückhafte Information oder genauer eine Verbildung ist.
9. An den Bürger und Leser.
Nein, Sie sind nicht ohnmächtig. Sie müssen die Medien und Hilfswerke unter Druck setzen. Schreiben Sie! Stornieren Sie Gebühren, wenn weiterhin so schlecht recherchiert berichtet wird. Und die Hilfswerke werden ohne Druck des Spenders nie zu größerer Gemeinsamkeit in den zentralen Bereichen ihrer Öffentlichkeitsarbeit kommen.
Walter Michler: Weißbuch Afrika. Bonn 1991, S. 36 f.