Home / Themen / Stereotypen, Vo... / Fremdenfeindlic... / Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus unter Jugendlichen
In der Literatur wird meistens nicht klar zwischen Rechtsradikalismus und Rechtsextremismus unterschieden; letzterer wird häufig als eine Steigerung des ersteren begriffen. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts wird die Bezeichnung Rechtsextremismus bzw. rechtsextremistisch für Parteien und Organisationen verwendet, deren Politik und Ideologie die Ablehnung der wesentlichen Spielregeln des demokratischen Verfassungsstaates beeinhalten, z.B. die Ablehnung der fundamentalen Gleichheit aller Menschen, die Ablehnung von Menschen- und Freiheitsrechten, des Demokratieprinzips, der Gewaltenteilung, der Oppositions- und Minderheitenrechte. Weiterhin werden Pluralismus und Parteienkonkurrenz negiert, rassistische Einstellungen, ein extremer Nationalismus und das Führerprinzip gepflegt. Demgegenüber handle es sich beim Rechtsradikalismus um eine Anti-Position gegenüber der Moderne, gegen Fremde, gegen ,Überfremdung'. Diese Anti-Position ist jedoch nicht eindeutig auf die Beseitigung zentraler Bestandteile der freiheitlich-demokratischen Grundordnung orientiert.
In der Darstellung der folgenden Beiträge - in denen diese Unterscheidung nicht immer berücksichtigt wird - soll referiert werden, was in der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion, die hauptsächlich von Sozialwissenschaftlern geführt wird, über die Ursachen von Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus erforscht wurde und welcher Art die Veränderungsvorschläge bzw. Präventionsmaßnahmen sind. Dazu geben Nicklas/Ostermann Ende 1994 einen ausgezeichneten, weil umfassenden und klar gegliederten, Report über "Rechtsextremismus und Jugendgewalt, Analysen und Präventionsstrategien"(NICKLAS/OSTERMANN 1994), in dem sie die fremdenfeindliche "Eskalation der Gewalt" kurz darstellen und darauf bezogen relevante "Interpretationsansätze zur Erklärung fremdenfeindlicher Gewalt" vorstellen. Sie gehen bezüglich der fremdenfeindlichen Ausschreitungen auf die "Sondersituation in der ehemaligen DDR" ein und stellen dann - basierend auf den Studien von Helmut Willems, Stefanie Würtz und Roland Eckert zu "Täterstrukturen und Eskalationsprozessen" (WILLEMS/WÜRTZ/ECKERT 1993) - die vier fremdenfeindlichen Tätertypen dar, um schließlich verschiedene ,Präventionsstrategien' zu erläutern. Im Zusammenhang der bisher dargestellten friedenspädagogischen Vorurteilsforschungsrezeption ist wichtig zu vermerken, dass Nicklas/Ostermann hier im Zusammenhang verschiedener Erklärungsmodelle für das Auftreten von Rechtsextremismus und Jugendgewalt auf die neuere Vorurteilsforschung Bezug nehmen und nachdrücklich deren stärkere Berücksichtigung fordern, "da die neueren Ergebnisse der Forschung bisher kaum Eingang in die Diskussion um die Ursachen von Fremdenfeindlichkeit gefunden"65 hätten! Offensichtlich erweitern Ostermann/Nicklas in dem Aufsatz ,Rechtsextremismus und Jugendgewalt...' die bisher begrenzte (kritisch-) friedenspädagogische Vorurteilsforschungsrezeption, welche die Ergebnisse der bereits ab den 80er-Jahren zugänglichen sozialpsychologischen Forschungen weitgehend ignorierte. Davon wird noch zu sprechen sein.
Nicklas/Ostermann unterscheiden in ihren zusammenfassenden Ausführungen einen "parteiförmig gefaßte(n) Rechtsextremismus" von rechtsextremer Jugendgewalt, die sie - nicht verharmlosend - als einen ,chaotischen Jugendprotest' verstehen, der bewusst Tabubrüche inszeniere, indem er Nazizeichen benutze und sich mit ausländerfeindlichen und rassistischen Äußerungen darstelle. Verschiedene Strukturen und politische Selbstverständnisse begründen nach Nicklas/Ostermann die Unterscheidung des ,parteiförmig gefassten Rechtsextremismus' (NPD, FAP, Republikaner) und des rechtsextremen Jugendprotests.
"Die organisierte Rechte versammelt sich unter Begriffen wie ,law and order', Sicherheit, Sauberkeit, Disziplin, Fleiß - also den traditionellen ,deutschen Tugenden' - während die randalierenden, molotowcocktailwerfenden Jugendbanden eher die Züge einer gegen die gesellschaftlichen Normen rebellierenden Subkultur aufweisen." (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. I)
Übereinstimmend mit dem (im folgenden noch vorzustellenden) modernisierungstheoretischen Ansatz von Heitmeyer sehen Nicklas/Ostermann die Ursachen für den heutigen Rechtsextremismus "in sozialstrukturellen Bedingungen entwickelter, funktional differenzierter Industriegesellschaften", deren Eskalation zu verhindern langfristig strukturelle Veränderungen in der Gesellschaft voraussetzen würde. Kurzfristig aber favorisieren Nicklas/Ostermann eher eine Veränderung der "politischen Kultur", die m.E. etwas unklar "als Gesamtheit der Einstellungen, Auffassungen, Meinungen und Verhaltensweisen der Bürger in bezug auf das politische System, also das politische Klima" (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. III) bezeichnet wird. Von einer Veränderung der ,politischen Kultur' - wobei wohl ,politische Kultur' im Sinne von ,gesellschaftliches Klima' gemeint ist - erhoffen sich Nicklas/Ostermann einen positiven Einfluss auf die jeweiligen Einstellungen und Vorurteile gegenüber Fremdgruppen. Bestimmte Ausprägungen ,politischer Kultur' können den ,Nährboden' für Rechtsextremismus bilden dergestalt, dass "sich die Gewalttäter von Hoyerswerda, Rostock und Hünxe verstehen konnten als Vollstrecker des Willens einer schweigenden Mehrheit" (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 18). Eine andere ,politische Kultur' würde solchen Tendenzen mindestens eine ihrer Quellen entziehen.
Nicklas/Ostermann bezweifeln auf Grund der Ergebnisse methodisch gut abgesicherter, regelmäßiger Einstellungsumfragen, die von ALLBUS und dem Eurobarometer zwischen 1980 und 1992 durchgeführt wurden und denen kein Anwachsen fremdenfeindlicher Einstellungen innerhalb der Bevölkerung zu entnehmen ist, dass die jugendlichen Gewalttaten auf einem primär fremdenfeindlichen Hintergrund interpretiert werden müssen.66 Auf der Folie der kontroversen Diskussionen um rechtsextremistische Erklärungsmodelle, nämlich ob "es sich um ein Wiederaufleben des Faschismus oder um eine rechte Jugendrevolte, um einen Aufstand der Modernisierungsopfer oder um eine neue Version deutschen Nationalismus nach der Vereinigung" (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 10) handle, stellen sie neun Erklärungsansätze dar, die hier allerdings nicht alle erläutert werden sollen:671) Wiederaufleben des Faschismus, (2) Faschismustheoretischer Ansatz, (3) Rechte Jugendrevolte, (4) Aufstand der Modernisierungsverlierer, (5) Sozialpsychologischer Ansatz, (6) Die Vernachlässigung der nationalen Identität in Deutschland, (7) Politische Kultur, (8) Die Rolle der Medien,68 (9) Ausländerfeindschaft als reaktives Phänomen. Als letzten Ansatz (10) zeigen Nicklas/Ostermann drei Frage- bzw. Erklärungsdimensionen eines notwendigen ,multidimensionalen Modelles' auf (vgl. NICKLAS/OSTERMANN 1994, Inhaltsverzeichnis). Bei der ihrer eigenen Deutung nahe liegenden Erklärung, dass es sich bei den Ausschreitungen um eine ,rechte Jugendrevolte' handle, beziehen sich Nicklas/Ostermann interessanterweise u.a. auf einen FAZ-Beitrag von Konrad Adam, nach dem "es um eine neue Phase des Jugendprotests (gehe, d.V.), der von Unterschichtsjugendlichen gegen die linksliberale Hegenomie in den Institutionen der Pädagogik und Sozialarbeit gerichtet sei" (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 11). Als Argument dafür, dass die gewalttätigen Ausschreitungen gegen Fremde nicht ihren ursächlichen Grund in der Fremdenfeindlichkeit hätten, führen Nicklas/Ostermann an, dass die "fremdenfeindliche Gewalt (...) nur ein Ausschnitt aus der Gewalt von Jugendlichen gegen Minderheiten und Schwache in der Gesellschaft" sei. Vergleichend wird die ähnlich hohe "Zahl der Gewalttaten Jugendlicher gegen Obdachlose, Alte, Behinderte, Homosexuelle und Kinder" (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 12) genannt. Zur Erläuterung sozialpsychologischer Ansätze im Zusammenhang mit Fremdenfeindlichkeit nehmen Nicklas/Ostermann Bezug auf die in meiner Arbeit bereits dargestellten Experimente von Sherif (Jugendlager) und Tajfel (,Theorie der minimalen Gruppen' und ,Theorie der sozialen Identität'). Nicklas/Ostermann heben im folgenden auf die in Sherifs Versuch dargestellte Relevanz von Konkurrenzsituationen bei Gruppenkonflikten und auf Tajfels Theorie der sozialen Identität ab. Allerdings wird Tajfels rein kognitiv und später konflikttheoretisch begründete Theorie von Nicklas/Ostermann sofort psychoanalytisch unterlegt.
"Die Herstellung einer positiven sozialen Identität läuft über Vergleichsprozesse. Wir vergleichen uns selber und unsere Gruppe mit anderen Menschen und anderen Gruppen: Wir ordnen positive Attribute der eigenen Gruppe und negative Attribute der fremden Gruppe zu. Wir gehen bei dieser ungleichen Verteilung der positiven und negativen Attribute, wie die Psychoanalyse gezeigt hat, noch einen Schritt weiter: Wir projizieren die negativen Anteile unseres Selbst, die wir nicht billigen können und ablehnen, auf die Mitglieder der Fremdgruppe. Überspitzt gesagt: Die eigene Gruppe wird idealisiert, die Fremdgruppe wird verteufelt. Wir müssen also zur Kenntnis nehmen, daß Vorurteile und Feindbilder untrennbar mit unserer Identität zusammenhängen. Sie sind die Kehrseite oder der Schatten unserer positiven sozialen Identität." (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 16)
Dass Nicklas/Ostermann nun aber sogar so weit auf die sozialpsychologische Forschungstendenz einschwenken, dass sie auch noch die Feindbilder sozusagen als ,normale Kehrseite unserer Identität' begreifen, überrascht und kann nicht unwidersprochen bleiben. ,Radikalisierte' Vorurteile und auch Feindbilder entstehen unter ,verschärften' Bedingungen, also beispielsweise in extern begründeten Konfliktsituationen. Diese äußeren Bedingungen nun können - wie Sherifs Versuche gezeigt haben - verändert werden und dementsprechend auch das jeweilige Gruppenverhalten, das in seiner radikalisierten Phase mit funktionalisierten Vorurteilen und Feindbildern nicht dem ,Normalzustand' entspricht. Im Zuge ihrer Darstellung erkennen Nicklas/Ostermann der Sache nach Teilelemente der von Stroebe angeregten Verknüpfung verschiedener Vorurteilstheorien an. Sie stellen fest, dass sich die "Theorien von Sherif und Tajfel so verbinden" lassen, dass der "Gruppenkonflikt (...) eine intervenierende Variable (ist, d.V), die die ohnehin ablaufenden Kategorisierungsprozesse verschärft" (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 16). Nicklas/Ostermann deuten die aus der sozialpsychologischen Vorurteilsforschung übernommenen Erklärungsansätze und Ergebnisse nun allerdings wiederum im Sinne des psychoanalytischen Deutungsmusters der ,Projektion', indem dem ,normalen', kognitiven Prozess der Kategorisierung nun die aggressionsverschiebenden Sündenbockphänomene unterstellt werden:
"Ist der Prozeß der sozialen Kategorisierung in Gang gekommen, dann greift der oft beschriebene Mechanismus der falschen Zuschreibung, also das klassische Sündenbockschema. Aus verschiedenen Quellen stammende Ängste werden als Aggression auf den vermeintlich Schuldigen gerichtet. Die Sündenbock-Reaktion wirft einen vierfachen Gewinn ab:
Sie bietet eine einfache, monokausale Interpretation der Welt an (,Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze und Wohnungen weg, sie sind die Ursache des Ansteigens von Kriminalität und Drogensucht');
sie bietet einfache Handlungsanleitungen zur Behebung des Übels (,Ausländer raus');
sie gewährleistet eine Aufwertung der eigenen Position (,Ich bin Deutscher');
sie bietet ein Aggressionsobjekt an, das ohne moralische Skrupel gehaßt und angegriffen werden darf (,Die Ausländer sind die Schuldigen, wenn sie verfolgt werden, ist das die gerechte Strafe')." (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 16/17)
Der Generalisierung dieser psychoanalytischen Deutung widerspreche ich. Der Prozess der sozialen Kategorisierung erfordert nicht notwendigerweise das ,Sündenbockschema', um Zuschreibungen zu Eigen- und Fremdgruppen vornehmen zu können. Diese sind einerseits begleitet von Prozessen sozialer Wahrnehmung und andererseits von Prozessen politischer Funktionalisierung.
Darüber hinaus verwenden Nicklas/Ostermann, wie ich gezeigt habe, im vorliegenden Zusammenhang noch ohne wesentliche Änderungen oder Einschränkungen das ,Sündenbockschema', mit dem sie auch früher - dort meistens im Rahmen des Modells der ,autoritären Persönlichkeit' - gearbeitet haben. Sie blenden damit ihre eigene Kritik, die sie an früherer Stelle des gleichen Aufsatzes formuliert haben, aus. Dort hieß es (vgl. S. 124, Fußnote 76), dass dieses Modell der ,autoritären Persönlichkeit' an einen bestimmten Zeitabschnitt und bestimmte historische Umstände gebunden sei, die heute als nicht mehr zutreffend beschrieben werden. Im vorliegenden Zusammenhang halten Nicklas/Ostermann also trotzdem daran fest, dass das Sündenbockphänomen - wie eben ausgeführt - an eine untergründige Verschiebung aggressiver Impulse gebunden ist. Mithilfe des in Teilkap. II.1.2. dargestellten Exkurses über Sündenböcke liegt es m.E. mindestens ebenso nahe, einerseits in Bezug auf die Gewalttaten gegen Schwache von einem unechten Sündenbockphänomen als ,gewohnheitsmäßig aggressivem Umgang mit schwächeren Personen', andererseits bezüglich der Gewalttaten gegen Fremde von einer Mischung der echten Sündenbockphänomene von einer ,Aggression mit Schuldzuschreibung in akuten Frustrationssituationen' und der ,gewohnheitsmäßigen Aggression gegenüber Personen mit ,Schuldigen-Image'' auszugehen. Die Opfer werden in Form einer Schuldzuweisung in Bezug zu einer gegenwärtigen Misere gesetzt, ihnen wird - aus welchen Gründen auch immer - subjektiv die ursächliche Schuld zugeschrieben. Hier geschieht dies, weil eine frustrierende Situation als schwierig und bedrängend empfunden wird und das Bedürfnis entsteht, diese Situation zu verändern (vgl. NOLTING 1993b, S. 168). Beide Phänomene können hier insofern miteinander verbunden werden, als "Personen mit Sündenbock-Stereotyp auch in akuten Frustrationssituationen zum Schuldigen gestempelt werden" (NOLTING 1993b, S. 169). In diesem Fall wird die dauerhafte Zuschreibung bestimmter Merkmale wie ,kriminell' oder ,faul', also der klassische Vorgang der Stereotypisierung, ergänzt durch die aktuelle Zuschreibung von Schuld. Es liegt nahe, diesen Vorgang als eine instrumentelle Aggression zu interpretieren. Nach Nolting liefert der ,Schuldige' einerseits ,Handlungsorientierung' und lässt andererseits durch die Vorstellung, dass er schuldig an der Misere ist, aggressive Gefühle und Vergeltungswünsche erst entstehen. Nolting folgert daraus, dass nicht der Sündenbock die Folge eines Aggressionsbedürfnisses ist, sondern dass das Aggressionsbedürfnis erst aus der Existenz eines vermeintlich ,Schuldigen' erwächst! Echte Sündenbockphänomene bestehen in akuten Frustrationssituationen aus einer Mischung von Vergeltung und instrumenteller Aggression, weil man sich dadurch eine mögliche Verbesserung der eigenen Lage erhofft, möglicherweise von eigener Schuld ablenken kann oder aber auch, um das Zusammengehörigkeitsgefühl unter Betroffenen gegenüber dem gemeinsamen Gegner zu stärken. Durch die Schuldzuweisung an den anderen hat man eine Legitimation für das eigene Handeln; dadurch können bestehende Aggressionshemmungen gemindert werden. Nolting macht in seinen Ausführungen deutlich, dass es sich bei den Schuldzuschreibungen an bestimmte Sündenböcke für die ,Täter' um ",zweckmäßige' Kausalattribuierungen" (NOLTING 1993b, S. 169) handelt, dass also die spekulative Annahme einer untergründigen Aggressionsverschiebung durch die Annahme einer bewussten Aggressionslenkung ersetzt werden sollte.
Nach der Darlegung der verschiedenen Erklärungsansätze zum Thema ,Jugendgewalt und Rechtsextremismus' beschließen Nicklas/Ostermann ihren Report damit, ein umfassendes multidimensionales Erklärungsmodell vorzustellen. Zuvor haben sie darauf hingewiesen - ihre Erklärungsmuster des Jugendprotestes als einen Ansatz neben anderen darstellend -, dass die verschiedenen Ansätze nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten, sondern dass ein solches multidimensionales Erklärungsmodell erforderlich sei. Dieses solle drei Aspekte berücksichtigen:
"zunächst die Konfliktbasis, die den Prozeß der sozialen Kategorisierung in Gang setzt oder verschärft und die Triebspannung liefert für das aggressive Geschehen;
dann die Formierung dieses Prozesses, also die Linien, an denen entlang der Prozeß der sozialen Kategorisierung verläuft;
und schließlich: die ,Objektwahl', also die Mechanismen der falschen Zuschreibung, die den ,Feind' definieren." (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 23)
Als Konfliktbasis werden die Ausgangsbedingungen "funktional differenzierter Industriegesellschaften, die alle Mitglieder dieser Gesellschaft, insbesondere aber die Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden unter einen hohen Anpassungsdruck setzen" (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 23) benannt, allgemein und konkret auf die Bundesrepublik bezogen. Dieser Prozess führe u.a. auch zur Formierung eines Protestpotenzials, "in der Hauptsache als Jugendprotest" verstanden. Seine Formen würden von diesen protestierenden Jugendlichen der "Subkultur, seine Symbole dem Nationalsozialismus oder Faschismus entnommen". "Die Wahl der Symbole" interpretieren Nicklas/Ostermann also als "Protestsymbole", wobei sich nach vielen verschlissenen Tabus "als einziger Tabu-Bereich die nationalsozialistische, ausländerfeindliche und antisemitische Symbolik" anbiete (NICKLAS/ OSTERMANN 1994, S. 25).
Zum "Hauptaggressionsobjekt wurden bestimmte Gruppen von Ausländern, insbesondere die Asylbewerber", welche nach "den traditionellen Linien der Vorurteilsbildung" bestimmt würden, "wie sie auch in den anderen europäischen Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Belgien, ja selbst Schweden festzustellen sind" (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 26). Nicklas/ Ostermann verweisen darauf, dass der "Prozeß der Feindfixierung (...) durch die Asyldebatte, das populistische Verhalten von Politikern und die Berichterstattung der Massenmedien" (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 26) begünstigt wurde. Die drei von Nicklas/Ostermann vorgeschlagenen Aspekte, welche in einem erwünschten ,multidimensionalen, konfigurativen Erklärungsmodell' mindestens enthalten sein sollten, werden als Bestimmung der Konfliktbasis, der Objektwahl und der handelnden Gruppe benannt.
Die handelnde Gruppe wird von ihnen - m.E. sprachlich schwer verständlich - als ,Formierung des Prozesses, an denen entlang der Prozess der sozialen Kategorisierung verläuft' beschrieben. M.E. müsste auch noch der Aspekt der situativen Einflüsse eingefügt werden, der nur bedingt aus der Konfliktbasis oder der handelnden Gruppe hervorgeht. So ist beispielsweise erwiesen, dass spezifische Gruppensituationen und Alkohol in diesen Ausschreitungsprozessen eine fördernde Rolle gespielt haben (vgl. WILLEMS 1993, S. 99). Über die Darstellung der verschiedenen Erklärungsansätze und der Sondersituation in der ehemaligen DDR hinaus beschreiben Nicklas/Ostermann auf der Basis der Studien der Trierer Autoren Roland Eckert, Helmut Willems und Stefanie Würtz die ,Tätertypen' fremdenfeindlicher Gewalttaten.
"Die Trierer Gruppe hat für den Zeitraum vom 1.1.1991 bis zum 30.4.1992 die Daten aus insgesamt 1.398 polizeilichen Ermittlungsakten zu fremdenfeindlichen Straftaten analysiert. Ferner wurden die Urteilsschriften von 53 Prozessen gegen insgesamt 148 Täter in die Analyse einbezogen." (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 32)
Diese Studie kommt - nach den Angaben Nicklas/Ostermanns - zu folgenden Aussagen:
"Die überwiegende Zahl der Gewalttäter gehört zur Gruppe der Jugendlichen oder Heranwachsenden. Mehr als ein Drittel (36,2%) ist unter 18 Jahre, etwa 90% ist unter 20 Jahre. Älter als 30 Jahre sind nur 4,7%.69
Die übergroße Zahl ist männlich. Der Anteil der Frauen beträgt nur 3,7%. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß der Anteil von Mädchen um so höher ist, je jünger die Täter sind.
Die Täter haben ganz überwiegend einen niedrigen bis mittleren Bildungsabschluß.
Die Arbeitslosenquote ist höher als die der Gesamtheit der Jugendlichen in der Bundesrepublik (allerdings nicht dramatisch).70
Auffällig ist die hohe Kriminalitätsbelastung der Tätergruppe. Polizeiliche Vorerkenntnisse über nicht-politische Straftaten liegen bei 47%, bei den über 25jährigen sogar bei 63% vor." (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 32)
Zu ergänzen ist noch, dass es sich nach Willems nicht um typische Desintegrations- und Deklassierungsopfer handelt, sondern eher um relativ normale Jugendliche, die allerdings bezüglich ihres niedrigen Bildungsstatus und ihrer Zugehörigkeit zu "spezifischen, gewaltaffinen Jugendgruppen und Subkulturen auffallen"; interessant ist, dass "über 90% der analysierten Fälle Gruppendelikte" (WILLEMS 1993, S. 99) sind.
"Ein großer Teil der ermittelten Tatverdächtigen ordnet sich auch selbst verschiedenen jugendlichen Gruppen und Subkulturen zu, seien es rechtsextreme Gruppen, seien es fremdenfeindliche Gruppen wie Skinheads und Hooligans oder sonstige Freizeit- und Musikcliquen. Was die Entwicklung einzelner Gewalttaten angeht, scheinen daher auch insbesondere gruppendynamische Prozesse (auch ein hoher Alkoholmißbrauch) eine starke Rolle zu spielen." (WILLEMS 1993, S. 99)
Darüber hinaus erstellten Eckert, Willems und Würtz aus den Ermittlungsunterlagen vier verschiedene Täterprofile, "die sich in bezug auf ihre politischen Einstellungen und ihr Verhältnis zur Gewalt unterscheiden."71 Sie unterscheiden den ,Mitläufer', den ,kriminellen Jugendlichen (Schlägertyp)', den ,Ausländerfeind' oder ,Ethnozentristen' und den ,politisch motivierten, rechtsextremistischen oder rechtsradikalen Täter'.72 Wiewohl eine "quantitative Bestimmung der vorliegenden Tätertypen ... nur schätzungsweise vorgenommen werden" kann, sind Tendenzen sichtbar:
"Deutlich wird jedoch, daß der rechtsextremistische und politisch motivierte Tätertyp 1 im Vergleich zu den anderen Tätertypen weniger vertreten ist. Wir schätzen seinen Anteil auf insgesamt etwa 10 - 15 Prozent, die Anteile der anderen Tätertypen auf jeweils etwa 25 - 30 Prozent (wobei hier sicherlich Verzerrungen aufgrund polizeilicher Ermittlungsstrategien einzukalkulieren sind)." (WILLEMS 1993, S. 102)
Willems selbst hält das Phänomen der fremdenfeindlichen Gewalt für eine "Mischung von unterschiedlichen Gewaltmotiven", d.h. neben "politischen vor allem rechtsradikalen Motiven und rassistischen Ideologien und Legitimationen von Gewalt spielen auch unpolitische (expressive) Gewaltmotive und Actionorientierungen sowie Protestmotive eine wichtige Rolle". Einend sind offenbar "eher diffuse Gefühle und Vorstellungen einer generellen Bedrohung und Benachteiligung der Deutschen gegenüber Ausländern, insbesondere gegenüber den Asylbewerbern..." (WILLEMS 1993, S. 105).
Nach der Darstellung der Täterprofile benennen Nicklas/Ostermann neun Präventionsstrategien. Zunächst geht es um (1) die Entschärfung des realen Konflikts, dann (2) um die Integration als Aufgabe, (3) Polizeiliche Maßnahmen, (4) Strafrechtliche Maßnahmen, (5) den Abbau von sozialen Kategorisierungen, (6) die Rolle der politischen Eliten, (7) Bevölkerungsreaktionen, (8) Aufgaben in der Jugendarbeit und (9) der Politischen Bildung (NICKLAS/OSTERMANN 1994, Inhaltsverzeichnis). Mit Verweis auf die Gruppenversuche von Sherif verweisen Nicklas/Ostermann zu Recht auf (1) die extern bedingten, gesellschaftlichen Konfliktsituationen, die zu verändern sind. Dies kann nur gelingen, wenn große gesellschaftliche Probleme wie "Arbeitslosigkeit und Wohnungsmangel" (NICKLAS/ OSTERMANN 1994, S. 40) verändert werden. Darüber hinaus (2) mahnen sie Hilfen an, welche "die Zuwanderer zur Integration in die Gesellschaft der Bundesrepublik benötigen" (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 41):
"Integration bedeutet, daß die Einwanderer alle politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Rechte haben wie die Deutschen und diese wahrnehmen können. Der erste Teil dieser Aufgabe ist relativ leicht zu regeln. In zahlreichen Punkten ist diese Gleichstellung schon erreicht, etwa im Sozialversicherungsrecht, aber es fehlt die arbeitsrechtliche und politische Gleichstellung. Hierher gehört auch die Erweiterung der Möglichkeit der doppelten Staatsangehörigkeit in besonderen Fällen, (...). Auch ein Antidiskriminierungsgesetz wie in Großbritannien (Race Relations Act von 1976) wäre denkbar." (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 42)
Interessant - und nicht den Forderungen Allports entsprechend - ist Nicklas/Ostermanns Einschätzung, dass die formale Gleichberechtigung einerseits leichter zu erlangen, andererseits auch nicht so wichtig sei, wie die sozusagen informelle Eingliederung, eine Integration in dem Sinne, dass Zuwanderer die deutschen ,Kulturcodes' in einem solchen Maße beherrschen, dass sie ohne Probleme und damit auch ohne Angst in unserer Gesellschaft handlungsfähig sind. Nicklas/Ostermann leiten außerdem - hier nicht weiter ausgeführte - Strategien für (3) polizeiliche und (4) strafrechtliche Maßnahmen ab und schlagen für den (5) ,Abbau von sozialen Kategorisierungen', für die sie sich hauptsächlich auf Tajfel beziehen, einige Handlungsstrategien vor:
"Die Herstellung von Kontakten zwischen den betreffenden Gruppen. Dabei ist zu bedenken, daß Kontakte auch die Vorurteile verstärken können, aber die Kontakte eröffnen die Möglichkeit, Ähnlichkeiten zwischen der eigenen und der fremden Gruppe wahrzunehmen. Begünstigt wird der Abbau von Vorurteilen, wenn zwei zusätzliche Bedingungen vorliegen: Die Kontakte sollen möglichst zwischen Angehörigen der gleichen sozialen Schicht stattfinden, und ein gemeinsames übergreifendes Ziel sollte vorhanden sein.
Die Individualisierung der Angehörigen der verschiedenen Gruppen. Eine Wirkung der sozialen Kategorisierung besteht darin, daß die Ähnlichkeit der Angehörigen einer Gruppe überbetont wird. Wenn im anderen nicht ,der Türke', ,der Jude', ,der Deutsche' wahrgenommen wird, sondern das Individuum, besteht die Chance des Abbaus von Vorurteilen.
Die Herstellung von überlappenden Kategorisierungen. Eine solche überlappende Kategorisierung entsteht, wenn Jungen nicht nur ,Türken' und ,Deutsche' sind, sondern gemeinsam Angehörige einer Fußballmannschaft." (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 47/48)
Der politischen Bildung und der Jugendarbeit weisen Nicklas/Ostermann dabei die Aufgabe zu, "Konzepte zur Herstellung von Lernsituationen zu entwickeln, die zum Abbau der sozialen Kategorisierung beitragen können" (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 48). Nicklas/Ostermann kritisieren (6) bestimmte Reaktionsweisen der "politischen Elite der neuen Bundesländer", wie jene, die Täter ,belohnende' Räumung der angegriffenen Asylbewerberunterkünfte in Hoyerswerda und Rostock; sie mahnen bei der Bundesregierung eine "klare Position" an (NICKLAS/ OSTERMANN 1994, S. 48). Sie weisen darauf hin, dass es wichtig sei (7), zusammen mit der örtlich-regionalen Bevölkerung gerade in ländlichen Gebieten negativen Bevölkerungsreaktionen vorzubeugen, indem die Bevölkerung bei der Planung von Asylbewerberunterkünften u. ä. miteinbezogen wird. Bezüglich der Präventionsmaßnahmen innerhalb der Jugendarbeit verweisen Nicklas/Ostermann auf eine ,akzeptierende Jugendarbeit'. Hinsichtlich der (9) Aufgaben der politischen Bildung wie der "Entwicklung von Gegenstrategien", verweisen Nicklas/Ostermann insbesondere darauf, "von den heutigen Formen des Rechtsextremismus und der Problemlage, aus der heute die fremdenfeindlichen Ausschreitungen erwachsen"73, auszugehen. Dies bedeute auch, sich mit den Problemen der multikulturellen Gesellschaft auseinanderzusetzen. Einmal mehr verweisen Nicklas/Ostermann auf die neuere sozialpsychologische Forschung:
"Weiter ist es notwendig, daß die neueren Ergebnisse der Sozialpsychologie zur Frage der Vorurteilsbildung, Diskriminierung und Xenophobie Eingang in die politische Bildung finden. Auch hier ist in der deutschen Fachliteratur zur politischen Bildung ein erhebliches Defizit festzustellen. Die genannten Probleme werden in der Regel auf dem Wissensstand von Allport (1954) diskutiert; die neuere Forschung, insbesondere die Theorien der kollektiven Identität und der sozialen Kategorisierung, die Wesentliches beitragen können zum Verständnis interkultureller und interethnischer Konflikte und den daraus folgenden Reaktionen, werden nicht wahrgenommen." (NICKLAS/OSTERMANN 1994, S. 54)
In diesem insgesamt ausgezeichneten Bericht Nicklas/Ostermanns über Situation, Forschungslage und Präventionsstrategien in Bezug auf die Problemfelder ,Rechtsextremismus und Jugendgewalt' vernachlässigen Nicklas/Ostermann m.E. in Bezug auf die Darstellung der Erklärungsansätze noch vier Aspekte, die ich nachfolgend kurz benenne. Die Ausführungen von Nicklas/Ostermann gehen letztlich von der Modernisierungsthese und unausgesprochen von der ,Modernisierungsverlierer'-These aus, Verhalten und Einstellung werden letztlich sozial begründet. Die Frage, ob man jugendlichen Rechtsextremismus primär als ein soziales Problem betrachten muss, wird jedoch in Fachkreisen kontrovers diskutiert. Deshalb stelle ich im Anschluss die beiden Erklärungsansätze von Heitmeyer und Held einander gegenüber; Held entwickelt eine Gegenposition zu Heitmeyer. - Darüber hinaus gehen Nicklas/Ostermann (zweitens) nicht auf mögliche feministische Erklärungsansätze ein, die ansatzweise zu beantworten versuchen, warum vor allem männliche Jugendliche die potenziell gewalttätigen, fremdenfeindlichen Täter sind: Nach dem ,Dominanzkultur' - Ansatz von Birgit Rommelspacher und Christine Holzkamp stellt der Rechtsextremismus, wenn man ihn so wie Heitmeyer definiert, nämlich als eine Kombination der Ideologie der Ungleichheit und der Gewaltakzeptanz zur Lösung gesellschaftlicher Konflikte, m.a.W. eine Ausprägungsform eines Strukturmerkmals unserer "patriarchalen Kultur" dar. "Unterwerfung und Dominanz als gesellschaftliches Grundmuster hinterlassen" folgerichtig "Spuren in psychischen Dispositionen" (REICH 1995, S. 333/334; vgl. ROMMELSPACHER 1993), die zu Gewalt gegenüber Schwächeren, hier den Fremden, greifen lassen. Drittens erörtern Nicklas/Ostermann das ganz spezifische Phänomen der Gewaltbereitschaft nicht. Die Berücksichtigung dieses Aspekts würde m.E. allerdings ihre Deutung eben des Jugendprotestes unterstützen. Ein vierter Aspekt, der mit dem eben genannten eng zusammenhängt, ist die fehlende Analyse situationsspezifischer Gruppenfaktoren, die m.E. als auslösende Faktoren für gewalttätige Prozesse der hier relevanten Art zu betrachten sind.
Im folgenden stelle ich die Ansätze von Heitmeyer und Held einander gegenüber, im Teilkap. II.3.3 wende ich mich dem Problem der Gewaltbereitschaft zu.
Die Erklärungsansätze von Wilhelm Heitmeyer und Josef Held werden hier relativ ausführlich dargestellt, da es mir besonders hervorhebenswert zu sein scheint, dass sich beide Autoren dem Phänomen der gewalttätigen Fremdenfeindlichkeit bzw. des Rechtsextremismus von unterschiedlichen Ansatzpunkten nähern. Heitmeyer (und Hornstein) halten, wie Nicklas/Ostermann, rechtsextreme Anschauungen für ursächlich sozial im weitesten Sinne bedingt. Demgegenüber halten Held (und auch Rajewski) halten Rechtsextremismus für ein Anschauungs- oder Überzeugungsphänomen, das zwar von sozialen Bedingungen tangiert, nicht aber von ihnen verursacht wird.
Heitmeyer74 geht davon aus, dass das Auftreten von Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit bzw. Rechtsextremismus maßgeblich durch unsere aktuellen Lebensverhältnisse bedingt sei. Sein Ansatz ist sozioökonomisch und sozialpsychologisch orientiert, er geht von einer Modernisierungs- und Individualisierungskrise aus. Seiner Auffassung nach (HEITMEYER 1993) überfordern die Modernisierungsprozesse die ohnehin in Bewältigungs-, Verständigungs- und Orientierungsproblemen steckenden, sich entwickelnden Jugendlichen. Die Schattenseiten der ambivalenten Individualisierungsprozesse drücken sich in zunehmenden sozialen, beruflichen und politischen Desintegrationsprozessen75 aus. Die Desintegrationsprozesse sind die Alltagserfahrungen, die sich in den Köpfen eines Teils der Jugendlichen umformen zu Anschlusspunkten für rechtsextreme Einstellungen. Nach Heitmeyer erfolgt dies in folgenden Formen:
Umformung von erfahrener Handlungsunsicherheit in Gewissheitssuche, an die rechtsextremistische Konzepte mit ihren Vorurteilen und durch Stabilitätsversprechen anknüpfen;
Umformung von Ohnmachtserfahrungen in Gewaltakzeptanz, die rechtsextremistische Konzepte mit ihrem Postulat ,Der Stärkere soll sich durchsetzen' legitimieren können;
Umformung von Vereinzelungserfahrungen in die Suche nach leistungsunabhängigen Zugehörigkeitsmöglichkeiten, die rechtsextremistische Konzepte vor allem mit nationaler Zugehörigkeit und Überlegenheitsangeboten bieten.
Demnach verläuft der Weg von Jugendlichen in das fremdenfeindliche oder rechtsextremistische Lager nicht in erster Linie über die Attraktivität von Parolen, die eine Ideologie der Ungleichheit und Ungleichwertigkeit betonen und diese mit Gewalt durchsetzen, sondern über Gewaltakzeptanz, die im Alltag entsteht und dann politisch scheinbar legitimiert wird. Heitmeyer vertritt letzten Endes die These, dass Rechtsextremismus einerseits eine Frucht der Modernisierungsprozesse sei und andererseits aus einem falschen (gesellschaftlichen!) Umgang mit der aus den Modernisierungsprozessen und -folgen entstandenen Angst und Verunsicherung erwächst. Denn die Angst, die Jugendliche in den Rechtsextremismus führt, werde von der Gesellschaft und den Politikern nicht ursächlich ernst genommen und aufgegriffen, sondern pathologisiert. Dies kritisiert Heitmeyer aufs Schärfste, weil die in der Angst und im Rechtsextremismus inhärente Gesellschaftskritik durch die Ausgrenzung rechtsextremistisch gewordener Jugendlicher und ihrer Handlungskonzepte nicht zugelassen werde. Die Protestierenden würden ,pathologisiert', hingegen würden die gesellschaftlichen Strukturen unserer Sozialisationsinstanzen und deren strukturelle Gewalt nicht aufgedeckt, sondern verborgen.76 Er kritisiert die ,Mitte der Gesellschaft', die sie repräsentierenden zentralen Institutionen und Interessengruppen in Wirtschaft, Gewerkschaften, Parteien, Justiz, Polizei und Verfassungsschutz in Bezug auf Ursachen und Lösungsmöglichkeiten des Problems der Fremdenfeindlichkeit. Heitmeyer unterstellt ihnen ein ,Abschirmungsinteresse' an der Aufdeckung der tieferen Gründe für fremdenfeindliche Phänomene sowie ein ,Abdeckungsinteresse', das die politische Lähmung verbergen soll. Dem schließt sich HORNSTEIN 1993 im Grunde an, auch wenn er Heitmeyer kritisiert. Hornstein geht insofern über Heitmeyer hinaus, als er den Ausländerhass und die Fremdenfeindlichkeit im Zusammenhang mit der Veränderung unserer gesamtgesellschaftlichen und weltpolitischen Lage sieht. Mit Heitmeyer sieht Hornstein einen grundsätzlichen Zusammenhang von Rechtsradikalismus und den Lebensverhältnissen in einer hochindustrialisietten, konkurrenzbestimmten kapitalistischen Gesellschaft (HORNSTEIN 1993, S. 9) und ihren politischen Sozialisationsmustern. Ebenso wie Heitmeyer sieht Hornstein einen ,alltäglichen Rechtsradikalismus' als Nährboden für Gewalt und Fremdenhass und rechtsradikale Orientierungen durch zwei Strukturmomente bestimmt, nämlich (1) durch die Ablehnung der Idee der Gleichheit aller Menschen und (2) durch die mehr oder weniger offene Propagierung der Gewalt als Mittel der Lösung gesellschaftlicher Konflikte. Die These vom ,alltäglichen Rechtsradikalismus' lege es nahe, soziale Milieus, also die Lebensverhältnisse von Menschen, nicht nur von Jugendlichen, aufzusuchen und daraufhin zu analysieren, ob und in welcher Weise dort die grundlegenden Orientierungen der genannten Art in einer gleichsam alltäglichen Weise vorkommen. Er hält es nicht für allzu schwierig, die Elemente der beiden Grundorientierungen aufzuspüren: die Ablehnung der Idee der Gleichheit aller Menschen zeige sich gegebenenfalls im Verhältnis von Frau und Mann und im Verhältnis von Erwachsenen zu Kindern. Gewalt als Mittel der Lösung von Konflikten zeige sich in autoritären Umgangsformen in Familie, Schule, gesellschaftlichen Organisationen, sicherlich auch in den Streitkräften. Hieraus sei zu ersehen, wie Vorformen und Dispositionen zu Gewalt entstünden. Mit der Untersuchung Heitmeyers erscheint es Hornstein plausibel, dass es vor allem "die Widersprüchlichkeit der Sozialisation auf der derzeitigen Entwicklungsstufe der industriellen Gesellschaft ist, die in sich zumindest die Tendenz zu Gewalt, Haß, Aggressivität, Ablehnung des anderen als einer möglichen Antwort auf diese Situationen nahelegen" (HORNSTEIN 1993, S. 9).
Heitmeyer und Hornstein gehen also - auf das Individuum bezogen - davon aus, dass der Anschluss Jugendlicher an rechtsextreme Gruppen und Konzepte weniger aus einer ideologischen Überzeugung als aus Hilflosigkeit und Überforderung im praktischen Alltag und aus Mangel an einer Einordung sowohl der eigenen als auch der gesellschaftlichen Lage erfolgt. Zu diesem Ergebnis kommt letztlich auch SCHNABEL 1993, wiewohl er zunächst Heitmeyers quantitative Fragebogenmethodik kritisiert. Weder die Position Heitmeyers und Hornsteins noch die im Anschluss dargestellte von Josef Held und Christine Rajewski lassen sich auf Grund empirischer Befunde verabsolutieren. M.E. sollte zwischen den Motivationen jugendlicher Mitglieder in rechtsextremen Gruppen noch einmal unterscheiden zwischen solchen Jugendlichen, die - entsprechend der Positionen von Held und Rajewski, die im Folgenden dargelegt werden - aus Überzeugung dem harten und ideologischen Kern solcher Gruppen zuzuordnen sind, und - Heitmeyer und Hornstein entsprechend - solchen Jugendlichen, die - mehrheitlich vertreten - in diese Gruppen auf Grund ihrer Sozialisationsbiographie und Langeweileerfahrungen ,geraten'.
Die Gegenposition zum Konzept von Heitmeyer und Hornstein, die Gewalt und Rechtsextremismus als ,soziales Problem' verstehen, sieht Rechtsextremismus primär als politisches, ideologisches Phänomen, das in erster Linie als Gegenentwurf zum demokratischen Verfassungsstaat zu verstehen ist: Nationalismus, Autoritarismus und Rassismus werden hier als Kern des Rechtsextremismus in Deutschland gesehen. Diese Position wird u.a. durch Josef Held (HELD/HORN/LEIPRECHT/ MARVAKIS 1991; HELD 1993) und Christine Rajewsky77 vertreten. Held stellt mit seinen Untersuchungen von 1990 und 1992 (HELD 1993) Heitmeyers ,Desintegrationsthese' in Frage. Held bezieht sich auf empirische Ergebnisse aus dem Projekt ,Internationales Lernen' am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen. Nach vorherigen Datenerhebungen bildeten Held u.a. "zwei Extremgruppen nationalistischer Orientierung. Die eine Gruppe bestand aus den 25% mit den höchsten Nationalismuswerten, die andere aus den 25% mit den niedrigsten Nationalismuswerten" (HELD 1993, S. 9). In der rechtsextremen Gruppe, der ,Natex-Gruppe', waren Real-, Haupt- und Sonderschüler zwar überrepräsentiert, gerade die Jugendlichen der rechtsextremen ,Natexgruppe' schienen aber "eher besser als schlechter in Arbeit und Beruf integriert" zu sein, was als widersprüchlich zu den Annahmen Heitmeyers einzuordnen ist, nach dem "rechtsextreme Jugendliche weniger gut in Arbeit und Beruf integriert sind" (HELD 1993, S. 9). Was rechtsextreme Jugendliche nach Helds Untersuchungen jedoch wesentlich von anderen unterscheide, seien die Unterschiede im "Bild von der eigenen Gesellschaft und der internationalen Situation". Die Jugendlichen empfinden weniger soziale Benachteiligung in der Bundesrepublik auf Grund der Volkszugehörigkeit und des Geschlechts. Für diese Jugendlichen sind Wirtschaftswachstum und politische Selbstbestimmung für ihr Land sehr wichtig, soziale Gerechtigkeit weniger wichtig. Sie sind auch eher der Meinung, dass es "auf der Welt im allgemeinen" und im "Welthandel" im besonderen gerecht zugehe. Über die ,Ausländerfrage' hinaus besteht also nach Held ein umfassendes, eine ,rechtes Weltbild', das offensichtlich nicht aus ungelösten sozialen und gesellschaftlichen Problemen, also nicht aus einer zunächst eher ,unpolitischen' Unzufriedenheit und Unsicherheit erwächst. Held warnt deshalb davor, "politisch rechte Aggression und Gewalt dadurch bekämpfen zu wollen, dass man die rechtsextremen Jugendlichen durch Sozialarbeit von der Straße holt und ihnen Freizeiteinrichtungen und soziale Betreuung anbietet, ohne auf den politischen Hintergrund zu achten." Nach Held wird der "Versuch, die politische Gewalt als soziale Frage zu behandeln" scheitern (HELD 1993, S. 11). Christine Rajewski und Adelheid Schmitz verweisen in diesem Zusammenhang darauf, "daß die von Wilhelm Heitmeyer und Kurt Möller in die Diskussion gebrachte These, daß es angesichts der aktuellen Ursachen und Gefahren eines ,sanften, technoiden Faschismuspotentials' (noch, d.V.) ,keine zeitgemäße antifaschistische Erziehung gibt', dazu geführt (hat, d.V.) daß viele nicht nur die Wirksamkeit historisch-politischer Aufklärung, sondern auch die Notwendigkeit einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus generell in Frage stellen" (RAJEWSKI/SCHMITZ 1992, S. 3). Welkerling/Rajewski ziehen daraus m.E. richtige Konsequenzen für den Unterricht. Sie verweisen nämlich darauf, dass die "Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus (muss) auch die Bereiche des alltäglichen Lebens einbeziehen" muss, "die Geschichte eines identifizierbaren Ortes - möglichst in der eigenen Region, der Stadt, dem Dorf, in dem die Schülerinnen leben - einschließen" sollte, "von konkreten Menschen handeln und - wenn möglich, sogar die Umgebung der SchülerInnen, ihre Familie (...) zum Unterrichtsgegenstand werden zu lassen" und "den Schülerinnen die Möglichkeit geben (soll, d.V.), sich der Geschichte selbst zu nähern" (RAJEWSKI/SCHMITZ 1992, S. 4). Auch Rajewski sieht - hier ähnlich wie Heitmeyer, aber konkreter in Bezug auf die politischen Forderungen, die sie stellt - gesellschaftspolitische bzw. europäische Schwächen der Politik, die sie für einen "Rassismus von oben"78 verantwortlich macht.
SCHNABEL 1993, der eine synoptische Übersicht über empirische Studien zum Thema "Ausländerfeindlichkeit bei Jugendlichen" zwischen 1990 und 1993 erstellte, kritisiert die sowohl in den Studien von Heitmeyer (bis 1992) als auch von Held angewandte quantitative Fragebogenmethodik. Er hält qualitative Interviews für aussagekräftiger. Schnabel legt zum einen dar, dass (wie oben ausgeführt) den Untersuchungen entweder die modernisierungs- bzw. individualisierungstheoretische Forschungstradition oder die Autoritarismustheorien zu Grunde liegen, und er weist zum anderen auf, dass die Ergebnisse der von ihm untersuchten Studien auf Grund der Unzulänglichkeiten der vorherrschend eingesetzten Fragebogenmethodik und der quantitativen Untersuchungen für dieses Forschungsfeld gering seien. Er meint, dass die eingesetzten Skalen und Fragen theoretisch nicht überzeugend hergeleitet und auf ihre empirische Eignung hin nicht geprüft worden seien. So seien die Ergebnisse der Fragebögen und die anschließend erfolgte Interpretation häufig nicht solide. Heitmeyer selbst sei bereits 1992 unter Bezug auf Untersuchungen von 1984 zu dem Ergebnis gekommen, dass sich die Übernahme autoritär-nationalistischer Orientierungsmuster nicht ohne weiteres als Konsequenz aus schwierigen Lebensverhältnissen erklären ließe. Die Erkenntnis, dass der Zusammenhang zwischen objektiver Lebenslage und subjektiven Orientierungsmustern nur vor dem Hintergrund der je individuellen Situation zu verstehen ist, habe Heitmeyer dazu bewogen, das Forschungsparadigma quantitativ orientierter Befragung für weitere Studien zu diesem Themenkomplex zu verlassen. Weiterführende Hinweise über Motive für Rechtsextremismus und Gewaltbereitschaft stammten - nach Ansicht Schnabels - nicht aus groß angelegten Fragebogenuntersuchungen, sondern beispielsweise aus qualitativen Interviews oder aus der Sekundäranalyse der Ermittlungsakten, die übereinstimmend zeigen, dass der Gruppendynamik jugendlicher Freizeitcliquen für die Genese von Gewaltübergriffen weit mehr Bedeutung zukommt als einem - womöglich erst nachträglich konstruierten - ideologischen Überbau. Der ausländerfeindlichen Stimmung unter Jugendlichen bzw. der Bevölkerung komme die mittelbare Funktion zu, in solchen Gruppen eine Stimmung diffuser Legitimität der Gewalt gegenüber Ausländern und Asylsuchenden zu erzeugen; die Entstehung politisch indoktrinierter Jugendgruppen habe mit Langeweile zu tun.
© 2002, Susanne Lin
Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.