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Reinhold Mokrosch stellt einige, seinem Ansatz entsprechende Elemente zur Gestaltung einer Unterrichtseinheit in einer 9./10./11. Klasse vor. Diese Elemente enthalten Unterrichtsvorschläge, die unter folgenden Zielsetzungen für die Schülerinnen und Schüler formuliert werden: (1) das eigene Wertverhalten zu klären und nach eigenen Zentralwerten zu suchen, (2) das Leben in seinen Wertwidersprüchen zu entdecken, (3) zwischen normaler Wertespannung und anormaler Wertediffusion unterscheiden zu können, (4) Personen und Faktoren rechtsextremer, fremdenfeindlicher Gewalt kennen zu lernen, (5) dazu Vorschläge des Bergpredigers zu erarbeiten und (6) schließlich an konkreten Fallbeispielen Wertentscheidungen einzuüben (vgl. MOKROSCH 1994, S. 30-31). Die Unterrichtseinheit ist m.E. überzeugend, aktuell und handlungsorientiert angelegt.
Als Konsequenzen für eine Friedenserziehung, die sich dem Problem des Rechtsextremismus stellt, sollen nach Gugel/Jäger hauptsächlich drei Ebenen in Jugendarbeit, Schule und Unterricht berücksichtigt werden. (1) Das Selbstwertgefühl Jugendlicher, ihre Ich-Identität, soll gestärkt, werden; es sollen (2) Informationen vermittelt werden, welche "die Auseinandersetzung mit Ideologien und Weltbildern" ermöglichen und schließlich sollen (3) Anleitungen "zum praktischen Handeln gegen Ausländerfeindlichkeit, Gewalt etc." gegeben werden; Ziel sei die Erlangung der Erkenntnis der "Achtung und Würde aller Menschen" (GUGEL/ JÄGER 1994, S. 128/129).
In Bezug auf die Gewaltproblematik müssen nach Gugel/Jäger in der friedenspädagogischen Bildungsarbeit konkrete zielgruppenspezifische Ansätze entwickelt werden, die nach Geschlecht und Jugendszenen auszudifferenzieren seien; medienpädagogische Aspekte sollten stärker einbezogen und vielfältige Formen der aufsuchenden Jugendarbeit weiterentwickelt werden. Wie Mokrosch halten auch Gugel/Jäger die Auseinandersetzung mit Werten, für die es sich zu leben lohnt, für eine zentrale Frage in der Entwicklung des eigenen Ichs und einer eigenständigen Identität. Die unterschiedlichen Zielgruppen reflektierend, betonen Gugel/Jäger die Aktivitäten in der Jugendarbeit, die erlebnisorientiert sind und "den Bedürfnissen nach starken Körperreizen und dem Austesten von eigenen Grenzen" entgegenkommen. Wesentlich ist ihnen aber vor allem, dass die "vorhandenen politischen und persönlichen Ängste der Jugendlichen (dürfen) nicht ignoriert oder bagatellisiert werden" (GUGEL/JÄGER 1994, S. 151).
Wesentlich kritischer beurteilt REICH 1995 als eine Vertreterin der (Kritischen) Friedenspädagogik mögliche, umsetzbare pädagogische Strategien gegen Rechtsextremismus, da sie die "Ursachen von Rechtsextremismus und Gewalt so tief in unserer Gesellschaft verwurzelt" sieht, dass "die Kluft zwischen gesellschaftlich verursachten Entwicklungen und pädagogischen Interventionsmöglichkeiten hier fast unüberbrückbar zu sein" (REICH 1995, S. 335) scheint. Sie hält an der kritisch-friedenspädagogischen Annahme der Dominanz gesellschaftlicher Unfriedensstrukturen fest, indem sie fragt, "wie die in unserer Gesellschaft und in das internationale System eingebetteten Strukturen des Unfriedens durch Pädagogik überwunden werden" (REICH 1995, S. 335) sollen. Sich zu Zeiten des Kalten Krieges zu weigern, Schülerinnen und Schülern einsichtig zu machen, "daß immer mehr Waffen den Frieden sicherer machen", schien ihr leichter gewesen zu sein, als friedenspädagogische Strategien gegen rechtsextreme Orientierungen zu entwickeln, welche die "Gewinn erheischenden Plausibilitäten (Wenn die Ausländer nicht mehr nach Deutschland reinkommen, gibt es Arbeitsplätze, mehr Wohnungen, mehr Sozialleistungen u. ä.)" (REICH 1995, S. 335) aufzubrechen. Strategien wie Aufklärung über die NS-Zeit, Überzeugungsarbeit in Bezug auf eine rationale Auseinandersetzung mit ausländerfeindlichen Argumenten sowie das pädagogisch nicht akzeptable Ausgrenzen oder Nichtbeachten rechtsextremistisch sich äußernder Schülerinnen und Schüler wirkten nicht. Sie bezieht sich für Konsequenzen in Bezug auf den Unterricht auf zwei wenig mutmachende Zitate Heitmeyers:
",Wer Fremdenfeindlichkeit zum Thema einer Unterrichtsreihe degradiert, hat den Kampf dagegen schon verloren' und ,Belehrung kommt gegen Erfahrung nicht an'." (REICH 1995, S. 335)
Sie führt als "die richtige Konsequenz für eine Pädagogik (eine solche an, d.V.), die versucht, statt zu belehren auf Erfahrung zu setzen, statt auszulesen Solidarität zu leben, statt Konkurrenz zu fördern Gemeinsamkeiten zu stärken" (REICH 1995, S. 335). Mit der Forderung nach einer anderen Schulkultur83 nimmt sie allerdings die formulierte Schul- und Unterrichtskritik in Teilen zurück, die sie vermutlich so scharf ausdrückt, um die Forderungen nach schulischen Maßnahmen einer "Gegenstrategie zum Rechtsextremismus" um so deutlicher zu akzentuieren. Schule muss die "Ich-Identität und Selbstwertgefühle" stärken, ein "Lebensort", ein Raum für "herrschaftsfreie Kommunikation" sein. Dort soll jeder nach seinen Fähigkeiten gefördert werden, "Kinder verschiedener Herkunft miteinander leben und lernen" können und die Schule "an der Lebens- und Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler" ansetzen. Da die Schule jedoch bildungspolitisch immer stärker unter Gesichtspunkte eines "betriebswirtschaftliche(n) Kosten-Nutzen-Verhältnis" (REICH 1995, S. 335/336) gerate, stünden die Zeichen für eine Veränderung schlecht.
Nicklas/Ostermann verfolgen diese ,klassisch-friedenspädagogische' Linie insofern nicht, als sie unter Hinweis auf die ,neuere sozialpsychologische Forschung' zur Erstellung von Konzepten zur Herstellung von Lernsituationen und zur Entwicklung von Handlungsstrategien auffordern, die zum Abbau vorurteilshafter Kategorisierungen beitragen. Darüber hinaus solle sich die politische Bildung, wie erwähnt, mit den Problemen der multikulturellen Gesellschaft beschäftigen und darauf achten, die Probleme Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus unter dem Gesichtspunkt der neuen Problemlage der Jugendlichen heute zu bedenken.
Susanne Lin-Klitzing
Aus:
Susanne Lin (1999): Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit, mit einem Vorwort von Wolfgang Klafki, in der Reihe: Studien zur Schulpädagogik und Didaktik, hrsg. in Verbindung mit der Kommission Schulpädagogik/Didaktik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DgfE), Band 17, Beltz, Weinheim/Basel, 29-138.
© 2002, Susanne Lin
Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.