Home / Themen / Stereotypen, Vo... / Friedenspädagog... / Der Zusammenhang zwischen Vorurteil und Feindbild
Das Gemeinsame von Vorurteilen, nationalen Stereotypen und Freund-Feind-Mustern sehen Nicklas/Ostermann in ihrer Veröffentlichung von 1976 in der allen dreien innewohnenden Abgrenzungsfunktion (OSTERMANN/NICKLAS 1976, S. 27/28). Für die nationalen Stereotypen gelte, "daß man jeweils diejenigen Eigenschaften hervorhebt, mit denen man bei der Konfrontation mit einem anderen Volk relativ gut abschneidet" (OSTERMANN/NICKLAS 1976, S. 29). Das Freund-Feind-Schema sei letztlich ein dichotomische Vorurteilsmuster, die Einteilung in und die Bewertung von Eigen- und Fremdgruppen, von Freund- und Feindbildern, denen auch die Wahrnehmung und Darstellung politischer und sozialer Ereignisse unterliege. Der Unterschied zwischen nationalen Stereotypen und Feindbildern läge darin, dass nationale Stereotypen positive und negative Eigenschaften verbinden könnten, wogegen die Feindbilder durchweg negativ bewertet würden:
"Im Feindbild sind eine Reihe negativer Vorurteile gebündelt, die gleichsam einem Zwang zur Vereinheitlichung gehorchen und eine differenzierte Beurteilung dessen, der mit dem Etikett Feind oder Freund versehen wird, unmöglich machen." (OSTERMANN/NICKLAS 1976, S. 31)
Ostermann/Nicklas kritisieren, dass die ,Denkschablonen' der ,verzerrten Alltagserfahrung' auf Grund von mangelnder unmittelbarer Erfahrung auf den Bereich der internationalen Politik übertragen werden. Die aus den Alltagserfahrungen übertragene Einteilung nach Freunden und Feinden gibt (den sozial Deformierten) das Gefühl, eindeutige Leitlinien zum Verständnis des politischen Geschehens zu haben. Die entscheidende Denkersparnis liegt in dem vermeintlich gerechtfertigten Verzicht auf Differenzierung: Es gibt nur noch das Feindes- und das Freundeslager, wobei ,der Feind' der individuellen und gesellschaftlichen Aggressionsabfuhr dient und die Eigengruppe stabilisiert (vgl. OSTERMANN/NICKLAS 1976, S. 30ff).
Nach der Analyse von Nicklas/Ostermann liegt unser individuelles, gesellschaftlich-nationales und internationales Hauptproblem in der Kanalisierung von Aggressionen, die jedoch erst durch unsere Gesellschaftsform(en) entstehen. Damit diese Aggressionen nicht der eigenen Gesellschaft schaden, werden sie auf ,den Feind' gelenkt. Eine solche Totalisierung des Freund-Feind-Musters habe nach 1945 mit der ,Zweiteilung der Welt' ihren Höhepunkt erreicht. Dabei sollen nach Senghaas' Verständnis der "autistischen Feindschaft" schließlich die innengerichteten Prozesse die außenorientierten überwiegen, was bedeutet, dass "die Feindbilder ... immer mehr zu innergesellschaftlich erzeugten Vorstellungskomplexen (werden, d.V.), die nur noch wenig Beziehung zu der Realität des als Feind wahrgenommenen Akteurs des internationalen Systems haben". (OSTERMANN/NICKLAS 1976, S. 36)
Konsequent weitergedacht bedeutet dieser Gedankengang, dass für die vorurteilhafte Sicht von Fremdgruppen bzw. für die feindbildhafte Einordnung politischer Gegner letztlich nicht die Realität, sondern innerpsychische Vorgänge den Ausschlag geben. Der Aufbau von ,feindlichen Bildern', Vorstellungskomplexen über die anderen verselbstständigt sich und führt schließlich zu einem Verhalten, das stärker vom eigenen Vorurteils- bzw. Feindbildaufbau bestimmt wird als von der zugänglichen Realität. Dies führt (möglicherweise) zu einem Verhalten, das der Realität nicht angemessen ist. Senghaas verwandte den Begriff der ,autistischen Feindschaft' hinsichtlich des Ost-West-Konfliktes als Begründung für die Eskalation gewaltorientierten Verhaltens zwischen den beiden ehemaligen Supermächten.
Die Darstellung des Themenkomplexes Feindbild in Ostermanns und Nicklas' Buch ,Vorurteile und Feindbilder' zeigt ähnlich wie der Vergleich des konzeptionellen mit dem Materialteil des Themenkomplexes Vorurteile charakteristische Akzentuierungen (vgl. Teilkap. II.2.1.). Es lässt sich in Teilen übertragen, was bereits zum Themenkomplex Vorurteile beschrieben wurde: Im Materialienteil wird auf ein breiteres politologisches und psychologisches Spektrum zurückgegriffen, als zunächst im konzeptionellen Teil ersichtlich wird, beispielsweise auf eine Schulbuchuntersuchung "der in der Bundesrepublik zwischen 1950 und 1969 erschienenen Schulgeschichtsbücher, die vom Frankfurter Friedensforschungs-Institut (Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung) angestellt wurde" (OSTERMANN/NICKLAS 1976, S. 250. Vgl. auch S. 231ff, S. 250ff). Dem kritisch-friedenspädagogischen Interpretationsziel der ,autistischen Feindschaft' steht im Materialienteil beispielsweise zunächst die Aussage entgegen, es müsse "betont werden, daß die nachfolgende Analyse das Vorhandensein von Feinden annimmt" (OSTERMANN/NICKLAS 1976, S. 228).
"Es gibt Feinde; sie sind wirklich vorhanden und füreinander gefährlich, oft besitzen sie die böswilligen Eigenschaften, die man ihnen zuschreibt, und im Laufe ihrer gegenseitigen Beziehung kommt es dazu, daß sie den Vorstellungen immer mehr entsprechen, die sie voneinander haben. In jedem Fall mögen bestimmte Aspekte des Bildes der Wirklichkeit mehr entsprechen als andere, es ist aber schwer, den Grad der Verzerrung zu bestimmen, und jene Verzerrungen, die stattfinden, verstärken den Konflikt und behindern eine gewaltlose Aufhebung der wechselseitigen Feindschaft." (OSTERMANN/NICKLAS 1976, S. 228)
Kurz darauf wird jedoch demgegenüber auf einen "gängigen Feindbildbegriff" (OSTERMANN/NICKLAS 1976, S. 229) abgehoben, der letztlich mit dem Typus des innerpsychisch entwickelten Feindbildes identisch ist, von dem auch im konzeptionellen Teil ausgegangen wird:
"Der gängige Feindbildbegriff, der eine nicht realitätsangemessene Perzeption meint, wäre dann ein engerer Feindbildbegriff, der nur die eine Seite des Kontinuums umfaßt. Eine Definition müßte dann etwa so lauten: Ein Feindbild ist nicht realitätsangemessene Perzeption eines Menschen, einer gesellschaftlichen Gruppe oder eines Akteurs des Internationalen Systems, wobei die Realitätsinadäquanz den Aspekt der Feindschaft betrifft." (OSTERMANN/NICKLAS 1976, S. 229)
Um unangemessene, gewalttätige Eskalationen zu vermeiden bzw. sie erst gar nicht entstehen zu lassen, sollen die vorurteilhaften und feindbildaufbauenden Mechanismen abgebaut werden. Und dies soll theoretisch - wie bereits erwähnt - nach Nicklas/Ostermann über die Thematisierung der individuellen und gesellschaftlichen Funktionen von Vorurteilen und Feindbildern, nicht von einzelnen Vorurteilen bzw. Feindbildern geschehen. Über einen solchermaßen angestrebten Abbau des dichotomischen Vorurteils- und Freund-Feind-Mechanismus soll letzten Endes eine Wahrnehmung der Wirklichkeit erreicht werden, die das Fremde nicht mehr als Bedrohung empfindet. Diese Analyse des Feindbildes im Bereich der internationalen Politik - hier noch bezogen auf den Ost-West-Konflikt, integriert in eine Kritik der Sicherheitspolitik der NATO bzw. der USA - läuft letztlich auf die Annahme hinaus, dass das - in diesem Falle antikommunistische - Feindbild nichts mit dem realen Feind zu tun habe und eine Veränderung der weltpolitischen Situation maßgeblich durch einen Feindbildabbau erwirkt werden könne. Demgegenüber relativiert Anne Katrin Flohr in ihrer soliden und ausgewogenen Untersuchung über "Die Bedeutung von Feindbildern in der internationalen Politik" (FLOHR 1991) in angemessener Weise die Bedeutung von Feindbildern, ohne deren Beeinflussung durch außen- und auch innenpolitische Prozesse zu leugnen. Flohr ordnet die Frage nach der Bedeutung von Feindbildern in der internationalen Politik in den Rahmen der sozialpsychologischen Forschung nach dem Zusammenhang von Einstellungen und Verhalten ein (vgl. FLOHR 1991, S. 5). Ähnlich des bereits in Kap. II.1.9. dargestellten problematischen Zusammenhangs von Einstellung (hier wäre jetzt das Feindbild gemeint) und Verhalten (dieses würde sich auf das konkrete außenpolitische Handeln beziehen) stellt Flohr "in Anwendung dieser allgemeinen sozialpsychologischen Erkenntnisse auf die Bedeutung von Feindbildern als Faktoren internationaler Politik" fest, dass eindeutige "Kausalzusammenhänge zwischen Feindbildern und außenpolitischem Handeln (...) kaum zu eruieren" sind (FLOHR 1991, S. 6). Feindbilder im Bereich der internationalen Politik sind nach Flohr als eine Einflussgröße neben anderen, beispielsweise "bürokratische Mechanismen, Interessenlage des Staates, objektive Informationen, Ideologie etc." aufzufassen (FLOHR 1991, S. 6/7). Dennoch weist sie darauf hin, dass politische Feindbilder sowohl "aktuelle Beziehungen zwischen Staaten(gruppen) negativ beeinflussen" und sie "durch Manipulation (...) als ,Enthemmungsdroge' genutzt werden" als auch bilaterale Beziehungen langfristig beeinträchtigen können, "da sie über Generationen hinweg tradiert und bei Bedarf wiederbelebt werden können" (FLOHR 1991, S. 8/9). Ähnlich wie in der sozialpsychologischen Vorurteilsforschung wurde in der Feindbildforschung der amerikanischen Politikwissenschaft, "die den psychischen Grundlagen außenpolitischer Entscheidungsprozesse verstärkte Aufmerksamkeit" zuwandte, zunächst persönlichkeitsorientierten Konzepten wie Adornos Theorie der ,autoritären Persönlichkeit' gefolgt, die aber durch psychologische Ansätze ,abgelöst' wurden, die sich stärker wahrnehmungs- und kognitionspsychologisch orientierten (FLOHR 1991, S. 9/10). Flohr diskutiert u.a. die auch schon bei der Gegenüberstellung der sozialpsychologischen und kritisch-friedenspädagogischen Vorurteilserklärung relevante Frage, "ob die Unterscheidung von Entstehungsbedingungen und Funktionen von Feindbildern den realen Gegebenheiten gerecht wird: Sind nicht die Funktionen von Feindbildern letzte Ursachen ihrer Entstehung? Gäbe es überhaupt Feindbilder, wenn sie nicht wichtige Funktionen erfüllten?" (FLOHR 1991, S. 16) Flohr kommt zu dem Ergebnis, dass an der Entstehung von Feindbildern "vielfältige individuelle und gesellschaftliche Faktoren" (FLOHR 1991, S. 16) beteiligt sind. Sie erklärt dementsprechend die Existenz von Feindbildern nicht monokausal, "etwa durch den Hinweis auf ,falsche Erziehungspraktiken' oder vermeintliche ,Charakterschwächen'" (FLOHR 1991, S. 16) und hält die These für begründet, dass Feindbilder "ein Konglomerat realer und irrealer Komponenten sind" (FLOHR 1991, S. 17). Dementsprechend können die in Verbindung mit den Feindbildern stehenden Bedrohungsvorstellungen "vollständig berechtigt, z.T. berechtigt oder ohne jede reale Grundlage sein..." (FLOHR 1991, S. 31).
"Bedrohung kann auf unterschiedlichen Gebieten wahrgenommen werden: auf militärischem, ökonomischem, ideologischem, technologischem, kulturellem usw. Die Existenz eines subjektiven Bedrohungsgefühls, ob berechtigt oder nicht, unterscheidet das Feindbild vom Gegnerbild." (FLOHR 1991, S. 31)
Flohr unterscheidet Feindbilder, "die eine adäquate Antwort auf reale Bedrohung sind", von solchen, "die überhaupt keinen Realitätsbezug besitzen"; häufig hätten Feindbilder jedoch "einen ,realen Kern', der dem tatsächlich vorhandenen Konfliktpotential zwischen zwei Gegnern entspricht" (FLOHR 1991, S. 34). In Bezug auf den ehemaligen Ost-West-Konflikt weist sie darauf hin, dass dieser "auf einem realen und tiefgreifenden Interessenkonflikt (basierte, d.V.), der sich nicht völlig auf verzerrende Wahrnehmungsmuster oder Mißverständnisse zurückführen lässt"; (...) "sein Fundament (ist, d.V.) doch in den gegensätzlichen ideologischen Überzeugungen zu suchen" (FLOHR 1991, S. 35). Flohr unterscheidet mit Frei "zwischen den ,primären Ursache-Wirkungsbeziehungen' eines Konflikts, d.h. den gegensätzlichen ideologischen Wertvorstellungen, und den ,sekundären Folgen', d.h. der Eigendynamik von Rüstung und Feindbildern" (FLOHR 1991, S. 35). Die Funktionen von Feindbildern beschreibt sie - und hier lassen sich Ähnlichkeiten zu Nicklas/Ostermann´schen Annahmen entdecken - auf unterschiedlichen Ebenen, nämlich in der individuellen, der sozialen und der politischen Dimension. Für die individuelle Ebene beschreibt sie als deren Funktion die Reduktion sozialer Komplexität, die Identitätsfindung und - stabilisierung und die Aggressionskanalisierung; für die soziale Dimension die Bildung und Erhaltung von Gruppenkohäsion und Aggressionskanalisierung. Auf der politischen Ebene führt das zu einer Legitimierung von Kriegsführung und Aufrüstung, zu funktionaler Systemstabilisierung und Diffamierung innenpolitischer Gegner (vgl. FLOHR 1991, S. 114-136). Sie berücksichtigt in ihrer Analyse, dass "Feindbilder ... für den einzelnen und die Gesellschaft" wichtige Funktionen erfüllen und zur Feindbildreduzierung mehr geboten werden muss "als gutgemeinte Appelle zum Abbau von Feindbildern" (FLOHR 1991, S. 16). So beschließt sie auch ihren Beitrag zur Untersuchung von ,Feindbildern in der internationalen Politik' damit, "daß neben einer der Aufklärung verpflichteten politischen Bildung und zufriedenstellenden subjektiven Lebensverhältnissen in erster Linie die Regulierung oder gar Lösung internationaler Konflikte den dauerhaften Abbau von Feindbildern bewirken" (FLOHR 1991, S. 137/138).
© 2002, Susanne Lin
Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.