Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Friedenspädagogische Vorurteilsforschungsrezeption

Susanne Lin

Nach den fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda (9/91), Rostock-Lichtenhagen (8/92), Mölln (11/92) und Solingen (5/93), also nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes stellt sich für die Friedensforschung, die Friedenspädagogik und die Friedensbewegung jene Frage neu, die der Friedensforscher Dieter Senghaas schon 1970 so nachdrücklich stellte, nämlich wie denn "eine Erziehung zum Frieden in einer Welt organisierter Friedlosigkeit überhaupt denkbar und möglich" sei (SENGHAAS 1970, S. 158). Zwar haben sich die maßgeblichen Vorzeichen und damit auch die angenommene ,Organisiertheit' der Friedlosigkeit, die Senghaas damals unterstellte, verändert30: Die Blockkonfrontation und der auf Grund der Rüstungsspirale potenziell drohende nukleare Austrag eines Krieges zwischen den beiden Supermächten, der USA und der damaligen Sowjetunion, sind überwunden, die Weltsituation eine andere - nach wie vor jedoch existiert das Prinzip, Konflikte mit Gewalt auf internationaler, nationaler/gesellschaftlicher, Gruppen- und auch individueller Ebene zu ,lösen'.31 - Welchen Beitrag die Friedenspädagogik bzw. die Friedenserziehung insbesondere zur Erforschung und Veränderung von Vorurteilen und Diskriminierungen als einer Form kollektiver Aggressionen gegenüber in Deutschland lebenden fremden Menschen erbringt - dies kann zwar nicht in Form einer allgemein anerkannten Theorie ,der' Friedenserziehung beantwortet werden. Im Rahmen kontinuierlicher, friedenspädagogischer Bemühungen ist aber durchaus ein Grundbestand an friedenserzieherischer Theoriebildung, praktischer Erfahrung und Problem- und Handlungsfeldbestimmungen32 erwachsen; dies soll im folgenden hauptsächlich anhand der Konzeptionen der Mitarbeiter des Tübinger Vereins für Friedenspädagogik, Günther Gugel und Uli Jäger, und der früheren Kritischen Friedenspädagogik33 - maßgeblich von Änne Ostermann und Hans Nicklas vertreten - dargestellt werden. Die Konzeption der früheren Kritischen Friedenspädagogik ist insofern besonders relevant, da Nicklas/Ostermann sich bereits seit Jahrzehnten mit dem Themenkomplex Vorurteile beschäftigt haben.
Günther Gugel geht in seinem Buch "Ausländer, Aussiedler, Übersiedler" (GUGEL 19913/5) der latenten und manifesten Fremdenfeindlichkeit in Deutschland nach.34 Als Motive für die Ablehnung von Ausländern, Asylbewerbern, DDR-Übersiedlern und Aussiedlern gibt er Sozialneid, Überfremdungsangst und Konkurrenz um Arbeitsplätze und Wohnraum (GUGEL 19913/5, S. 10) an. Ca. ein Drittel der deutschen Bevölkerung sei nach Meinungsumfragen ausländerfeindlich. Eher davon ,betroffen' seien ältere Mitbürger, Personen mit niedrigem Bildungsniveau, Personen ohne Kontakte oder mit Zwangskontakten zu Ausländern, wirtschaftlich Unzufriedene und politisch konservativ Eingestellte (GUGEL 19913/5, S. 12).
Gugel geht davon aus, dass es neben einer äußeren Verunsicherung, einer dementsprechend wahrgenommenen ,Bedrohung' durch Ausländer als soziale Konkurrenten auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt und auf Grund sozialen Neides durch die ,ausländische' Inanspruchnahme von Sozialleistungen auch eine innere Verunsicherung gäbe. Diese läge in der Infragestellung eigener, gültiger Werte und Normen, bisheriger Gewohnheiten und Lebensweisen (GUGEL 19913/5, S. 135). Gegen diese Bedrohung und die aufkommende eigene Angst wehre man sich dadurch, dass Ausländern Minderwertigkeit zugeschrieben wird; man verschafft sich damit vermeintlich eine Legitimation für die Diskriminierung. Hier liegt also ein psychodynamischer Erklärungsansatz vor. Ausländer würden zum Gegner (vgl. GUGEL 19913/5, S. 135-137). Gugel führt als subjektiven Gewinn für den Einzelnen, der solchen Meinungen anhängt, an, dass er oder sie dadurch von seinen eigenen Unzulänglichkeiten ablenke, sich nicht mit den eigentlichen gesellschaftlichen Problemen befasse und sich außerdem eine zusätzliche Erhöhung des eigenen Sozialprestiges verschaffe (GUGEL 19913/5, S. 136).
In diesem Zusammenhang führt Gugel im Kapitel "Die Angst vor ,dem Fremden'"(GUGEL 19913/5, S. 133-143) verschiedene Ansätze auf, die das Phänomen ,Vorurteil' näher erläutern sollen. Er beschäftigt sich sowohl mit Fragen nach der Entstehung von Vorurteilen - er führt dazu allerdings als psychologische Mechanismen nur die Verdrängung, Projektion und Rationalisierung (GUGEL 19913/5, S. 138/139) an, also psychoanalytische/dynamische Annahmen, auf die zum Abschluss dieses Kapitels konkret eingegangen wird - als auch nach deren Bedeutung und Funktion für den Einzelnen und gesellschaftliche Gruppen. Gugel35 stellt als Funktionen von Vorurteilen folgende heraus: Vorurteile haben eine (1) Ordnungs- und (2) Stabilisierungsfunktion. Mit ihnen finde zum einen eine Reduktion von Komplexität statt und zum anderen eine Stabilisierung für das eigene Ich und das Gruppenzusammengehörigkeitsgefühl. Sie dienten der eigenen (3) Angstabwehr und der (4) Aggressionsabfuhr durch gesellschaftlich gebilligte Aggressionsobjekte, sie könnten politisch und wirtschaftlich als (5) Manipulationsinstrumente genutzt werden und bewirkten eine (6) Anpassung an herrschende Gruppen und Gruppenmeinungen (GUGEL 19913/5, S. 139).
Vergleicht man Gugels Zusammenstellung mit den bereits dargestellten Ergebnissen der sozialpsychologischen Theorien, so lassen sich Übereinstimmungen feststellen. Die ,Vorurteilsfunktion' der unterstellten Komplexitätsreduktion der Wirklichkeit stimmt mit den Ergebnissen der kognitiven Theorie überein, die eben dies zunächst ,wertfrei' konstatiert; ,wertfrei' insofern, als eine Komplexitätsreduktion auch in der Kategorisierung nicht-sozialer Reizmaterialien festgestellt wurde. Die Stabilisierungsfunktion wird ebenfalls durch eine sozialpsychologische Theorie, nämlich die ,Theorie der sozialen Identität' von Henri Tajfel, bestätigt. Die geleistete Angstabwehr und auch die Aggressionsabfuhr durch Vorurteile können nur durch psychodynamische Annahmen erklärt werden. Sie werden von Gugel offensichtlich favorisiert, da als ,psychologische Mechanismen des Vorurteils' auch ausschließlich psychodynamische, nämlich die Verdrängung, Projektion und Rationalisierung in Frage kommen (GUGEL 19913/5, S. 138/139). In W. Stroebes integriertem Erklärungsansatz zur Entstehung von Stereotypen und Vorurteilen wird demgegenüber der psychodynamische Erklärungsansatz nicht als notwendig erachtet. Da die psychodynamischen Annahmen zudem empirisch nur schwer belegbar sind, nimmt Stroebe sie in seinen Ansatz nicht mit auf. Ob Vorurteilsopfer eine gesellschaftlich gebilligte Aggressionsabfuhr darstellen, die politisch und wirtschaftlich genutzt werde, ist mithilfe der sozialpsychologischen Theorien nicht beurteilbar. Dass durch Vorurteile eine Anpassung an herrschende Gruppen und Gruppenmeinungen geleistet werde (eine Funktion der ,Stabilisierung'), stellt in Bezug auf Vorurteile keine zwangsläufig negative Beurteilung dar, denn diese ,Anpassungsleistung' kann auch durch nicht ,vorurteilsbehaftete' Einstellungen erfolgen.
Über "psychologische Mechanismen" und die "Funktion und Opfer von Vorurteilen" hinaus (GUGEL 19913/5, S. 138/139) stellt Gugel verschiedene Erklärungsmuster zur Entstehung von Vorurteilen und deren Kritik dar: (1) Biologische Erklärungsmuster, (2) alltägliche Rechtfertigungsversuche, (3) persönlichkeitsorientierte Erklärungsmodelle, (4) gruppensoziologische Erklärungen und einen (5) politologisch orientierten Ansatz (GUGEL 19913/5, S. 141/142).
Den (1) biologischen Ansatz, der Fremdenfeindlichkeit als "natürliche, quasi angeborene Eigenschaft, auf bestimmte Merkmale von Fremden zu reagieren (Fremdheit, Anzahl)" (GUGEL 19913/5, S. 141) versteht, kritisiert er insofern, als dieser den Menschen instinktmäßig darauf festlege, negativ auf bestimmte Merkmale von Fremden zu reagieren. Der Mensch werde dementsprechend nicht als offenes, lernfähiges Wesen gesehen (GUGEL 19913/5, S. 142).
In den (2) "alltäglichen Rechtfertigungsversuche(n)"36 würde die eigene Vorurteilshaftigkeit damit begründet, dass Vorurteile im Kern eine wahre Aussage machten und eine Folge persönlicher Erfahrungen seien (GUGEL 19913/5, S. 142). Dies wird innerhalb der Gugel´schen Zusammenstellung unter der Rubrik ,Kritik' zurückwiesen, da Vorurteile "häufig einfach falsch" und "ohne jeden wahren Kern" seien und Menschen "Vorurteile gegenüber Menschengruppen" hätten, "mit denen sie noch nie Kontakt hatten" (GUGEL 19913/5, S. 141). "Persönlichkeitsorientierte Erklärungsmodelle"37 (3) machen Erfahrungen in der frühen Kindheit dafür verantwortlich, dass "religiöse oder ethnische Diskriminierung anderer zur eigenen Stabilität benötigt" (GUGEL 19913/5, S. 141) werde (vgl. ,autoritärer Charakter'). Gugel weist hier kritisch darauf hin, dass das soziale Verhalten zu sehr aus den Persönlichkeitskomponenten abgeleitet werde (GUGEL 19913/5, S. 141). Andererseits kritisiert er gruppensoziologische Ansätze (4), die Vorurteile als Ausdruck der Konkurrenz um wirtschaftliche und politische Macht, knappe Güter und das Sozialprestige sehen, dahingehend als unzureichend, als Vorurteile und Diskriminierungen auch gegenüber solchen Gruppen bestünden, die sich nicht in einer Konkurrenzsituation zur eigenen Gruppe befänden, so z.B. gegenüber Sinti und Roma.38
Ebenso unzureichend sei der Politikansatz (5), der staatliche Maßnahmen, welche die Rechte der Ausländer einschränkten, für Vorurteile gegenüber Fremden verantwortlich mache, denn schließlich würden sich nicht alle Teile der Bevölkerung ausländerfeindlich verhalten. Die einzeln aufgelisteten Ansätze39, die sich z.T. mit den dargestellten sozialpsychologischen Ansätzen vergleichen lassen, werden leider nicht miteinander kombiniert.
Aus sozialpsychologischer Sicht wäre zu den genannten Ansätzen folgendes zu ergänzen bzw. infrage zu stellen: Nach lerntheoretischen und auch kognitiven Annahmen sind Vorurteile nicht "häufig einfach falsch" (GUGEL 19913/5, S. 141). Sie können beispielsweise in der heutigen Zeit falsch sein, aber insofern durchaus ,wahre Kerne' haben, als sie Erfahrungen - z.B. soziale Unterschiede - aus vergangenen Zeiten spiegeln, die heute aber kausal nicht mehr richtig interpretiert werden. Sozialisations/lerntheoretische Annahmen werden in der Gugel´schen Auflistung grundsätzlich vernachlässigt. Ebenso gibt es Vorurteile, die durch persönliche Erfahrungen (allerdings erst) bestätigt wurden, da die Informationsaufnahme und Erfahrungseinordnung durch das Vorurteil bereits gesteuert wird. Hier befinden wir uns in einem sich bestätigenden ,Teufelskreis', der sich nicht dadurch überwinden lässt, dass persönliche Erfahrungen als nicht glaubwürdig beurteilt werden, wenngleich ohne Zweifel - auf Grund lerntheoretischer Annahmen - Stereotypen und Vorurteile als gesellschaftlich gelernt begriffen werden können. Der gruppensoziologische Ansatz ist im Rahmen der Konflikttheorie abgehandelt worden und weist seine empirische Berechtigung auf; das politikorientierte Erklärungsmodell ist in die Erklärungen der sozialen Lerntheorie40 einzuordnen und wird insbesondere in den Forderungen Allports reflektiert.
Auch Gugels tabellarische Darstellung der Ansätze und deren Kritik zeigt zum einen, dass das Phänomen des Vorurteils nicht eindimensional, mit einem theoretischen Ansatz, erklärt werden kann, sondern dass verschiedene Faktoren am Entstehungsprozess von Vorurteilen beteiligt sind. Vorurteile werden hier allerdings immer im Zusammenhang mit Diskriminierungen gesehen. Zum anderen weist auch Gugel darauf hin, dass bislang in der friedenspädagogischen Auseinandersetzung mit Vorurteilen noch kein integrierter Ansatz vorgelegt wurde, der die verschiedenen Entstehungsdimensionen des Vorurteils umfasst und die Faktoren beschreibt, die zur Diskriminierung führen. Dies entspricht - abgesehen von Stroebes integriertem Ansatz (!) - der gängigen Vorurteilsforschungsrezeption, die auch in neueren Erscheinungen zu Ursachen von Fremdenfeindlichkeit fortgeschrieben wird. Auch in dem kenntnisreichen Beitrag Rainer Erbs "Die Diskriminierung von Minderheiten - Wie entstehen Vorurteile?" (ERB 1995) heißt es:

"Eine theoretische Integration der vorgestellten Theorien gibt es nicht, weder innerhalb der beteiligten Fächer noch über die Disziplingrenzen von Psychologie und Soziologie hinweg." (ERB 1995, S. 24)

Den Integrationsansatz von W. Stroebe kennt auch dieser Autor offensichtlich noch nicht.

© 2002, Susanne Lin

Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.

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