Home / Themen / Stereotypen, Vo... / Sozialpsycholog... / Definitionen
In der Terminologie der Sozialpsychologie als einer Disziplin innerhalb der Psychologie wird das Vorurteil definitorisch eng mit dem Stereotyp verknüpft.
Das Vorurteil ist ein emotional negativ oder positiv bewertetes Stereotyp5 gegenüber Mitgliedern von Eigen- und Fremdgruppen, beispielsweise von Frauen gegenüber Frauen (Eigengruppe) oder aber von Frauen gegenüber Männern (Fremdgruppe), beispielsweise von Deutschen über sich selbst oder von Deutschen gegenüber Türken. Meinungen über Fremd- bzw. Außengruppen sind in der Regel negativer als jene über die Eigengruppe und werden als Vorurteil häufig von feindseligen Emotionen begleitet.
Die Mischung aus Meinung (Stereotyp) und Gefühl (negative oder positive Bewertung) gegenüber sozialen Gruppen nennt man dann Vorurteil (Einstellung). Zur Verdeutlichung formulierte ich den Zusammenhang noch einmal umgekehrt: Einstellungen (Meinung und gefühlsmäßige Bewertung) gegenüber sozialen Gruppen (= Vorurteile) beruhen konstitutiv auf Stereotypen (Meinungen) über Gruppen. Jene Stereotypen (Meinungen) wiederum beruhen auf Zuschreibungen von Komplexen von Eigenschaften und Charakteristika zu bestimmten abgrenzbaren Kategorien, in diesem Fall zu sozialen Gruppierungen bzw. zu einzelnen Personen auf Grund ihrer Zuordnung zu bestimmten Gruppen. Ein (gängiges) Stereotyp wäre beispielsweise die folgende Zuschreibung der Eigenschaft ,fleißig' auf eine kategorial abgrenzbare Gruppe, in diesem Fall die deutsche Nation: ,Die Deutschen sind ein fleißiges Volk'.6 Diese Meinungen über eine bestimmte Gruppe können von verschiedenen Personen nun mehr oder weniger stark und überzeugt vertreten werden, je nachdem wie sicher man sich der Zuschreibung einer bestimmten Eigenschaft zu einer bestimmten Gruppe ist (vgl. STROEBE 1988, S. 493). Stereotypen sind nach W. Stroebe "die von einer Gruppe geteilten impliziten Persönlichkeitstheorien hinsichtlich dieser oder einer anderen Gruppe" (STROEBE 1980, S. 97).
"Dabei sind zwei Kennzeichen dieser Definition wichtig: einmal, daß die Theorien von einer Gemeinschaft von Individuen geteilt werden, und zum anderen, daß es Theorien über die Persönlichkeitseigenschaften einer ganzen Gruppe von Menschen sind. Zum Beispiel: ,Sie arbeiten alle schwer' oder ,wir sind alle ganz schön clever' (daraus wird auch deutlich, daß soziale Stereotypen nicht notwendigerweise negativ sind)." (STROEBE 1980, S. 97)
Stereotypen sind also Gruppenmeinungen - nach Stroebe ,implizite Persönlichkeitstheorien' über Eigen- und Fremdgruppen -, Vorurteile sind die gefühlsmäßig bewerteten Stereotypen gegenüber sozialen Gruppen.
© 2002, Susanne Lin
Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.