Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Die Vorurteilsforschung: Teil der Einstellungforschung

Susanne Lin

Vorurteilsforschung wird in der Sozialpsychologie im Rahmen der übergeordneten Einstellungsforschung betrieben. Stereotypen und Vorurteile stellen hier Untergruppen von Meinungen und Einstellungen dar. Das Konzept der Einstellung ist auf Grund seiner Relevanz für die Psychologie sehr gut untersucht, da die Psychologie sich mit Verhaltensvorhersagen beschäftigt und Einstellungen als Prädikatoren für das Verhalten angenommen werden.20 Die sozialpsychologischen Konzepte zur Entstehung und Veränderung von Einstellungen stellen also das theoretische Grundgerüst der Vorurteilsforschung dar. Vorurteile gegenüber bestimmten Menschengruppen werden als Einstellungen gegenüber bestimmten Einstellungsobjekten definiert. Ob Vorurteile und Diskriminierungen, Einstellungen und Verhalten, jedoch tatsächlich in einem so eindeutigen Zusammenhang stehen, dass für eine Veränderung von gewalttätigem Verhalten gegenüber Fremden sinnvollerweise mit einer Veränderung der dafür verantwortlich gemachten Einstellungen begonnen werden muss, soll im folgenden im Rahmen der Vorstellung von Ergebnissen der Einstellungsforschung zum Zusammenhang von Einstellung und Verhalten und Einstellungsänderungstheorien problematisiert werden.
Vorurteile/Einstellungen und Diskriminierungen/Verhalten

Unterstellt man einen direkten und linearen Zusammenhang von Vorurteilen und Diskriminierungen - von Einstellungen und Verhalten -, so erscheint es notwendig, Stereotypen und Vorurteile zu verändern, um möglichen Diskriminierungen von Fremdgruppen vorzubeugen. Ein solch direkter Zusammenhang von Vorurteilen und Diskriminierungen bzw. von Einstellungen und Verhalten lässt sich in empirischen Untersuchungen allerdings nur begrenzt belegen. Häufig zeigten nämlich Versuchspersonen trotz starker Vorurteile keine diskrimierenden Verhaltensweisen, wogegen, die keine Vorurteile zu haben schienen, sich diskriminierend verhielten. Auf dieses Problem stieß die sozialpsychologische Forschung bereits in den 30er-Jahren durch die gemeinsamen Reiseerfahrungen eines chinesischen Ehepaares und des Sozialpsychologen R.T. LaPiere in den USA. Jedoch wurden diese Erfahrungen erst ab den 60er-Jahren sozialpsychologisch intensiver reflektiert.

"In den Jahren 1930 bis 1932 reiste LaPiere mit einem jungen chinesischen Ehepaar kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten. Die Gruppe übernachtete anstandslos in 66 Hotels oder Gasthäusern und speiste in 184 Restaurants und Imbißstuben. LaPiere, der aus Meinungsumfragen wußte, daß (zu dieser Zeit) extreme Vorurteile gegenüber Asiaten weit verbreitet waren und der deshalb die gemeinsame Reise mit schlimmen Befürchtungen angetreten hatte, war von der allgemeinen Freundlichkeit derart verblüfft, daß er einige Zeit später alle besuchten Hotels und Gaststätten anschrieb und fragte, ob sie Chinesen als Gäste akzeptieren würden. Von den 128 Antworten, die er erhielt, waren 92% Ablehnungen und nur eine Antwort mit einer klaren Zusage." (STROEBE 1980, S. 167)

Aus diesem Beispiel lässt sich einerseits schließen, dass Einstellungen (Vorurteile) tatsächlich als Prädikatoren für Verhalten betrachtet werden können: Auf Grund ihrer Einstellung gegenüber Chinesen erteilen die Hotel- und Gaststättenbesitzer den potenziellen Gästen eine Absage. Andererseits wird das tatsächlich gezeigte Verhalten offensichtlich von erheblich mehr Faktoren als der konkreten Einstellung beeinflusst, denn de facto haben LaPiere und das befreundete chinesische Ehepaar ohne Probleme in eben diesen Hotels, die ihnen im Nachhinein eine schriftliche Absage erteilten, essen und übernachten können. Ein ausschließlicher und direkter Zusammenhang von Einstellungen und Verhalten ist offensichtlich so nicht gegeben. Es muss also nach weiteren, das Verhalten der Menschen beeinflussenden Faktoren gesucht werden. Einstellungen sind offenbar immer dann sehr unbefriedigende Verhaltensprädikatoren, wenn starke situationale Zwänge individuelles Verhalten nahezu unmöglich machen (vgl. Situationale Einflussfaktoren, in: STROEBE 1990, S. 166ff). Für diesen Zusammenhang ist das wohl bedeutendste und umfassendste Modell zu nennen, das mehr Aspekte als nur das der Einstellung in Bezug auf die Ausführung eines Verhaltens berücksichtigt, nämlich die ,Theorie des überlegten Handelns' von Fishbein & Ajzen (1975, in: STROEBE 1990, S. 166). Hier werden nämlich die Konzepte Einstellung, Meinung, Verhaltensabsicht und Verhalten in einem allgemeinen Einstellungs-Verhaltensmodell zusammengefasst, das die Komponente der subjektiven, sozialen Norm als zentralen Faktor enthält. Wesentlich für die Ausführung eines Verhaltens ist nach diesem Modell die Verhaltensabsicht, die wiederum durch die Einstellung zu diesem Verhalten und die subjektive Norm beeinflusst wird. Die Einstellung zum Verhalten in einer bestimmten Situation hängt von der Meinung des Akteurs über die Erreichbarkeit bestimmter Ergebnisse durch das Verhalten und die Bewertung dieser Ergebnisse ab. Ist beispielsweise die Verhaltensabsicht vorhanden, einen Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim auszuführen, ist die Erreichbarkeit der damit verbundenen Ergebnisse wichtig. Nehmen wir an, die Zielsetzung eines solchen Brandanschlages sei folgende: Die Asylbewerber sollen geschädigt und möglicherweise von diesem Ort vertrieben werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass durch eine solche Handlung, nämlich den Brandanschlag, die erwarteten Ergebnisse eintreten, und dies wird von demjenigen, der einen solchen Anschlag auszuführen gedenkt, natürlich als erstrebenswert angesehen. Neben der daraus resultierenden Einstellung zu diesem Verhalten ist die subjektive Norm relevant, also der ,soziale Druck', den die Person dabei empfindet, ein solches Verhalten auszuführen oder zu unterlassen. Jene subjektive Norm wird durch zwei weitere Komponenten bestimmt, nämlich zum einen durch normative Überzeugungen, also durch das, was wichtige Bezugspersonen für richtig halten, und zum anderen durch die subjektive Motivation, sich entsprechend der Erwartungen anderer (der jeweiligen Bezugsgruppe) zu verhalten (vgl. STROEBE 1990, S. 167). Die normativen Überzeugungen könnten bei einem solchen Akteur geprägt sein durch Eltern, Arbeitskollegen, die peer-group, den Freundeskreis, möglicherweise eine rechtsextrem orientierte Bezugsgruppe. Je nachdem, wie diese Personen zu einer solchen Handlung ,stehen', wird der empfundene soziale Druck, eine solche Handlung auszuführen, verstärkt oder gemindert; die durch die ,Bezugsgruppe' möglicherweise geteilten Überzeugungen und deren erwünschte Akzeptanz steuern also die täterspezifische Motivation für einen solchen geplanten Brandanschlag mit. Diese ,Theorie des überlegten Handelns' wird 1986 noch erweitert durch die ,Theorie des geplanten Verhaltens' von Ajzen & Madden (1986), die "neben den bereits bekannten Komponenten den Aspekt der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle als Determinante sowohl der Verhaltensabsicht als auch des beobachtbaren Verhaltens einführte".21 Diese wahrgenommene Verhaltenskontrolle wird als die Erwartung einer Person verstanden, dass bestimmte Ereignisse, wie beispielsweise der Polizeischutz eines Asylbewerberheims, sie davon abhalten könnte, eine geplante Handlung auch tatsächlich auszuführen. Insofern beeinflusst die wahrgenommene Verhaltenskontrolle sowohl die Verhaltensabsicht als auch das tatsächliche Verhalten.
Sowohl beide Komponenten, welche die subjektive Norm ausmachen, als auch die wahrgenommene Verhaltenskontrolle könnten - LaPieres Versuch im Nachhinein bedenkend - das Verhalten der Gastwirte und Hotelbesitzer beeinflusst haben, sich anders zu verhalten, als es ihrer inneren Haltung entsprach. Für einen Gastwirt ist relevant, was seine Gäste denken würden, wenn er LaPiere und das begleitende chinesische Ehepaar des Lokales verweisen würde. Die Möglichkeit, dass diese ein solches Verhalten des Wirtes ,anstößig' fänden, ist höchstwahrscheinlich gegeben. In diesem Falle würde sich der Wirt den unterstellten Erwartungen seiner Gäste anpassen. Bezüglich des Faktors der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle wäre zu vermuten, dass der Wirt die Weigerung, LaPiere und das befreundete Ehepaar als Gäste zu akzeptieren, nicht ohne größeren bzw. lauten Aufwand umsetzen könnte und sich diese diskriminierten Gäste zumindest verbal wehren würden. D.h. die reibungslose Durchsetzung seiner Einstellung wäre - zumal vor den anderen Gästen als Zuschauern - nicht gewährleistet. Diese Faktoren, die durch die neueren Modelle zum Zusammenhang von Einstellung und Verhalten ins Blickfeld gebracht werden, könnten also das zunächst widersprüchlich erscheinende Verhalten der Gastwirte und Hotelbesitzer im LaPiere´schen Versuch erklären. - Berücksichtigt man die Vielzahl von verhaltensbeeinflussenden Faktoren, gewinnt auch wieder die konkrete Vorhersage eines bestimmten Verhaltens an Relevanz: Die Vorhersage eines bestimmten Verhaltens in einer bestimmten Situation wird also durch die differenzierte Berücksichtigung verschiedener verhaltensbeeinflussender Faktoren treffsicherer als bei der Zugrundelegung einfacherer Modelle. Einstellungen und Verhalten korrelieren nämlich dann positiv, "wenn ihr Allgemeinheitsgrad übereinstimmt, d.h. wenn Einstellungen allgemeiner Art mit vielfältigen relevanten Verhaltensformen und spezifische Einstellungen mit bestimmten, fest umrissenen Verhaltensweisen verglichen werden"; denn "je besser es gelinge, solche zusätzlichen Einflußfaktoren auszugrenzen, desto deutlicher sei der Einfluß von Einstellungen erkennbar" (FLOHR 1991, S. 6).
Dieser Exkurs in die sozialpsychologische Einstellungsforschung sollte deutlich machen, dass für mögliche Veränderungen von Einstellungen bzw. Vorurteilen ein komplexer Zusammenhang von Faktoren mitbedacht, dass also die Faktoren, die Einstellungen bzw. Vorurteile bedingen, direkt oder indirekt mit verändert werden müssten. So beeinflussen die Einstellung zu dem jeweils angestrebten Verhalten - welche wiederum abhängig ist von der Einschätzung der Erreichbarkeit bestimmter, bewerteter Ergebnisse der Handlung - und subjektiv rezipierte, soziale Normen im Zusammenhang mit der jeweiligen Bezugsgruppe die Verhaltensabsicht und dementsprechend auch das ausgeführte Verhalten.
Im folgenden wird versucht, aus der dargestellten sozialpsychologischen Vorurteilsforschung, aus den Theorien zum Zusammenhang von Einstellung und Verhalten und Theorien zur Einstellungsänderung politisch-gesellschaftliche, medienpolitische, schulpolitische, schulinterne, unterrichtsspezifische sowie erzieherische Schlussfolgerungen zu ziehen.

© 2002, Susanne Lin

Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.

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