Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Themen / Stereotypen, Vo... / Sozialpsycholog... / Enstehungsbedingungen und Bewertungskriterien

Enstehungsbedingungen und Bewertungskriterien sozialpsychologischer Vorurteilstheorien

Susanne Lin

Bislang gibt es aus sozialpsychologischer Sicht - zusammengefasst - vier theoretische Ansätze zur Erklärung der Entstehung von Vorurteilen. Es handelt sich um
den konflikttheoretischen Ansatz, der durch die "Theorie des realen Konflikts" von Campbell (CAMPBELL 1965) und Sherif (SHERIF 1967) und die "Theorie der sozialen Identität" von Henri Tajfel (TAJFEL 1982) vertreten wird;
den lerntheoretischen Ansatz, der u.a. in Arbeiten von Eagly und Steffen (EAGLY/STEFFEN 1984) zu Geschlechterstereotypen und von Stephan und Rosenfield (STEPHAN/ROSENFIELD 1982) zu ethnischen und Rassenstereotypen zum Ausdruck gebracht wird;

den psychodynamischen Ansatz, der in unserem Zusammenhang durch die Sündenbocktheorie vorgestellt wird, die auf psychoanalytischen Überlegungen der Frustrations-Aggressions-Hypothese von Dollard, Miller, Doob, Mowrer und Sears (DOLLARD/MILLER/DOOB/MOWRER/SEARS 1939) beruht, und die Theorie der autoritären Persönlichkeit von Adorno u.a. (ADORNO/ FRENKEL-BRUNSWICK/LEVINSON/SANFORD 1950)

und den kognitiven Ansatz, der insbesondere durch die Arbeiten von Henri Tajfel (TAJFEL 1969) geprägt ist und hier durch die "Theorie der illusorischen Korrelation" (vgl. HAMILTON/GIFFORD 1976) und die "Akzentuierungstheorie" (vgl. TAJFEL/WILKES 1963) berücksichtigt wird.

Diese vier Ansätze können a) hinsichtlich des Vorhandenseins oder Nichtvorhandenseins eines Abwertungsmotivs und b) hinsichtlich der unterschiedlichen Erklärungen der ursächlichen Faktoren, die zur Entstehung von Vorurteilen führen, voneinander unterschieden werden (vgl. STROEBE 1988, S. 502f). Zur Verdeutlichung erläutere ich die hier getroffenen Unterscheidungen:
Die ,Theorie des realen Konflikts' nimmt einen motivationalen Grund für die Entstehung von Stereotypen und Vorurteilen an. Sie geht davon aus, dass es das Ziel eines Systems von Stereotypen und Vorurteilen ist, die Fremdgruppe abzuwerten, wenn zwei Gruppen - und das ist hier die notwendige Bedingung für die Entstehung von Stereotypen und Vorurteilen - miteinander in Konflikt stehen. Das Vorurteil ist also ein Mittel des ,Kampfes' gegen die Fremdgruppe, mit der man im Interessenkonflikt steht. Den (möglicherweise verschärften) Vorurteilen beispielsweise eines deutschen Busfahrers gegenüber türkischen Arbeitnehmern bei angespannter Arbeitsmarktsituation läge demnach die Konkurrenzsituation dieser beiden sozialen Gruppen um Arbeitsplätze zu Grunde. - Die soziale Lerntheorie hingegen nimmt kein Abwertungsmotiv an. Sie geht einerseits davon aus, dass Stereotypen und Vorurteile das Ergebnis bereits im Elternhaus und/oder im Freundeskreis bestehender Stereotypen und Vorurteile sind, die im Zuge des Sozialisationsprozesses übernommen bzw. gelernt werden und sich insofern nicht von anderen ,Sozialisationsübernahmen' unterscheiden. Andererseits sind Stereotypen und Vorurteile auf Beobachtungen realer, bestehender sozialer Rollen- oder Statusunterschiede zwischen sozialen Gruppen zurückzuführen, die als solche wahrgenommen und (fälschlicherweise) über Fähigkeits- und Eignungsunterschiede erklärt werden (vgl. STROEBE 1988, S. 509).
In Bezug auf die ursächlichen Faktoren, die für die Entstehung von Vorurteilen angenommen werden, kann zwischen allgemeinen, gesellschaftlichen und individuellen, innerpsychischen Prozessen unterschieden werden. Nach der Lerntheorie sind gesellschaftliche Prozesse für das Entstehen von Vorurteilen verantwortlich: In einem bestimmten gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhang werden bestimmte Vorurteile von einer Generation an die nächste weitergegeben. Die psychodynamische Theorie hingegen würde die innerpsychischen und individuellen Prozesse des betreffenden Individuums für seine Vorurteilhaftigkeit verantwortlich machen. Die Vorurteilhaftigkeit eines Individuums ist in der psychodynamischen Theorie nämlich ein Symptom für innerpsychische Konflikte.

Die darzustellenden vier Ansätze, der konflikttheoretische, der psychodynamische, der lerntheoretische und der kognitive Ansatz können hinsichtlich der Annahme eines Abwertungsmotivs folgendermaßen voneinander unterschieden werden: Der konflikttheoretische und der psychodynamische Ansatz setzen ein Abwertungsmotiv voraus, der lerntheoretische und der kognitive Ansatz nicht. Für die verschiedenen Annahmen bezüglich der ursächlichen Faktoren gilt: Die Konflikttheorie und die Lerntheorie führen das Entstehen von Vorurteilen vor allem auf Intergruppen- und gesellschaftliche Prozesse zurück, im speziellen auf soziale Konflikte (Konflikttheorie) bzw. Sozialisationsprozesse (Lerntheorie), wogegen der psychodynamische und der kognitive Ansatz das Entstehen von Vorurteilen primär auf individuelle und innerpsychische Prozesse zurückführen, und zwar entweder auf die Persönlichkeitsstruktur (psychodynamisch) oder auf Prozesse der Informationsverarbeitung (kognitiv).

Tabelle zur Veranschaulichung:

Theorien

Abwertungsmotiv

ursächliche Faktoren

 

vorhanden

nicht vorhanden

gesellschaftlich bedingt

psychisch bedingt

Konflikttheorie

x

 

x

 

Theorie der sozialen Identität

x

   

x

Lerntheorie

 

x

x

 

Psychodynamischer Ansatz

x

   

x

Kognitive Theorie

(x)

x

 

x

© 2002, Susanne Lin

Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School