Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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Veränderung von Vorurteilen aus sozialpsychologischer Sicht

Susanne Lin

Da sich die Sozialpsychologie bereits ab den 30er-Jahren dieses Jahrhunderts mit den Fragen nationaler Stereotypen- und Vorurteilsbildung beschäftigt und dazu Untersuchungen primär aus dem U.S. amerikanischen Raum vorgelegt hat, bietet sie ein großes und solides Erklärungsfundament für die Entstehung, Verschärfung und Veränderbarkeit von Stereotypen und Vorurteilen an. Wenn Vorurteile gegenüber Ausländern verändert werden sollen, müssen auf Grund dieser sozialpsychologischen Erkenntnisse bestimmte Bedingungen gewährleistet bzw. Veränderungen auf verschiedenen Ebenen eingeleitet werden, nämlich m.E. sowohl im politisch-gesellschaftlichen, medienpolitischen, schulpolitischen, schulinternen, unterrichtsspezifischen als auch im erzieherischen Bereich (i.e.S.d.W.). Ich vermute, dass Stereotypen und Vorurteile auf Grund ihrer jedes Individuum betreffenden Entstehungsmechanismen nicht völlig abgebaut, jedoch verändert werden können. Schulischerseits scheint mir einlösbar zu sein, einerseits Stereotypen und damit Vorurteile teilweise auf der Aussage-Ebene hin zum Positiven zu verändern, andererseits ihren Gültigkeitsanspruch zu relativieren und darüber hinaus Schritte in Richtung prophylaktischer Vermeidung gewalttätiger Diskriminierungen zu veranlassen.22
Mit den im folgenden entwickelten Forderungen erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit; sie stellen schlussfolgernde Konsequenzen aus der sozialpsychologischen Vorurteilsforschung dar und bedürfen der kritischen Überprüfung einerseits bezüglich ihrer Folgerichtigkeit, andererseits bezüglich ihrer Wünschbar- und Realisierbarkeit.

Politisch-gesellschaftliche Konsequenzen

Der amerikanische Persönlichkeits- und Sozialpsychologe G.W. Allport (1954; s. ALLPORT 1971) baut mit seinen Forderungen für die Überwindung von Vorurteilen und Diskriminierungen auf die Sherif´sche "Kontakthypothese" (BROWN 1990, S. 411/412) auf, die sozialpsychologischerseits die 1954 in den USA eingeführte sozialpolitische "desegregation" begründete, also die Aufhebung der Rassentrennung in den Bereichen Wohnen, Arbeit und Erziehung (BROWN 1990, S. 412). Der Kontakt zwischen Mitgliedern verschiedener (ethnischer) Gruppen kann unter bestimmten Bedingungen - die jedoch neben dem Kontakt zusätzlich erfüllt sein müssen - zur Verringerung von Vorurteilen führen:

Soziale Kontakte und der Abbau der Vorurteile sollten institutionell unterstützt werden, z.B. durch (lokale) Autoritäten;
alle Mitglieder einer bestimmten Gruppe sollten den gleichen Status besitzen bzw. zugesprochen bekommen;
sie sollten ein gemeinsames Ziel verfolgen;
und dabei sollte es möglich sein, gemeinsame Interessen zu verfolgen und (Mit-) Menschlichkeit zu entwickeln. (STROEBE 1988, S. 522)

Diese Forderungen werden in Stroebes Beitrag ,Vorurteile' lediglich auf die Schulsituation bezogen angewandt. Konsequenterweise müssten sie jedoch auch auf die gesellschaftspolitischen Voraussetzungen des gemeinsamen Lebens von dauerhaft in der Bundesrepublik lebenden Ausländern und der einheimischen Bevölkerung übertragen werden. Dies wird im Rahmen der friedenspädagogischen Konsequenzen ausgeführt, da sich die kritisch-friedenspädagogische Vorurteilsforschungsrezeption in ihren Grundlagen letztlich stärker auf Allport beruft als Stroebe es tut.
Gemäß den Erkenntnissen der Konflikttheorie müssen zumindest die großen, gesellschaftlichen Konflikte und Probleme wie Arbeitslosigkeit, neue soziale Armut und Wohnungsnot gelöst, mindestens bearbeitet werden, damit vorhandene Vorurteile in ,Brennpunktsituationen' nicht in gewalttätige Diskriminierungen ausarten. Diese problematische Ausgangslage steht im Widerspruch zu der Forderung Allports, dass die Mitglieder der verschiedenen Gruppen auch ein gemeinsames Ziel verfolgen können sollten, bei dem es möglich ist, gemeinsamen Interessen nachzugehen und (Mit-) Menschlichkeit zu entwickeln. Die Diskriminierung von Ausländern durch Teilgruppen der bundesrepublikanischen Bevölkerung bei bestehenden gesellschaftlichen Problemen verweist eher darauf, dass gemeinsame Ziele und Interessen einerseits auf Grund eines z.T. verengten nationalen Verständnisses des deutschen Staates, andererseits auf Grund der bestehenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, der Arbeitslosigkeit, neuer sozialer Armut und Wohnungsschwierigkeiten schwer entwickelbar sind.
Die ,Theorie der sozialen Identität', welche die Eigengruppenüberbewertung zu Ungunsten der Fremdgruppenbewertung durch den Wunsch nach Identitätsbildung mittels Gruppenzugehörigkeit erklärt, beleuchtet die bereits geschilderte Problemlage noch einmal innerpsychisch in Bezug auf die Identitäts- und Geborgenheitssuche von Jugendlichen und Erwachsenen. Neben familiären Defiziten muss auf Beschäftigungsmangel und politische Identifikationsdefizite hingewiesen werden. Die Arbeitslosigkeit und Beschäftigungsunsicherheit müssen nicht nur aus einleuchtenden wirtschaftlich-makrostrukturellen, sondern auch aus persönlichen, mikrostrukturellen Gründen, noch genauer: aus innerpsychischen Notwendigkeiten heraus abgebaut werden; Vertrauen in die Handlungsfähigkeit nicht-extremer politischer Parteien und ihrer einzelnen Politiker muss neu entwickelt werden.

Medienpolitische Konsequenzen

Um Vorurteile auf Grund verallgemeinerter bzw. undifferenziert dargestellter Zusammenhänge von Ausländern, ihren Eigenschaften und ihrem Verhalten (z.B. in Bezug auf Kriminalität23) zu verändern, müssen von den Medien solide Informationen und Interpretationen eingefordert werden, die komplizierte Zusammenhänge differenziert und trotzdem nachvollziehbar erklären. Ausländerfeindliche Argumente in Bezug auf Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und Überfremdung müssen differenziert dargestellt und entkräftet werden.24 Außerdem sollte medienpolitisch versucht werden, das negative Stereotyp ,Ausländer' z.T. zu verändern. Die sozialpsychologische Begründung einer solchen Forderung liegt in der Annahme, dass Stereotype Eigenschaftszuschreibungen sind, die verallgemeinert auf Kategorien bezogen werden. Die Kategorie ,Fremdgruppe' wird grundsätzlich mit eher negativen Eigenschaftszuschreibungen bedacht. Die Verallgemeinerung ,schlechter' Eigenschaften auf die Großgruppe ,Ausländer' muss einerseits durch differenzierte Information aufgebrochen werden (s. Kriminalitätsbeispiel). Andererseits könnte man versuchen, verstärkt positive Eigenschaften in das Stereotyp aufzunehmen, um die Zuschreibung negativer Eigenschaften zu verändern. Dies sieht W. Stroebe als eine Möglichkeit, Vorurteile abzubauen.

"Wenn man Vorurteile als soziale Einstellungen gegenüber Fremdgruppen versteht, die auf Meinungen über die Merkmale dieser Gruppen beruhen, dann liegt es nahe, Vorurteile durch Veränderung dieser Meinungen zu beeinflussen. Man muß die vorurteilsbehaftete Person davon überzeugen, daß einige der negativen Eigenschaften, die sie der Fremdgruppe zuschreibt, diese keineswegs kennzeichnen, hingegen eine Reihe von positiven Merkmalen, die sie bisher nicht mit der Gruppe in Verbindung gebracht hatte, für diese Gruppe typisch sind. Diese Informationen kann man einerseits indirekt durch Propaganda und Aufklärungskampagnen vermitteln oder aber auch direkt, indem man den sozialen Kontakt zwischen den Mitgliedern dieser Gruppen herstellt." (STROEBE 1988, S. 520)

Gleichwohl weist Stroebe auf die begrenzte Wirksamkeit solcher Propaganda und Aufklärung hin, weil neben der hier nicht berücksichtigten Beeinflussung des Verhaltens durch soziale Normen die Wirksamkeit von "Filmen, akustischen Medien oder geschriebenem Material" bei Versuchspersonen in wissenschaftlichen Experimenten eine andere ist als in der ,Realität', da "als Voraussetzung für den Erfolg eine Reihe von Bedingungen erfüllt sein müssen, die außerhalb des sozialpsychologischen Laboratoriums weniger leicht gewährleistet werden können" (STROEBE 1988, S. 520/521):

"Im Alltag zeigt sich hingegen, daß Propagandafeldzüge hauptsächlich die Menschen erreichen, die schon zuvor mit der vorgetragenen Meinung übereinstimmen. Die anderen entziehen sich dem Einflußversuch, indem sie die Plakate nicht lesen oder auf andere Hör- oder Fernsehprogramme umschalten." (STROEBE 1988, S. 521)

Die Erfolgsaussicht solcher ,Bewusstseinsveränderungsversuche' durch Information und Aufklärung ist also problematisch, da bereits vorhandene Einstellungen bzw. Vorurteile die Informationssuche, -aufnahme und -verarbeitung steuern. Gerade diejenigen, die aus individuellen und gruppenspezifisch-gesellschaftlich bedingten Gründen Stereotypen und Vorurteile ,kultivieren', schalten als Schülerinnen und Schüler möglicherweise im Unterricht ab und entwickeln als Erwachsene Vermeidungsstrategien, die den Reaktionen auf ,Das Wort zum Sonntag' ähneln. Würden trotzdem gewisse ,Aufklärungsschritte' in Richtung Einstellungsänderung von manchen Menschen vollzogen, so bliebe die Stabilität einer solchen Meinungsänderung fraglich. Denn Meinungen werden in der Regel von ganzen Gruppen, nämlich den Bezugsgruppen, geteilt.25 Da sich Gruppenmeinungen nicht zeitgleich - wenn überhaupt - der veränderten Einzelmeinung anschließen, ist offen, ob ein Einzelner bei seiner neuen Meinung bleibt oder diese doch, was wahrscheinlicher ist, wieder den Ansichten seiner Bezugsgruppe unterwirft. Hindernisse einer solch aufklärerischen Strategie sind also sowohl die erforderlichen kognitiven Differenzierungsprozesse und die Veränderungs(un)willigkeit einzelner als auch die Instabilität eines vollzogenen Meinungs- bzw. Einstellungswandels.

Konsequenzen für Schule und Schulpolitik

Um Vorurteile gegenüber Ausländern und gegenüber ausländischen Mitschülerinnen und Mitschülern zu verändern, muss für die ,Sozialisationsinstanz' Schule eine Umsetzung der Allport´schen Forderungen verlangt bzw. als gegeben vorausgesetzt werden. Die institutionelle, formale und tatsächliche Gleichstellung und Gleichbehandlung aller Schülerinnen und Schüler sollte prinzipiell als gegeben bzw. umsetzbar vorausgesetzt werden. Dies sollte durch das gerechte und nicht diskriminierende Vorbildverhalten von ,Autoritäten', nämlich der Schulleitung und dem Kollegium, gegenüber allen Schülerinnen und Schülern unterstützt werden. Einem solchen Handeln sollte ein Schulklima korrespondieren, in dem ein vernünftiger Umgang mit Aggressionen und Konflikten gelernt werden kann. Einer vorausgesetzten bzw. anzustrebenden Gleichstellung aller Schülerinnen und Schüler entsprechen in bestimmtem Maße natürlich auch kompensatorische Maßnahmen. Für ausländische Schülerinnen und Schüler müssen Sprachkurse eingerichtet werden, die sie in die Lage versetzen, den Unterricht zu verfolgen und sich gemäß ihren Begabungen auch in der ,fremden' Sprache einzubringen. Damit Schülerinnen und Schüler ein gemeinsames Ziel verfolgen und dabei Mitmenschlichkeit entwickeln können, bedarf es - neben einem guten Schulklima, einem guten Verhältnis zwischen Schülerinnen und Schülern, Kollegium und Schulleitung sowie den im folgenden von mir ausgeführten unterrichtlichen Konsequenzen - in besonderem Maße der Unterrichtsform des Projekts. Hier kann es am ehesten gelingen, durch gemeinsam und in Teilen relativ selbstständig entwickelte Ziele, Methoden, Medien seitens der Schülerinnen und Schüler die erwünschten kooperativen, Mitmenschlichkeit entwickelnden sozialen Ziele umzusetzen.26 Darüber hinaus sollte die Schule dazu beitragen, dass Jugendlichen durch Angebote im Ergänzungsbereich, wie beispielsweise Theater-Arbeitsgemeinschaften, identitätsfördernde Hilfen angeboten werden. Voraussetzung für diese Angebote ist natürlich die entsprechende Versorgung mit Lehrkräften durch die jeweiligen Kultus- bzw. Finanzministerien. Die Forderung nach verstärkten Möglichkeiten zum Schüleraustausch stelle ich hier nicht - wenngleich ein solcher aus verschiedenen Gründen für sinnvoll erachtet wird -, da sich eine Veränderung von Stereotypen und Vorurteilen im Sinne einer positiveren Sicht ,des anderen' bislang in der Regel nicht nachweisen ließ:

"Das Bedingungsgefüge interkultureller Verständigung und die Veränderung stereotyper und vorurteilsbeladener Wahrnehmungen ist dabei recht kompliziert: Eine Reihe von Programmen des interkulturellen Austauschs - vom Schüleraustausch bis zu Städtepartnerschaften und internationaler Schulbuchrevision - haben gezeigt, daß gerade in der unmittelbaren Begegnung häufig bestimmte Vorurteilsstrukturen nicht abgelegt, sondern bestätigt werden. Das heißt, Schüler und Schülerinnen sehen genau das bestätigt, was sie schon immer von ,den Amerikanern', den ,Franzosen' oder ,den Engländern' wußten. Für Erwachsene, deren Urteile und Vorstellungswelten noch fester gefügt sind, gilt dies in noch stärkerem Maße. Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der unmittelbaren Erfahrung in einem anderen Land und der Revision von Stereotypen und dem Abbau von Vorurteilen läßt sich nicht herstellen."27

Inhaltliche und methodische Unterrichtskonsequenzen

Die Aufklärung über die Entstehungs- und Funktionsmechanismen von Stereotypen und Vorurteilen sollte auf ausgewählte Inhalte bezogen angewandt und intensiv bearbeitet werden.28 Die Charakteristika von Stereotypen und Vorurteilen sollten, der jeweiligen Schulform und Altersstufe angepasst, auf zu erarbeitende differenzierte Kenntnisse über ,fremde' Menschen und ihre Kulturen, die Flüchtlingsproblematik, die Schwierigkeiten im Miteinander von Deutschen und Ausländern in Deutschland etc. angewandt werden. Für die höheren Stufen, speziell für den Politikunterricht, ist die Beschäftigung mit deutscher Ausländerpolitik zu empfehlen.29 Vorurteile sollten direkt thematisiert und - soweit möglich - überprüft werden.
Im Sinne der Forderungen Sherifs und Allports sollte innerhalb bestimmter Unterrichtseinheiten der Kontakt zu Fremdgruppen aufgenommen und Möglichkeiten zur Entwicklung von gemeinsamen Zielen oder Aufgaben (auch außerhalb der Schule) gesucht werden. Dies kann auch in der bewussten Kontaktaufnahme mit gleichaltrigen, ausländischen Jugendlichen beispielsweise im Rahmen einer Erkundung eines Jugendzentrums oder in einem Kontaktbüro für Ausländerfragen geschehen, um ,Mitmenschlichkeit' zu entwickeln.
Da wir wissen, dass im Zusammenhang von Einstellung und Verhalten die ,soziale Norm' eine die Verhaltensausführung beeinflussende Komponente ist, sollte mit Schülerinnen und Schülern besprochen werden, dass es wichtig ist und eine vorbeugende Wirkung haben kann, sich in der peer-group o. ä. gegen Vorurteile und eine mögliche geplante Gewaltanwendung auszusprechen. In diesem Sinne sollte auch ,Zivilcourage' thematisiert, möglicherweise in Rollenspielen ,geübt' werden.
Um Vorurteile zu überwinden, gilt es, (vor allem bei gemischt-ethnischer Zusammensetzung der Klassen) kooperierende Unterrichtsmethoden anzuwenden, von Lehrerseite aus im Unterricht - selbstverständlich - ein nicht autoritäres Verhalten im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern zu praktizieren und handlungsorientierte Unterrichtsformen einzubeziehen. Das ist im Projektunterricht gut möglich.
An Allports Forderungen orientiert wurden in den USA, abgestimmt auf die Vorurteilsproblematik bei Klassen gemischt-ethnischer Zusammensetzung, eben solche kooperativen Lernverfahren entwickelt, erprobt und empfohlen. Ein Beispiel dieser kooperativen Lernverfahren ist die so genannte "Jigsaw-Methode" (bei uns unter ,Gruppenpuzzle' bekannt; ARONSON/OSHEROW 1980). Für die Ausführung der ,Jigsaw-Methode' werden Kleingruppen in einer ganz bestimmten Zusammensetzung gebildet. Kindern verschiedener Ethnien mit unterschiedlichem Leistungsstand werden in einer Kleingruppe bestimmte Lernaufgaben gestellt. Die in dieser Art gebildeten Gruppen treffen sich für eine Unterrichtsstunde täglich und lernen gemeinsam. Jedem der Schüler werden dabei bestimmte Informationsmaterialien zur Verfügung gestellt, die nur ihm allein zugänglich sind. Er oder sie ist nun dafür verantwortlich, diese Inhalte den anderen ,beizubringen'. Alle zusammen und jeder Einzelne müssen anschließend über den gesamten Lernstoff verfügen, da sie über ihn geprüft werden.
Folgende Ergebnisse der ,Jigsaw-Methode' liegen vor:

Die Teammitglieder finden sich im Anschluss an die gemeinsame Jigsaw-Arbeit sympathischer.
Die Schulleistungen der benachteiligten Kinder steigern sich, die der guten Schülerinnen und Schüler bleiben gleich.
Das Konkurrenzverhalten zwischen den Schülern und Schülerinnen nimmt ab, da sie lernen, einander als ,Ressource' zu betrachten.
Die Empathiefähigkeit wird durch das gemeinsame Arbeiten unter diesen Bedingungen gesteigert. (Vgl. ARONSON/OSHEROW 1980)

Diesen erfreulichen Ergebnissen sind allerdings einschränkende hinzuzufügen. In Bezug auf die angestrebte Zusammenarbeit und Sympathieentwicklung der Gruppen(mitglieder) untereinander ist mit Worchel, Andreoli und Folger darauf hinzuweisen, "daß die Sympathie für die Fremdgruppe verschwand, wenn die Ziele der Kooperation nicht erreicht wurden und zuvor eine Wettbewerbssituation bestanden hatte" (nach BROWN 1990, S. 412).

"Weiter kann es für Gruppen, die an kooperativen Projekten beteiligt sind, von Bedeutung sein, unterscheidbare und komplementäre Rollen einzunehmen. Ist dies nicht der Fall und sind die Beiträge der Einzelgruppen nicht voneinander unterscheidbar, so nimmt die Sympathie für die andere Gruppe ab, vielleicht weil die Gruppenmitglieder für die Integrität der Eigengruppe fürchten." (BROWN 1990, S. 412)

Deutlich ist, dass die meisten aus den sozialpsychologischen Vorurteilstheorien erwachsenden Konsequenzen im schulischen Rahmen relativ unproblematisch umgesetzt werden können bzw. bereits umgesetzt werden. Keine der hier genannten Forderungen ist zu ,revolutionär'. Selbst die ,Jigsaw-Methode' ließe sich bei einem mehrstündigen Fach über einen bestimmten Zeitraum auch im konventionellen Stundenplan durchführen.

Auf einer Metaebene ist es also möglich, die beschränkte Gültigkeit von Stereotypen und Vorurteilen zu verdeutlichen. In Bezug auf konkrete Stereotypen und Vorurteile können möglicherweise veränderte Zuschreibungen von Eigenschaften erreicht werden, und auch auf das Verhalten gemischt-ethnischer Schüler und Schülerinnen untereinander kann positiv eingewirkt werden. Gemessen an der ,Realität' ökonomischer und sozialer Ungleichheiten bewirkt dies natürlich keine direkte Veränderung der gesellschaftlich bestehenden Probleme und tradierten Vorstellungen; gleichwohl kann hier die Basis für ein verändertes Denken, Fühlen und Handeln in Bezug auf die Gleichwertigkeit und Gleichstellung ausländischer Mitbürger/schüler zumindest im ,Schonraum' Schule gelegt werden. Dies wiederum kann eine entsprechende außerschulische und politische Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit nach sich ziehen.

Konsequenzen für die elterliche Erziehung

Die soziale Lerntheorie weist auf die Entstehungsbedingungen von Vorurteilen im Elternhaus hin. Kinder haben bereits ab dem Alter von ungefähr sechs Jahren Stereotypen und Vorurteile ,gelernt'. Dementsprechend könnte eine mögliche ,Vorsorge' im Elternhaus darin bestehen, möglichst nicht mithilfe von Stereotypen und Vorurteilen oder ,Sprichwörtern', in denen Vorurteile enthalten sind, zu erziehen. Gleichwohl wird das Kind vermutlich Stereotypen und Vorurteile durch seine Sozialisation im über das Elternhaus hinaus gehende, soziale Umfeld lernen. Im Sinne des Modellernens sollte ein vorbildhaftes Verhalten der Eltern in Bezug auf Einstellung und Verhalten gelebt werden. Dies sollte sich m.E. in der Überzeugung der Gleichwertigkeit aller Menschen und in der Gleichbehandlung aller Menschen ausdrücken, hier im speziellen gegenüber ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern.
Auch sollte bereits über Entstehung und Beschaffenheit von Stereotypen und Vorurteilen aufgeklärt werden. Darüber hinaus sollten Konsequenzen aus der ,psychodynamischen Theorie' bzw. der ,Theorie der sozialen Identität' dahingehend gezogen werden, dass Kindern zu einer gesunden Identitätsbildung verholfen wird. Die Wurzeln hierfür werden im Elternhaus gelegt, das gemäß der psychodynamischen Theorie keinen ,autoritären' Erziehungsstil pflegen und einen angemessenen Umgang mit Aggressionen ermöglichen sollte.

© 2002, Susanne Lin

Überarbeitete Fassung aus:
Susanne Lin: Vorurteile überwinden - eine friedenspädagogische Aufgabe. Grundlegung und Darstellung einer Unterrichtseinheit. Beltz-Verlag, Weinheim und Basel 1999, S. 29 - 138.

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