Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

Home / Themen / Zivilcourage / Aktionen / Die Verteidigung der "Republik Freies Wendland" (1980)

Die Verteidigung der "Republik Freies Wendland" (1980)

In den Salzstöcken von Gorleben, im Landkreis Lüchow-Dannenberg, wurden Anfang der 80er Jahre die Vorbereitungen für den Bau eines atomaren Zwischenlagers getroffen. Gorleben wurde so zum Angelpunkt der Auseinandersetzungen um den Bau von Atomkraftwerken in der BRD. In Gorleben zeigte sich, daß BürgerInnen ihre Lebensinteressen durch die herkömmliche politische Willensbildung nicht mehr gewahrt sahen.
Dabei war die Form des Widerstandes für die jüngere Geschichte der Bundesrepublik bemerkenswert: Es wurden bewußt gewaltfreie Aktionsmethoden eingesetzt. Straßen, auf denen Bohrtrupps nach Gorleben fahren wollten, wurden durch Sitzstreiks blockiert, auf Bäume, die für Bohrstellen gerodet werden sollten, kletterten mutige Bürger. Ein Spielplatz wurde angelegt und schließlich die Tiefbohrstelle 1004 besetzt, ein Hüttendorf gebaut und die ›Republik Freies Wendland‹ ausgerufen.
Die vier Wochen der Besetzung wurden zu einer Erfahrung ›alternativer Lebensweise‹, die auch nach der Räumung des Geländes durch die Polizei nicht ausgelöscht werden konnte.
"Das Dorf der Demonstranten bestand zuletzt aus 110 Hütten. Wie viele Dörfer im Kreis Lüchow-Dannenberg, einem Siedlungsgebiet des alten Volkes der Wenden, war es als Rundling gebaut, also mit einem großen runden Platz in der Mitte, auf den alle Bauwerke ausgerichtet sind. Viele Hütten waren mit großem handwerklichen Können gebaut worden, zum Beispiel das achteckige Freundschaftshaus, in dem mehr als hundert Menschen bequem zusammensitzen konnten. Die Fichtenstämme, die als Baumaterial dienten, stammten von Waldbesitzern, die sich mit den Demonstranten solidarisiert hatten.
Zum Dorf gehörten ein Sportplatz und ein Kirchplatz. Es gab ein fachmännisch geführtes ›Freies unabhängiges wendländisches Klinikum‹ - auf dem Türschild reckte sich der obere Balken des Roten Kreuzes zur Faust - und in einigem Abstand vom Ort auch eine akkurat angelegte Mülldeponie. Einige Hütten waren noch im Bau. Ein Schild kündete: ›Hier baut die Republik Freies Wendland eine Münzpräge‹. Zwei große und einige kleine Türme, aus starken Stämmen errichtet, überragten das Dorf, außerdem das acht Meter hohe Gerüst einer Schiffschaukel, deren Zweck wohl von vornherein weniger die Belustigung von Kindern und Erwachsenen war, als vielmehr eine Erschwerung der Einnahme des Dorfes durch die Polizei: Das Schiff schaukelte in vier Meter Höhe.
Was aber den Geist des Dorfes am deutlichsten ausdrückte, waren nicht die eindrucksvollen, in harter Arbeit entstandenen Konstruktionen, sondern ein sorgsam angelegter Gemüsegarten, in dem Kohlrabi und anderes Gemüse gediehen. Ans Gartentor hatten die Gärtner geschrieben: ›An die Bullen! Wenn Ihr hier mit Euren Wasserwerfern vorbeikommt, dann gießt gleich unsere Pflanzen ganz sacht und gleichmäßig. Und wehe, es ist Chemiescheiße im Wasser - pfui! Dies ist ein biologischer Garten.‹
Um 6 Uhr 25 begann die Polizei, das Gelände zu umzingeln. Den Beamten baumelten Gasmasken am Hals. Am Koppel trugen sie Schlagstock, Chemische Keule und Pistole. Am Plastikschutzschild waren weitere Gummiknüppel befestigt. Hinter den Fußtruppen fuhren Bulldozer und Planierraupen auf. Auf dem Dorfplatz saßen jetzt zweitausend Demonstranten und sangen: ›So sing doch, Vogel, sing das Gorlebenlied ... daß hier der Totengräber die eigene Grube gräbt‹ und: ›Die Lebenslust ist unser Widerstand‹.
Einige Hunderte hatten sich hinter Barrikaden unter einem Turm versammelt, andere im Freundschaftshaus. Ein Akkordeonspieler hatte die Spitze des Schiffschaukelgerüstes erklommen, von wo aus er den Gesang begleitete, abwechselnd mit Geigen- und Flötenspielern, die inmitten der auf dem Platz Sitzenden musizierten.
7 Uhr 03: Erste Aufforderung der Polizei durch Lautsprecher, das Bohrgelände zu verlassen, andernfalls machten sich die Demonstranten strafbar. Die Durchsage endet mit der Angabe einer Frist: ›Es bleiben Ihnen noch eine Stunde und 16 Minuten.‹
Die Polizei zieht den Ring enger, um den ersten Ring bildet sich ein zweiter, dann ein dritter, hinter dem zweiten wird ein Zaun gezogen. Mit Hilfe eines elektrischen Bohrgeräts werden dicke Pfähle in den Boden gerammt. An den Pfählen werden drei Rollen ›NATO-Draht‹ befestigt. An einer Stelle, wo die Polizei eine Lücke läßt, fahren mehrere Panzer des Bundesgrenzschutzes auf. Die Angehörigen des Panzertrupps haben schwarz angemalte Gesichter.
Im Dorf hatte der Sprecherrat schon am Vorabend alle Bewohner aufgefordert, sich nicht das Gesicht zu schminken. Alle haben sich daran gehalten. Während sie auf das Schicksal warten, das die Polizei der ›Republik Freies Wendland‹ bereiten wird - der niedersächsische oberste Polizeichef, Innenminister Egbert Möcklinghoff, meinte im NDR, die Gründung eines solchen Staatswesens auf niedersächsischem Boden sei eigentlich sogar Hochverrat - blasen die Demonstranten Luftballons auf. Viele winken den umzingelnden Trupps zu, um die eigene Friedlichkeit anzuzeigen. Manchen stehen Tränen in den Augen.
7 Uhr 40: Zweite Aufforderung zum Verlassen des Geländes. Der Dorffunk kontert: ›Wir fordern die Polizei auf, den Boden der Republik Freies Wendland sofort zu verlassen.‹ Die Demonstranten warten und singen: ›Wir wollen keine Staatsgewalt, ihre Herzen, die sind kalt.‹ Ein Sprecher ruft der Polizei zu: ›Wir sitzen hier, weil wir Angst haben um unsere Zukunft.‹ Mit den Beamten in der ersten Reihe versucht ein Diplom-Physiker zu diskutieren. Er hält ihnen Vorträge über Plutonium. Die jungen Polizisten, wesentlich jünger als die meisten Demonstranten, scheinen vorher nie etwas darüber gehört zu haben.
Auf dem Dorfplatz erhebt sich Lilo Wollny, Sprecherin der Gruppe ›Gorleben-Frauen‹, zu einer kurzen Ansprache an die Sitzenden: ›Wir sind sehr glücklich, daß wir diese vier Wochen mit Euch zusammen sein konnten - so frei, so fröhlich.‹ Jetzt könne viele die Tränen nicht mehr zurückhalten.
10 Uhr 53: Die Polizei gibt ›freundlichst, aber nachdrücklichst‹ noch einmal eine Frist von zehn Minuten.
11 Uhr 02: Durch den Polizeilautsprecher wird ›die letzte Minute‹ angesagt. Aber nachdem morgens einige den Platz verlassen hatten, geht jetzt niemand mehr. Und darum beginnt nun das, worauf die Demonstranten sich seit langem innerlich vorbereitet haben.
Trupps von Polizisten und Grenzschützern marschieren in den inneren Absperring und holen einzeln die Sitzenden vom Dorfplatz. Sie verhalten sich sehr unterschiedlich. Einige Trupps kommen mit Knüppeln in der Hand. Einzelne Beamte schlagen zu, bevor sie die Demonstranten wegzuzerren beginnen. Andere Trupps vermeiden jede Gewalt. Meist haben sie es nicht schwer; von den Demonstranten geht keinerlei Gewalt aus. Die beiden einzigen Widerstandsformen sind, daß sich Menschen aneinander festhalten oder sich ganz krumm machen mit dem Kopf auf den Knien, so daß es schwer ist, sie wegzutragen.
Bevor die Polizei nach einer Pause - die Sonne scheint sehr heiß - die Räumaktion fortsetzt, verkündet ihr Sprecher: ›Vermeiden Sie Widerstand, wir sind gern bereit, Sie wegzutragen.‹
11 Uhr 53: Polizeihauptkommissar Plietz fordert die Journalisten auf, die Szene zu verlassen. Sie protestieren. Er sagt, sie könnten sich bei Polizeioberrat Schmidt beschweren. Aber der ist nicht zu finden. Außerhalb der Umzäunung suchen die Journalisten nach der Einsatzleitung. Sie werden hin- und hergeschickt, bis sie schließlich den Eindruck gewinnen, daß sie gefoppt werden. Nach vielen Berichten beschließen die Journalisten, gemeinsam ein Protesttelegramm an Bundesinnenminister Baum und den niedersächsischen Innenminister Böcklinghoff zu schicken.
14 Uhr 50: Die Stimme im Polizeilautsprecher dankt den Demonstranten für die Gewaltlosigkeit. Die Journalisten dürfen jetzt einzeln oder paarweise jeweils zu einem Fünf-Minuten-Rundgang auf das Gelände, stets von einem Beamten begleitet. Zuvor war je einem Team der ARD und des ZDF die Rückkehr an den Ort des Geschehens gestattet worden. Aber jetzt gibt es nicht mehr viel zu sehen, zu fotografieren und zu filmen. Nur noch die Türme und die Schiffschaukel, wo der vereinsamte Akkordeonspieler ausharrt, sind besetzt. Es wird 20 Uhr abends werden, bis die Besatzung des letzten Teams heruntergeholt wird. Sie begrüßt die hochgekletterten Polizisten mit einem Glas Wein.
21 Uhr: Das Dorf ist eingeebnet. Eines der letzten Häuser, die von den Bulldozern weggeräumt wurden, trug in großen Buchstaben die Aufschrift: ›Turm und Tor könnt ihr zerstören, aber nicht unsere Kraft, die es schuf.‹ Der Pressesprecher der Einsatzleitung in Lüchow resümiert: ›Wir sind zufrieden.‹ Marianne Fritzen, Vorsitzende der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg: ›Es geht weiter, auf vielen Ebenen, auch auf der Verhandlungsebene in Bonn und Hannover.‹ Resigniert sei sie nicht, ›im Gegenteil: Für alle Beteiligten waren diese vier Wochen und dieser Tag ein Lernprozeß. Wir haben eine unglaubliche Solidarität erfahren. Sie macht uns Mut.‹"

Eckehard Spoo: Der letzte Tag der "Republik Freies Wendland". In: Frankfurter Rundschau, 6.6.1980.

Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.

Eine PDF-Version dieser Seite herunterladen

Aktuelles / Blog

Veranstaltungen

Peace Counts School