Home / Themen / Zivilcourage / Aktionen / Eine Winzerin erlebt die erste Platzräumung in Wyhl (1975)
Gerade vier Tage wurde im Februar 1975 im Wyhler Auenwald (im Landkreis Emmendingen) gearbeitet, um dort ein Atomkraftwerk zu bauen. Dann wurden die Arbeiten wegen des Protestes der Bevölkerung eingestellt. Die kleine südbadische Gemeinde Wyhl wurde durch die 1973 begonnenen Anti-Kernkraft-Aktionen der Winzer, Landwirte und Hausfrauen weltweit bekannt. Als in den frühen Morgenstunden des 20. Februar 1975 mehr als 400 Polizeibeamte anrückten, um 150 PlatzbesetzerInnen, darunter auch viele Frauen und Kinder, mit Hilfe von Wasserwerfern zu vertreiben, ging ein Aufschrei der Empörung durch die Republik.
In den nächsten vier Tagen fanden sich bis zu 20.000 Umweltschützer im Wyhler Auenwald ein, um gegen den Beginn der Bauarbeiten zu protestieren.
1977 wurde der Bau des geplanten Reaktors vom Verwaltungsgericht Freiburg wegen ›mangelnden Berstschutzes‹ untersagt.
"Mein Heimatort ist Oberrotweil am Kaiserstuhl. Wir wohnen ungefähr acht Kilometer Luftlinie von Whyl entfernt gemeinsam mit meinen Eltern in einem Winzerhof. Wir haben zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Wir bewirtschaften einen mittleren Winzerbetrieb und fühlen uns bei unserer Arbeit in den Weinbergen sehr wohl.
Im Jahre 1971 wurden wir das erste Mal mit dem Atomkraftwerk in Breisach konfrontiert. Nach erfolgreichem Widerstand in Breisach und Marckolsheim war es für meinen Mann und mich selbstverständlich, in Wyhl ebenfalls mitzukämpfen. So kam der 18. Februar 1975.
Auf diesen Tag war eine Pressekonferenz angesetzt. Wie ein Lauffeuer war es durch die Dörfer des Kaiserstuhls gegangen: In Whyl wird der Wald abgeholzt! Es schnitt uns ins Herz, als wir hundertjährige Eichen umfallen sahen. Wir taten uns zusammen, gingen zu den riesigen Baumaschinen und riefen den Fahrern zu: ›Hört auf damit, geht nach Hause!‹
Wir setzten uns mit unseren Kindern auf die Raupenfahrzeuge. Nach langem Hin und Her wurde es ruhig auf dem Platz, der Motorenlärm verstummte. Dafür kam die einheimische Polizei und forderte uns auf, den Platz zu verlassen. Das nützte nicht viel, denn bald darauf tranken wir mit ihnen Wein und Schnaps und kamen im allgemeinen gut mit ihnen aus, da sie ja ebenfalls wie wir von dem KKW betroffen waren.
So kam der 20. Februar 1975. Um 12 Uhr in der Nacht fuhr ich schnell noch einmal nach Hause, um nach den Kindern zu sehen. Um halb fünf Uhr morgens fuhr ich allein mit meinem Auto auf den besetzten Platz zu meinem Mann. Viele meiner Landsleute hatten die ganze Nacht ausgeharrt in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten.
Am Abend vorher waren französische Journalisten zu uns in den Planwagen gekommen und erzählten uns, daß die Räumung bei Tagesanbruch erfolgen sollte. Wir waren alle sichtlich nervös.
Ein junger Mann trat zu uns und gab uns die Adresse und Telefonnummer eines Anwalts. Da wir ja mit Verhaftung rechnen mußten, schrieben wir uns die Adresse in die Handflächen.
Wir waren ungefähr 150 Menschen auf dem Platz, Männer, Frauen, Kinder, Winzer, Studenten, Hausfrauen, Priester und Mediziner. Wir waren in diesen Stunden eine eingeschworene Einheit. In solchen Stunden kommt das ›Du‹ leichter über die Lippen. Wir standen in Gruppen zusammen und bestärkten uns gegenseitig in unserem Willen zu völliger Gewaltlosigkeit.
Fünf Uhr dreißig. In einiger Entfernung ertönte Hundegebell vermischt mit Motorenlärm. Niemand kam mehr zu unserer Verstärkung durch. Die Zufahrtsstraßen waren offensichtlich blockiert. Nun wußten wir es genau: Das Räumkommando rückte an.
Im Wald war es noch dunkel. Wie Schemen zuerst leuchteten die weißen Helme vieler Polizisten durch die Dunkelheit. Panik erfaßte unsere Herzen, und mancher von uns hätte sich vielleicht gerne irgendwo verkrochen angesichts dieser Übermacht, die da auf uns zukam.
Immer mehr weiße Polizistenhelme rückten in unseren Gesichtskreis. Es waren ungefähr 650 Mann mit Hunden, Wasserwerfern und Panzerfahrzeugen, die da einen Ring um einen Haufen mutig um ihre Heimat kämpfender Leute legten. Die Polizisten standen da in Reih und Glied, die Allmacht der Landesregierung symbolisierend.
Als die Spannung immer unerträglicher wurde, faßten wir Frauen einen Entschluß. Wir wollten zu den Polizisten vorgehen, um mit ihnen über unsere Situation zu sprechen, sie zu informieren, warum wir diesen Platz besetzt hielten.
Es waren alles sehr junge, zum Teil recht unerfahren aussehende Polizisten. Vermutlich kamen sie direkt von der Polizeischule. Ihre erste Reaktion auf unsere Kontaktaufnahme war der Ruf eines mit Sprechfunk ausgestatteten Polizisten: ›Keine Diskussion!‹ Ich rief ihnen zu: ›Wenn ihr schon nicht sprechen dürft, so hört mindestens zu, was wir euch zu sagen haben.‹ Anhand einzelner Ausrufe spürte man, daß sie eine Wut im Bauch hatten. Schließlich waren sie die ganze Nacht wachgehalten worden. Auch das Essen wird nicht gerade das beste gewesen sein. Die meisten wußten gar nicht, warum wir diesen Platz besetzten. Wahrscheinlich wurde ihnen von der Einsatzleitung gesagt, daß sie es nur mit Studenten und ortsfremden Elementen zu tun bekommen würden. Nach einigen Minuten Diskussion gingen wir wieder zu unseren Leuten zurück.
Dort waren inzwischen Polizisten vorgedrungen und wollten einen Baumstamm zersägen, den wir über einen Altrheinarm gelegt hatten, und den wir als provisorischen Steg benutzten. Wir wollten dies verhindern. Doch die Polizisten hatten sich untergehakt und drängten uns ab und sie taten das nicht gerade auf eine feine Art. Mit ihren Ellenbogen stießen sie uns Frauen brutal an die Brust, damit wir zurückgingen. Vor Ohnmacht und Schmerz traten uns Tränen in die Augen und wir mußten uns sehr zurückhalten, um nicht zurückzuschlagen. So wichen wir der brutalen Gewalt.
Auf Kommando rückten nun die Polizisten in dichten Reihen gegen uns vor. Voraus Polizeihunde. Wir setzten uns dichtgedrängt zusammen und hakten uns fest ein. Der Boden war naß und wir froren. Jemand mit Gitarre stimmte die ›Wacht am Rhein‹ an. Und wir sangen alle, Strophe für Strophe, immer wieder dasselbe Lied. Es einte uns. Oft schon hatte man erzählen gehört, daß Soldaten an der Front, beim Angriff des Feindes, in höchster Not sangen. Ich hatte es nie glauben wollen, da Singen im allgemeinen ein Ausdruck von Fröhlichkeit ist. Aber nun spürte ich es am eigenen Körper, wie es half, diese unerträgliche Spannung loszuwerden. Immer wieder schallte die Aufforderung durch den Lautsprecher, den Platz zu verlassen. Doch wir übertönten den Ruf mit unserem Singen. Ich dachte an die Kinder zu Hause, und daß wir ihretwegen diesen Platz besetzt hielten. Natürlich taten wir es auch für uns selbst. Es ging schließlich um unsere ureigenen Interessen. Wir kämpften hier um unsere Gesundheit und um die Zukunft unserer Kinder.
Doch lange kam ich nicht mehr zum Nachdenken, denn nun begannen die Polizistentrupps, einige von uns gezielt herauszuzerren. Sie suchten sich vorwiegend junge Leute mit langem Haar und Bärten heraus. Dies wurde offensichtlich mit voller Absicht so gemacht, um nachher sagen zu können: ›Es war überhaupt keine einheimische Bevölkerung dabei.‹
Wir Kaiserstühler schrieen die Polizisten an, sie sollten doch uns mitnehmen. Doch sie wollten uns nicht. Unter den Polizisten waren richtig miese Schlägertypen. Und auch solche, mit denen wir vorher gesprochen hatten, gingen mit brutaler Gewalt vor. Man hatte das Gefühl, als müßten sie ihren Vorgesetzten beweisen, daß sie sich von unseren Argumenten nicht beeinflussen ließen. Sie zerrten junge Mädchen an den Haaren durch das abgebrannte Feuer. Einer jungen Elsässerin entrissen sie brutal ihr kleines zwei- oder dreijähriges Kind. In dem Gerangel wurde es fast an einen Baumstamm geschleudert. Es war eine furchtbare Szene. Ich heulte vor Wut und Scham vor so viel Unmenschlichkeit. Noch heute kommen mir Tränen in die Augen, wenn ich an diese Stunde denke.
Unsere Leute ließen sich wegtragen, ohne sich zu wehren. 54 Personen wurden festgenommen. Dicht neben mir saß ein junger bärtiger Student. Zwei Polizisten wollten ihn wegzerren, aber wir hielten ihn fest. Nun rissen sie ihn an seinen Haaren und an seinem Schal, so daß er blau anlief. Mein Mann schrie die Polizisten an: ›Wenn ihr den wollt, müßt ihr uns auch mitnehmen!‹ Sofort ließen sie ihn los. Plötzlich sagte eine beschwörende Stimme hinter mir: ›Kommen Sie doch mit, ich führe Sie weg von hier.‹ Es war der Projektleiter des Badenwerkes. Ich sah ihn voller Abscheu an und drehte ihm immer wieder den Rücken zu.
Nun fuhr der Wasserwerfer vor. Wir deckten uns notdürftig mit Plastikfolien ab, aber die Polizisten entrissen sie uns. Ungeschützt waren wir nun dem Wasserstrahl ausgesetzt. Brutal schlug der Wasserstrahl auf uns nieder. Mich traf die Wucht des Wasserstrahls ins Gesicht. Es tat sehr weh. Die Augen brannten und mein Gesicht war noch tagelang gerötet. Ich weiß nicht, welcher Stoff dem Wasser beigemischt war. Man verwendet ja heute einiges. Jedenfalls ist das Wasser allein schon demoralisierend genug.
So trieben sie uns wie eine Herde Tiere vom Platz. Niedergeschlagen, durchnäßt, müde und ausgebrannt traten wir den traurigen Weg zur Natorampe an. Dort warteten unsere Leute, die nicht mehr hatten zu uns vordringen können. Weinend fielen wir uns in die Arme. Da weinten ausgewachsene Männer vor Wut und Ohnmacht. Wir unterhielten uns schluchzend über die unglaublichen Vorkommnisse. Wir waren alle restlos fertig.
Eine nette Familie in Wyhl gab uns zu essen und Gelegenheit, uns zu waschen. Wir waren sehr dankbar dafür. Anschließend fuhren wir alle gemeinsam nach Emmendingen auf das Polizeirevier, um unsere verhafteten Kameraden frei zu bekommen. Diese Erlebnisse haben mit dazu beigetragen, daß wir allen Handlungen der Regierung und ihrer Parteien kritisch und ohne Illusionen gegenüberstehen. Ich möchte sagen, Wyhl sollte für alle ein heilsamer Schock sein. Er sollte uns alle darin bestärken, uns gegen das Unrecht durchzusetzen."
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Was wäre geschehen, wenn ...
"Was wäre geschehen, wenn wir Gewalt angewandt hätten? |
Annemarie Sacherer: Panik erfaßte unsere Herzen. Eine Winzerin erlebte die erste Platzräumung in Wyhl. In: Gewaltfreie Aktion, Heft 3/4-1977, S. 51 ff.
Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.