Home / Themen / Zivilcourage / Grundlagen / Gewaltfreiheit als Herausforderung
In einer Welt der Gewalt und Intoleranz eine Lebens- und (politische) Handlungsform zu finden, die dem Ideal des Menschseins entspricht und zudem ein brauchbares Mittel beim Durchsetzen von Interessen und zur Abwehr von Diskriminerung und Gewalt darstellt, war und ist die große Herausforderung unserer Zeit.
Gewaltfreiheit wird oft zunächst als erfolgversprechende Kampftechnik in politischen Auseinandersetzungen verstanden. Dies greift jedoch zu kurz, denn ohne die damit verbundene "Philosophie", die Überzeugung, daß das Leben das höchste Gut ist, das es unter allen Umständen zu achten gilt, stellen die angewandten Methoden nur Sozialtechniken dar, die aus zweckrationalen Gründen angewendet werden
Die Idee der Gewaltfreiheit versteht sich als Herausforderung und Alternative zu herkömmlichem Denken und Handeln. Sie ist eine Einstellung die den Verzicht auf Gewaltanwendung aus prinzipiellen Überlegungen heraus begründet und auch in ihrem politischen und persönlichen Verhalten zum Ausdruck bringt. Gewaltfeiheit ist also ein Lebensprinzip das Gewalt in allen Bereich ablehnt und zu überwinden sucht und dabei gleichzeitig am Aufbau von Alternativen zu den kritisierten Zuständen arbeitet. Dieses konstruktive aufbauende Element wird oft übersehen, da es eher im Verborgen völlig unspektakulär entwickelt wird.
Gandhi nannte diese Grundhaltung "Festhalten an der Wahrheit" (Satyagraha). Martin Luther King bezeichnete sie als "Kraft zum Lieben". Haß soll durch Liebe, Lüge durch Wahrheit und Gewalt durch schöpferische Aktionen überwunden überwunden werden. Dabei nehmen die gewaltfreien Akteure bewußt die Konsequenzen ihres Handeln in kauf.
Gewaltfreiheit geht also davon aus, daß Gewalt oder die Androhung von Gewalt Probleme nicht lösen, Ungerechtigkeiten und Unterdrückung nicht beseitigen kann.
Die angestrebten Konfliktlösungen sind dialogisch angelegt. Die vorlgenommene Unterscheidung zwischen Person und Rolle ermöglicht es, daß der Konfliktpartner als Mensch akzeptiert wird, während er in seiner Rolle als Repräsentant z.B. eines unterdrückerischen Systems zu bekämpfen ist. Auf diese Weise werden Feindbilder abgebaut und gemeinsame Perspektiven eröffnet.
Gewaltfreie Akteure haben für die Austragung von Konflikten vielfältige, phantasievolle Aktionsmethoden entwickelt, die die Wiederherstellung der Lebensmöglichkeiten der Menschen dienen. Diese Methoden zeigen Ungerechtigkeiten auf und versuchen sie zu beseitigen.
Dabei sind Konfliktlösungen und die Durchsetzung von Interessen gemeinwohlorientiert: Nicht Partikularinteressen Geltung zu verschaffen, sondern die Erhaltung und Schaffung einer Lebensmöglichkeit für alle Menschen sowie der Natur als Grundlage allen Lebens ist das Ziel.
Die Idee der Gewaltfreiheit mündet so auch in Gegenentwürfen zur bestehenden Gesellschaften bzw. gesellschaftlichen Teilsystemen. Die Entwicklung von Alternativen zum Bildungssystem, zur traditioneller Landwirtschaft, zu herkömmlichen Produktions-, Eigentums- und/oder Wohnformen, war und ist ein wichtiger Bereich gewaltfreien Denkens- und Handelns.
Als Fernziel wird deshalb auch eine sozial gerechte, demokratisch organisierte (Welt-)Gesellschaft gesehen, die es bereits heute anzustreben und wo immer möglich in Teilen zu realisieren gilt.