Home / Themen / Zivilcourage / Personen / Aung San Suu Kyi (1945)
Aung San Suu Kyi wurde 1947 als Tochter des im gleichen Jahr ermordeten Aung San geboren, der nach dem Zweiten Weltkrieg Burma aus der Abhängigkeit von Großbritannien führte. Als sie 15 Jahre alt war, verließ sie Burma zusammen mit ihrer Mutter, die als Botschafterin nach Indien ging. In Delhi studierte Suu Kyi Politische Wissenschaften und die Philosophie Mahatma Gandhis. Mit einem Stipendium für die Universität Oxford setzte sie ihr Studium in England fort. Danach arbeitete sie bei den Vereinten Nationen in New York. 1972 heiratete sie Michael Aris, einen Professor für tibetanische Geschichte in Oxford. Bis 1988 lebte sie dort unauffällig als berufstätige Hausfrau, schrieb ihre Doktorarbeit und organisierte den Haushalt für ihren Mann und ihre zwei Söhne.
Aung San Suu Kyi hat ihre Rolle als Oppositionsführerin nicht gesucht. Die Umstände im ärmsten und rückständigsten Land Süostasiens zwangen sie in die Politik. Im April 1988 kehrte sie nach Burma zurück, um ihre kranke Mutter zu pflegen.
Suu Kyi geriet mitten hinein in eine Zeit eskalierender Proteste gegen die seit 26 Jahren in Rangun herrschende Militärjunta. Die Lebensbedingungen wurden immer schlechter, die Unterdrückung immer massiver. Schüler und Studenten gingen schließlich auf die Straße - und die Bevölkerung zog mit. Es kam zu furchtbaren Zusammenstößen mit dem Militär und zu blutigen Übergriffen. Das Kriegsrecht wurde erklärt. Die meisten Führungspersönlichkeiten waren bereits ermordet oder inhaftiert.
Sie schrieb zunächst einen offenen Brief an die Militärregierung, in dem sie vorschlug, eine Arbeitsgruppe zu bilden, die den Weg zu einer freien Mehrparteienwahl ausarbeiten sollte. Die Militärs reagierten nicht. Schließlich ging sie an die Öffentlichkeit und wurde zur Integrationsfigur für alle im Kampf gegen die Militärjunta. Sie beschränkte sich nicht mehr nur auf's Reden, sondern beteiligte sich auch an den Protesten, ging mit auf die Straße und riskierte ihr Leben.
Für ihr Engagement wurde sie 1991 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Von den Militärs wurde sie unter Hausarrest gestellt.
Mit der Freilassung Aung San Suu Kyis im Juli 1995, nach sechs Jahren Hausarrest, ist in Burma noch kein demokratischer Frühling eingekehrt. Die Militärs sind sich ihrer Macht sicher und müssen auch nicht befürchten, sie zu teilen.
Dem Militär entgegengestellt
"Bei einer Demonstration im April 1989 hing das Leben von Suu Kyi an einem seidenen Faden. Sie ging, zusammen mit anderen, auf eine Gruppe schußbereiter Soldaten zu. Hinterher erzählte sie:
›Der Captain rief mir zu, daß wir hier nicht entlangmarschieren und die Straße blockieren dürften. Dabei waren es die Soldaten, die die Straße versperrten. Also sagte ich zu meiner Gruppe: ›Wir teilen uns auf: die einen gehen rechts und die anderen links an den Soldaten vorbei.‹ Der Captain erwiderte: ›Auch wenn ihr seitlich an uns vorbeigeht, werden wir schießen.‹ Ich war mir sicher, daß er nur versuchte, uns soweit wie möglich zu behindern, und daß ich genauso gut in der Mitte weitergehen könnte. Also tat ich das und ging mitten zwischen den auf der Straße knieenden Soldaten durch. In diesem Augenblick rannte ein Major auf den Captain zu und hinderte ihn daran, tatsächlich zu schießen. Da riß sich der Captain die Schulterstücke von der Uniform und schrie: ›Wofür ist das Zeug eigentlich noch gut?‹
Diesen Zwischenfall bezeichnete Suu Kyi später als ›Berufsrisiko‹.
›Angst korrumpiert‹, schrieb sie in einem Essay. ›In einem System, das die Existenz grundlegender Menschenrechte verleugnet, ist die Angst an der Tagesordnung: Angst vor Gefangenschaft, Folter, Tod, Angst vor dem Verlust von Freunden, Familie, Besitz oder Lebensunterhalt. Angst vor Armut, Isolation, Versagen. Eine besonders heimtückische Form der Angst gibt sich als gesunder Menschenverstand oder gar Weishheit aus und verteufelt die kleinen, alltäglich mutigen Taten, die die menschliche Würde und Selbstachtung bewahren, als verrückt, leichtsinnig, unwichtig oder nutzlos. Für ein Volk, das unter der eisernen Herrschaft des Prinzips, daß Macht Recht ist, von Angst beherrscht wurde, ist es nicht einfach, sich von deren quälenden Wirkungen zu befreien. Doch selbst unter der zerstörerischsten Staatsmaschinerie erhebt sich immer wieder Mut, denn Angst ist kein natürlicher Zustand für einen zivilisierten Menschen.‹"
Frankfurter Rundschau, 11.12.1991, S. 6.
Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.