Home / Themen / Zivilcourage / Personen / Leo Tolstoj (1828 - 1910)
Tolstoj, schon früh Waise geworden, studierte zunächst orientalische Sprachen, gab das Studium jedoch wieder auf und versuchte sich als Schriftsteller. Bereits seine erste Geschichte ("Geschichte des gestrigen Tages") fand große Beachtung. Seine Erlebnisse als Soldat im Krimkrieg bildeten die Grundlage für seinen späteren Antimilitarismus. Tolstoj wurde zum Schriftsteller und Moralisten. Die Eindrücke einer Hinrichtung und der Tod seines Bruders führten ihn zur Auseinandersetzung mit existentiellen Fragen. Nachdem er zunächst ein eher ausschweifendes Leben geführt hatte, identifizierte er sich zunehmend mit den Bauern und Ärmsten. Er trennte sich von allem persönlichen Besitz, gab Trinken und Rauchen auf und wurde strenger Vegetarier. Zugleich war er ein furchtloser Ankläger der zaristischen Verhältnisse.
Tolstojs "christlicher Anarchismus", wie seine Lehre oft genannt wird, faßte er in Anlehnung an die Bergpredigt in fünf Gebote zusammen: (1.) Du sollst nicht zürnen. (2.) Du sollst nicht ehebrechen. (3.) Du sollst nicht schwören. (4.) Du sollst dich dem Bösen nicht mit Gewalt widersetzen. (5.) Du sollst niemandes Feind sein.
Das Leben, das er als einen Prozeß der moralischen Selbstvervollkommnung verstand, sollte in Einklang mit diesen Geboten geführt werden. Das moralische Ideal war für Tolstoj ein einfaches, asketisches Leben, in dem jeder so wenig wie möglich von der Arbeit des andern abhängig ist. Er erkannte weder staatliche noch kirchliche Gesetze oder Normierungen an und suchte sein eigenes Sittengesetz zu finden. Er verneinte das Eigentum, den Staat, die Kirche, die an den Staat gebundene Justiz und erhob seine Stimme gegen den Krieg, gegen die gewaltsame Aushebung von Rekruten und die Bestrafung von Kriegsdienstverweigerern. Da Gewalt nur neue Gewalt herausfordert, ist das einzige Mittel, diesen Kreislauf zu durchbrechen, der Verzicht auf Gewalt. Tolstoj ging es weniger um eine politische als vielmehr um eine moralische Reform.
Sein Gedankengut hat viele Pazifisten, Christen und Anarchisten beeinflußt. So entwickelte z.B. Gandhi seine gewaltfreien Techniken unter dem Einfluß von Tolstoj und Thoreau.
Das Märchen von Iwan dem Narren
"(...) Der alte Teufel sah, daß sein Anschlag mißglückt war; da begab er sich zum Kakerlakenzaren und schmeichelte sich bei ihm ein. "Wir wollen dem Zaren Iwan den Krieg erklären und sein Land erobern", riet er ihm. "Er hat zwar kein Geld, aber Getreide und Vieh und sonstiges Gut in Menge."
Da rüstete der Kakerlakenzar zum Kriege. Er stellte eine große Armee auf, ließ Gewehre und Kanonen in Ordnung bringen, zog bis an die Landesgrenze und fiel in Iwans Reich ein.
Die Leute kamen zu Iwan und meldeten: "Der Kakerlakenzar bedroht uns mit Krieg." "Meinetwegen!" sagte Iwan.
Der Kakerlakenzar überschritt mit seinem Heer die Grenze, sandte Kundschafter aus, die Iwans Heer aufspüren sollten. Die Kundschafter suchten und suchten, aber nirgends war ein Heer zu sehen. Sollte man warten, bis es irgendwo auftauchte? Nirgends hörte man auch nur von einem Heere reden, es war niemand da, mit dem man hätte Krieg führen können. Da schickte der Kakerlakenzar seine Soldaten aus, die Dörfer zu besetzen. Die Soldaten zogen in ein Dorf ein: die Narren und Närrinnen kamen aus ihren Häusern gestürzt, sahen die Soldaten an und staunten. Die Soldaten nahmen den Narren ihr Getreide und ihr Vieh weg; die Narren gaben ihnen alles, und keiner wehrte sich. Die Soldaten zogen in ein anderes Dorf, da ging es ebenso. So zogen die Soldaten einen Tag durchs Land und noch einen - überall erlebten sie dasselbe: Die Leute gaben alles her, wehrten sich nicht und forderten die Soldaten auf, bei ihnen wohnen zu bleiben. "Wenn ihr's daheim nicht gut habt", sagten sie, "so kommt zu uns und bleibt bei uns!"
Lange Zeit zogen die Soldaten umher, aber nirgends stießen sie auf eine Armee. Überall wohnten friedliche Leute, die sich und andere durch ihre Arbeit ernährten, sich nicht zur Wehr setzten und die Eindringlinge aufforderten, bei ihnen zu bleiben.
Die Soldaten hatten es bald satt und kehrten zu ihrem Kakerlakenzar zurück. "Wir können keinen Krieg führen", sagten sie, "Führe uns in ein anderes Land! Das hier ist kein Krieg. Es ist, als ob man Brei mit dem Messer schneiden wollte. Wir können hier keinen Krieg führen." Da wurde der Kakerlakenzar böse und befahl den Soldaten, durch das ganze Land zu ziehen, die Dörfer zu verwüsten, die Häuser und das Getreide zu verbrennen, das Vieh abzustechen. "Wenn ihr meinem Befehl nicht gehorcht", sagte er, "lasse ich euch alle hinrichten."
Die Soldaten erschraken und erfüllten den Befehl des Zaren. Sie brannten die Häuser nieder, verbrannten das Getreide, töteten das Vieh. Die Narren aber verteidigten sich nicht, sondern weinten nur. Es weinten die Greise, es weinten die Weiber, es weinten die kleinen Kinder.
"Warum kränkt ihr uns?" sagten die Leute. "Warum zerstört ihr ohne Sinn und Verstand unser Gut? Braucht ihr etwas davon, so nehmt es nur!"
Da faßte die Soldaten der Ekel. Sie zogen nicht weiter, und das ganze Heer lief auseinander."
Leo N. Tolstoj: Das Märchen von Iwan dem Narren. In: Sämtliche Erzählungen 5. Band. Frankfurt 1980, S. 189 ff., Auszug. (Erstveröffentlichung: 1887)
Günther Gugel: Wir werden nicht weichen. Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996.